18. April 2008
Kettcar — „Sylt“
Mit dem modernen Atlantis, der dem Untergang geweihten Nordseeinsel, betiteln Kettcar also ihre dritte Platte. Und auf „Sylt“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo) steht der Typ vom Balkon gegenüber plötzlich ganz alleine da: Keine aufmunternden Worte, wenig Wohltuendes, schon gar kein Überschwang. Kettcar drehen den Spieß.
„Befindlichkeitsfixiert“ — wie zu Anfang noch im Taxi weinend besungen — ist da nix mehr. „Wer auf Hochgefühl steht, muss bis auf weiteres Fahrstuhl fahren“, wie es ein Kritiker so anschaulich konstatierte. Aber was bitte hätte denn da auch noch groß kommen sollen — nach Seelenschmeichlern wie „48 Stunden“ und „Balu“? Es herrscht ein ungewohnt raues Klima, denn Kettcar wagen den Perspektivwechsel: Der Fokus verschiebt sich, aus dem Drinnen wird (wieder) Draufsicht.
Was „Sylt“ bei vergleichsweise wenigen Ein-Satz-Weisheiten und dafür viel Kryptischem („Die Bedeutung zahlt hier immer der Empfänger“, wissen wir ja) bleibt, ist die wogende Bilderflut. Durchs „Graceland“ feiern sich die Anfangsvierziger aus Hamburg ins neue Album; die „Arroganz als beste Waffe“-Party ist immer noch im vollen Gange, nur die Gäste sind ein bisschen älter, tun aber anders. Also ersäufen Kettcar mit der eingängigsten Nummer den grassierenden Jugendwahn („Graceland, Baby, man ist tot oder jung“) und spülen ohne sich selbst auszusparen majestätische Rock’n’Roll-Mythen auch gleich mit runter („Und ich weiß, weiß, weiß, der King ist der König, nur die tote Idee ist am Ende zu wenig. Elvis Has Left The Kartenhaus“).
Dann kommen die richtig bitteren Oden an die Geknickten und Gebrochenen; den gescheiterten Heimkehrer ins Hotel Mama („Würde“), „Geringfügig, befristet, raus“ ist schon deutlich genug, „Verraten“ trauert ein Sitzengelassener, „Wir müssen das nicht tun“, ein anderer nach dem „miesen Ende“ der langjährigen Beziehung, sagt statt „Freunde bleiben“ „leise fick dich“. Und wenn sich (der diesmal auch akustisch öfter schwer zu verstehende) Marcus Wiebusch mit Gastsänger Niels Frevert in aller Deutlichkeit „Am Tisch“ trifft, ist lange klar, dass Statusdenken und andere Gegensätze auch die Männerfreundschaft spätestens übermorgen zerstört haben werden.
Die bemitleidenswerten Protagonisten der Songs sind dabei ebenso zerrissen wie der musikalische Tenor, der bis zur Hüftschwung-Sabotage reicht. Bei gleich drei Produzenten (Tobias Siebert, Moses Schneider und Swen Meyer) auch weniger Wunder. Da zieht plötzlich dichter Electro-Smog auf („Fake For Real“); andernorts breiten sich nur noch undefinierbare Grauschleier über einem Kettcar-Himmel aus, der zuvor mal Licht, mal Schatten durchdringen ließ.
Nüchtern betrachtet sind es aber einfach nur noch realistischere Ansichten, verpackt in teils bitterste Geschichten über Menschen, die den Anforderungen des neoliberalen Zeitgeistes nicht mehr gewachsen sind. „Agnostik für Anfänger“ von Fortgeschrittenen. Warum ausgerechnet eine derart erfolgreiche Band wie Kettcar monothematisch über Looser singt? Vielleicht ja, weil mittlerweile ein jeder meint, sich auf sein Herz berufen zu können.
Vielleicht. Irgendwie sind die (einstmals so politischen) Bandmitglieder um Sänger Wiebusch und Schlagzeuger Frank Tirado-Rosales aber selbst Teil des linken Grundkonflikts, dieser Tage keine schöne Utopie mehr formuliert zu bekommen. War ja schon mal da: „Die Ideale, die sind alle geblieben; nur der Idealismus, der ist weg.“
Und bei „Wir werden nie enttäuscht werden“, dem (jetzt auch musikalischen) Aufbrecher in die harte Anfangs-90er–But-Alive–Zeit, bauen Kettcar dann den letzten Rest Sylt-Strand ab und bekräftigen im Akkord Satzfetzen schippend nochmals die tröstlichste Botschaft des Albums, dass es sich mit Lügen leben lässt. Dass wir irgendwann sowieso alle — ob mit oder ohne Selbstbeschiss — den Kürzeren ziehen, haben wir ja schon seit der zweiten Nummer gewusst: Denn „am Ende steht immer die Null. Und was wir dafür halten.“ Na also Kettcar… Geht doch noch!
