Von etwas weniger weit nördlich als die „Populärmusik aus Vittula“, genauer gesagt aus Hamburg, Arbeiterviertel Harburg, kommt uns nun noch Mitleidsloseres entgegentrompetet. „Fleisch ist mein Gemüse“, der schnell umkultete, autobiografische Debüt-Roman von Heinz Strunk führt in seiner Verfilmung als schrägschöne Coming-Of-Age-Inszenierung tief hinab ins erbärmliche Vollsuff-Paralleluniversum der Schützenfeste, Faschingssausen und Dorfhochzeiten.

Zur zweiten 80er-Hälfte tritt der sondersame Strunk (Maxim Mehmet), zarte 24 und voller Akne-Eiterblasen, als Mietmusiker auf; mit den Tiffanys, einer Tanzkapelle in pinken Sakkos und repertoirisch zwischen G.G. Anderson und „An der Nordseeküste“ schunkelnd. „Die immer gleichen endlosen Mucken“ eben, wie es im Buch heißt, das (bereits auf CD verlesen, vorgespielt und aufgeführt) nun zum fünften Mal vermarktet wird.

An der Seite des schleimigen Bandleaders und Dauergrinsers Gurki (ziemlich großartig: Andreas Schmidt) läuft er konsequent Geld, Ruhm und Frauen hinterher, macht aber auf der Bühne und Backstage regelmäßiger Bekanntschaft mit Korn und Gummiwürsten. Eine psychisch labile Mutter (Susanne Lothar), die todunglückliche Nachbarin (Livia S. Reinhard) und die Tatsache, dass er dreimal am Tag „abmelken“ muss, halten „Heinzer“ aber nicht vom Versuch ab, mit wechselnden Sängerinnen (Susanne Bormann und Anna Fischer) doch noch den Durchbruch als Saxophonist zu schaffen.

Diese zwischen Komödie, Groteske und Tragödie angesiedelte Geschichte einer „Landjugend mit Musik“ erzählt Strunk selbst und zwar als Jagdtrophäe seinem hirschigen Gegenüber, der bereits das Buchcover zieren durfte. Schöner Aufhänger, um den der Rolle entwachsenen Mann einzubinden, der eigentlich Mathias Halfpape heißt. Zwischen Stunk und Geweihträger öffnet sich der Vorhang für ein überaus skurriles Figurenarsenal auf der „falschen Seite der Elbe“, das die tägliche Bürde einer jeden Durchschnittsexistenz zu tragen hat.

Der selbstironische Blick zurück zahnt optisch wie zeitgeistig glaubhaft in die 80er; verknappt in 101 Minuten schon im Buch nur angerissene Handlungsstränge wie Heinz‘ Spielsucht und nimmt sich am Ende ein paar künstlerische Freiheiten. Jede Menge schon gern gelesene Sprüche („Swing Time Is Good Time, Good Time Is Better Time!“, „Der Mensch ist kein Beilagenesser“) und der Gastauftritt von Stunks Studio-Braun-Kollegen Rocko Schamoni als Schützenkönig sind die Spaßgaranten im Erstling von Christian Görlitz, der zeigt, dass nicht nur im schwedisch-finnischen Grenzgebiet mitunter ziemlich eigentümlich gelebt wird. Und der durchaus eigenständige Nachschlag ist sich dabei selbst Maxime. Denn einzig wichtig ist zum Schluss, das wissen wir, „ob du geil abgeliefert hast!“