13. März 2008
U2 3D
Das Innovative an diesem Projekt steckt bereits im Titel; und mit der Brille für die dritte Dimension sehen sie plötzlich alle ein bisschen aus wie Paul David Hewson, vertrauter Bono. Der ließ sich und seine Band U2 2006 auf „Vertigo“-Tour von einem 3D-Kamerateam durch Südamerika begleiten. Das ist etwas ganz anderes als dreiviertelstündige Streifzüge durch Meer oder Urzeit in immer neuen Imax-Varianten. Technisch macht „U2 3D“ statt dessen einen beherzten Schritt zum (Konzert-)Kino der nächsten Dimension.
Eine alte Farbfilterbrille haben wohl die meisten in einer staubigen Zimmerecke herumliegen. Was weder Print noch Fernsehen so richtig bedienen konnte, soll nun durch in Fachkreisen als „echtes 3D“ betiteltes Verfahren dem menschlichen Gehirn endgültige räumliche Tiefenwirkung vorgaukeln. Zum Erzeugen eines solchen Eindrucks benötigt es zwei Bilder: eines für das linke und eines für das rechte Auge und zwar in leicht versetzten Abstand, in etwa dem der Augen entsprechend. Und tatsächlich wirken die Bilder bei „U2 3D“ verdammt plastisch!
Bislang den besseren Imax-Filmen vorbehalten, ist diese Produktion der erste Abendfüller, der die neue Technik nutzt und Bono, David „The Edge“ Howell Evans, Adam Clayton und Larry Mullen zum Greifen nah heranholen könnte. Leider tut er dies nur in den selteneren Fällen.
Die Live-Atmosphäre des Konzertes zu konservieren, gelingt dagegen grundsätzlich hervorragend; wenn ein ganzes Stadion „Sunday Bloody Sunday“ anstimmt, kribbelt’s auf der Haut, dröhnt der klare 5.1 Surround Sound sicher auch noch zwei Säle weiter durch die Wand und wenn die Kamera uns öfter mal mitten hinein stellt in die ersten wie hinteren Reihen, kann man schon mal vergessen, dass man doch nur im Kinosessel fläzt.
Umgesetzt wurde das (weitgehend frei von Publikumsansprachen und mit erstaunlich erträglichem Maß an Weltverbesserungspredigten) von zwei alten U2-Gefährten: Catherine Owens, seit 15 Jahren auf Tour für die Bildregie zuständig, Mark Pellington drehte nicht nur den Thriller „Arlington Road“, sondern auch den Clip zu U2s „One“.
An die 100 Stunden Material auf sieben Konzerten der „Vertigo“-Tour in Städten vierer verschiedener Länder — darunter Mexico City, Sao Paulo, Santiago, Chile und Buenos Aires — haben sie auf 84 Minuten verdichtet. Um endgültig (und damit auch Nicht-Fans) zu begeistern, wäre aber etwas mehr Mut zum Herumexperimentieren keine schlechte Strategie gewesen.
Und das soll nun nicht unbedingt heißen, dass es mehr der durchs Bild fliegenden Animationen und Buchstaben oder anderer Dimensionenspielereien bedurft hätte, die auf Leinwand anstelle der Videovorhänge für Bombast und Botschaft im Background sorgen.
Wenn nämlich der erste Anflug des Flashs verflogen ist, fällt auf, dass die 15 gezeigten Titel (darunter die Klassiker „Pride“, „Miss Sarajevo“, „Where The Streets Have No Name“, „The Fly“ oder „One“ ebenso wie auch die jüngeren Tracks „Beautiful Day“, „Love And Peace Or Else“, „Sometimes You Can’t Make It On Your Own“ und „Yahweh“) mehr oder minder nach gleichem Schema ablaufen.
Bono im Bild, dann überblendet von weichen, kreisende Bewegungen um die Bandmitglieder, die dabei immer mal wieder aus dem Geschehen gelöst und nach vorn gestellt werden, gefolgt von Overhead-Shots bevor die Totale Besucher und Bühne vereint, um das ganze Ausmaß der Veranstaltung deutlich werden zu lassen. Zum Abschluss geht’s hinein zwischen zusammenklappende Handflächen und ausgestreckte Zeigefinger. Übermäßig bewegt sich das Quartett dabei nun nicht auf dem weiten Bühnenrund.
Aber natürlich hat’s schon etwas, wenn Bono plötzlich den Mikroständer aus der Leinwand streckt oder Kunstnebelschwaden scheinbar in den Saal strömen. Den ganz magischen Moment, es gibt ihn auch: Bono feiert „With Or Without You“ und es scheint, als würde seine weit nach vorn gestreckte Hand tatsächlich unser Haar streichen wollen.
Abgesehen von diesen und einer handvoll ähnlicher Szenen fehlt es (noch) an einer eigenen 3D-Bildsprache. Auf der Bühne ist von supertotalen bis halbnahen Einstellungen alles dabei; Große oder gar Detailaufnahmen, gibt’s dagegen so gut wie nie zu schauen.
Und vielleicht vermisst man deshalb ein bisschen das Gefühl, diese große Rockcombo wirklich zum Greifen nahe zu haben. Etwas ganz Neues im gängigen Kinosaal bleibt „U2 3D“ natürlich trotzdem. Noch heißt es „I Still Haven’t Found What I’m Looking For“. Doch ging konventioneller Umgang mit der Innovation ja schon so manchem Quantensprung voraus.
