Götz Widmann - "Böäöäöäöäöä"„Deutsch­land vor, Odon­kor, Neu­ville, Podol­ski, Asa­moah. Hallo Immi­grant, will­kom­men in unse­rem Land!“ Zur EM-​​Schlachtenbummlernummer hat’s für den Song um unse­ren Ein­wan­de­r­er­sturm nicht gereicht. Das Feld sei den Sport­freun­den über­las­sen. Immer­hin gibt’s nach acht Jah­ren end­lich wie­der mal ein Götz-​​Widmann-​​Lied über Fuß­ball und mit „Böäöäöäöäöä“ (Ahuga/​Alive) eine tolle Live-​​Scheibe für alle Alt­ein­ge­ses­se­nen, die sich mit dem etwas ver­kann­ten, band­ge­stütz­ten Vor­gän­ger nicht so recht anfreun­den woll­ten. Aus­söh­nung: Götz Wid­mann, wie man ihn (wie­der) lieb haben muss.

Auf sei­ner mitt­ler­weile fünf­ten Solo-​​CD macht der Bon­ner Lie­der­ma­cher zum zwei­ten Mal auf „Dro­gen“, spielt seine (dies­mal aus­schließ­lich neuen!) Songs live, alle auf­ge­nom­men bei der zurück­lie­gen­den Tour. Und er fängt dabei das ein, was den Frei­geist auf der Bühne (auch) so beson­ders macht: Seine Spon­ta­ni­tät. Zurufe aus dem Publi­kum kon­tert Wid­mann mit einem Lacher aus dem Ärmel. Seine Kon­zerte sind hei­tere Anek­do­ten­run­den in Wort (hier doku­men­tiert durch gleich fünf Lied­an­sa­gen mit Stand-​​Up-​​Comedian-​​Qualitäten) und Gitarre, quit­tiert von Gejohle und Geschrei.

Die Musik bleibt aber frei­lich Haupt­sa­che und schon beim ers­ten Stück ist klar, dass wie­der gut ist mit dem Schmu­se­kurs: „Böäöäöäöäöä“ röhrt er in bes­ter „Dispo“-Manier, da schlägt einem der Lebens­frust aus den Stahl­sai­ten ent­ge­gen, um der Lust fri­schen Boden zu berei­ten. Das „Korn­feld und der Wind“ und „Die trau­rige Köni­gin“ hei­ßen die ruhi­ge­ren Stü­cke für glück­lich wie unglück­lich Ver­liebte, aber unbe­küm­merte Hei­ter­keit herrscht vor: Man ist „Unfrei­wil­lig nackt im Web“ und zup­fend besingt Wid­mann den gene­ti­schen Fort­schritt: „Die dritte Hand“, eine Num­mer zeh­rend von Ide­en­reich­tum, schrä­gen Phan­ta­sien und Poin­ten, die einem gleich mehr­fach ein ver­schmitz­tes Lächeln ins Gesicht zaubern.

Er erzählt Geschich­ten aus 15 Jah­ren Tour; vom unger­ei­nig­ten Dasein eines „Klei­nen Büh­nen­mi­kro­fons“ etwa (jetzt weiß auch der unbe­darfte Laie, was ein Shure SM58 ist), dazu gibt’s neue Wahr­hei­ten über Traum­frauen (die im Ide­al­fall dem Gegen­teil der fran­zö­si­schen Femi­nis­tin „Simone de Beau­voir“ gleich­kom­men) und Wid­mann wid­met sei­nem Lie­der­ma­cher­kol­le­gen und „Lieb­lings­mons­ter“ Rüdi­ger Bier­horst aus Ber­lin sein ers­tes Lie­bes­lied mit männ­li­chem Adressaten.

Die musi­ka­lisch anspruchs­vollste und viel­schich­tigste Num­mer ist die Hip­pie­hymne „Ich durfte leben ohne Sol­dat gewe­sen zu sein“. Der Gitar­rero holt aus der Leise-​​laut-​​Bandbreite sei­nes Instru­ments raus, was geht und nach den Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rern darf sich ein ande­rer fürs kol­lek­tive Glück imma­nent wich­ti­ger Per­so­nen­kreis in „Wie ich eine Frau war“-Höhenlagen loben las­sen: die „Fah­rer“. Dem Dich­ter im Den­ker gebührt das letzte Wort und der kon­ter­ka­riert zwei­zei­lig rei­mend das Unwort der „Kli­ma­ka­ta­stro­phe“: „Lebens­abend unter Pal­men, Leute lasst den Schorn­stein qual­men! CO2 — ich bin dabei.“ Weil schöne Aus­sich­ten nicht zwin­gend etwas mit Jogis Jungs zu tun haben müssen.