20. März 2008
Juno
„Schwanger! Na und?“ So aufreizend lässig geht die als kleine Sensation gepriesene Independent-Produktion ans Thema. Dass es überhaupt eine geworden ist, resultiert aus der ganz eigenwilligen Annäherung ans Heikle und zwar fernab aller Hollywood-, aber auch Independent-Kino-Klischees. Denn letztgenanntes lebt seinen Anspruch auf Andersartigkeit langsam aber sicher nur noch in sich ständig wiederholenden Stereotypen aus.
Das zumindest war nach dem adrett gespielten und Academy-beachteten „Little Miss Sunshine“ große Debatte. Jason Reitman, der mit „Thank You For Smoking“ vergangenes Jahr ein satirisches Regie-Debüt entzündet hat, antwortet auf der Leinwand: Und es geht immer doch noch anders.
Originelle Charaktere hält natürlich auch sein „Juno“ bereit; an erster Stelle die Titelheldin. Juno MacGuff (Ellen Page), gerademal zarte 16 (was man der in Wahrheit 21-Jährigen ohne misstrauisches Mustern abnimmt) und bereits „sexuell aktiv“, wie ihre Stiefmutter sich ausdrücken würde. Deren insgeheime Hoffnungen, das Kind könnte auch einfach nur von der Schule geflogen oder drogenabhängig sein, machen schnell der bösen Vorahnung Platz, dass es den arglosen Klassenkameraden Paulie Bleeker (Michael Cera) verführt und sich bei der Premiere prompt hat schwängern lassen.
Loben muss man diesen Film erst einmal für das, was er nicht tut: Wo Hollywood genregleich dramatisieren, moralisieren oder persiflieren würde, geht „Juno“ einen unaufgeregt unkonventionellen Weg: Katastrophe? Ja natürlich! Aber längst kein Drama. Passiert ist passiert, kein elterliches „Schon mal etwas von Verhütung gehört?“, dafür die kindliche Erkenntnis, eine Mutterrolle noch nicht ausfüllen zu können. Und die nüchtern-sachliche Frage: Abtreiben oder zur Adoption freigeben?
Die kesse Juno nimmt’s wie immer herzlich gelassen. Das bekommen wir schon in der ersten Szene mit auf den Weg, als sie sich im Verbalclinch mit dem Eckladen-Verkäufer drei positive Schwangerschaftstests erpinkelt. Im Anschluss an ihre Beichte kündigt Juno — als ginge es darum, eine verhauene Mathearbeit auszugleichen — den Eltern (J.K. Simmons und Allison Janney) an, sich ein kinderloses Vorstadt-Ehepaar zu suchen. Fündig wird sie in Mark (Jason Bateman) und Vanessa (Jennifer Garner), zwei Würdige aus der Welt besserverdienender Mittdreißiger mit einem Kühlschrank voller Kräuterlimo und eben beinahe glücklich.
„Juno“ trägt ein Ende voll süßer Unschuld aus
Bis jetzt hält sich das „Oscar“-prämierte Drehbuch von Debütantin Diablo Cody erstaunlich konfliktfrei. Denn die übrigen Juno Nahestehenden mischen die Angelegenheit nicht mehr groß auf, sie lassen die Dinge einfach geschehen; angefangen beim gutherzigen Vater, über die schwer zu verortende Stiefmama bis zur besten Freundin Leah (Olivia Thirlby). Ihr Tic-Tacs liebender Boyfriend Bleeker trainiert sowieso mit seinen Jungs, als wäre nur der nächste Wettlauf im Anmarsch und plötzlich auftauchende Muttergefühle gibt’s hier gleich gar nicht.
Daraus könnte man nun eine gewisse Spannungslosigkeit ableiten. Dem stehen jedoch zu jeder Zeit untermalt von einem hintersinnigen Soundtrack heiteres Spiel mit der Situationskomik und viel Verve in spitzzüngigen Dialogen entgegen, welche die ungeplante Teenager-Schwangerschaft mit nicht gekannter Leichtigkeit ein wunderbares Ende voll süßer Unschuld austragen lässt. „Juno“ ist deshalb so viel mehr ist als eine niveauvolle Komödie; da kann man es sich sogar erlauben langsam aufzuziehen, während die zwei Liebenden mit Akustikgitarren im Vorgarten „Anyone Else But You“ trällern.
Die wahre Attraktion, ohne die sich selbst ein derart inszeniertes Drehbuch nicht verkaufen lässt, ist die dafür als „Beste Hauptdarstellerin“ „Oscar“-nominierte Ellen Page. Und wenn sie jetzt für einen kurzen Moment wieder ihren roten Kapuzenpulli trägt, denken wir zwangsläufig an diese so ganz andere Rolle im perfiden Psycho-Thriller „Hard Candy“.
Sie ist gewachsen; so sehr, dass sie alles andere überspielt und in nur 96 Minuten einen der außergewöhnlichsten Leinwand-Teenager gebiert. Dabei ist es natürlich hilfreich, wenn das prägnante Drehbuch ungeachtet seiner Qualitäten die übrigen Charaktere weitgehend in Ruhe lässt. Sonst wäre aus „Juno“ vielleicht noch mehr als die kleine Sensation geworden, die alle in ihm sehen wollen.
