Kettcar - "Sylt"Mit dem moder­nen Atlan­tis, der dem Unter­gang geweih­ten Nord­see­in­sel, beti­teln Kett­car also ihre dritte Platte. Und auf „Sylt“ (Grand Hotel van Cleef/​Indigo) steht der Typ vom Bal­kon gegen­über plötz­lich ganz alleine da: Keine auf­mun­tern­den Worte, wenig Wohl­tu­en­des, schon gar kein Über­schwang. Kett­car dre­hen den Spieß.

„Befind­lich­keits­fi­xiert“ — wie zu Anfang noch im Taxi wei­nend besun­gen — ist da nix mehr. „Wer auf Hoch­ge­fühl steht, muss bis auf wei­te­res Fahr­stuhl fah­ren“, wie es ein Kri­ti­ker so anschau­lich kon­sta­tierte. Aber was bitte hätte denn da auch noch groß kom­men sol­len — nach See­len­schmeich­lern wie „48 Stun­den“ und „Balu“? Es herrscht ein unge­wohnt raues Klima, denn Kett­car wagen den Per­spek­tiv­wech­sel: Der Fokus ver­schiebt sich, aus dem Drin­nen wird (wie­der) Draufsicht.

Was „Sylt“ bei ver­gleichs­weise weni­gen Ein-​​Satz-​​Weisheiten und dafür viel Kryp­ti­schem („Die Bedeu­tung zahlt hier immer der Emp­fän­ger“, wis­sen wir ja) bleibt, ist die wogende Bil­der­flut. Durchs „Gra­ce­land“ fei­ern sich die Anfangs­vier­zi­ger aus Ham­burg ins neue Album; die „Arro­ganz als beste Waffe“-Party ist immer noch im vol­len Gange, nur die Gäste sind ein biss­chen älter, tun aber anders. Also ersäu­fen Kett­car mit der ein­gän­gigs­ten Num­mer den gras­sie­ren­den Jugend­wahn („Gra­ce­land, Baby, man ist tot oder jung“) und spü­len ohne sich selbst aus­zu­spa­ren majes­tä­ti­sche Rock’n’Roll-Mythen auch gleich mit run­ter („Und ich weiß, weiß, weiß, der King ist der König, nur die tote Idee ist am Ende zu wenig. Elvis Has Left The Kartenhaus“).

Dann kom­men die rich­tig bit­te­ren Oden an die Geknick­ten und Gebro­che­nen; den geschei­ter­ten Heim­keh­rer ins Hotel Mama („Würde“), „Gering­fü­gig, befris­tet, raus“ ist schon deut­lich genug, „Ver­ra­ten“ trau­ert ein Sit­zen­ge­las­se­ner, „Wir müs­sen das nicht tun“, ein ande­rer nach dem „mie­sen Ende“ der lang­jäh­ri­gen Bezie­hung, sagt statt „Freunde blei­ben“ „leise fick dich“. Und wenn sich (der dies­mal auch akus­tisch öfter schwer zu ver­ste­hende) Mar­cus Wie­busch mit Gast­sän­ger Niels Fre­vert in aller Deut­lich­keit „Am Tisch“ trifft, ist lange klar, dass Sta­tus­den­ken und andere Gegen­sätze auch die Män­ner­freund­schaft spä­tes­tens über­mor­gen zer­stört haben werden.

Die bemit­lei­dens­wer­ten Prot­ago­nis­ten der Songs sind dabei ebenso zer­ris­sen wie der musi­ka­li­sche Tenor, der bis zur Hüftschwung-​​Sabotage reicht. Bei gleich drei Pro­du­zen­ten (Tobias Sie­bert, Moses Schnei­der und Swen Meyer) auch weni­ger Wun­der. Da zieht plötz­lich dich­ter Electro-​​Smog auf („Fake For Real“); andern­orts brei­ten sich nur noch unde­fi­nier­bare Grau­schleier über einem Kettcar-​​Himmel aus, der zuvor mal Licht, mal Schat­ten durch­drin­gen ließ.

Nüch­tern betrach­tet sind es aber ein­fach nur noch rea­lis­ti­schere Ansich­ten, ver­packt in teils bit­terste Geschich­ten über Men­schen, die den Anfor­de­run­gen des neo­li­be­ra­len Zeit­geis­tes nicht mehr gewach­sen sind. „Agnos­tik für Anfän­ger“ von Fort­ge­schrit­te­nen. Warum aus­ge­rech­net eine der­art erfolg­rei­che Band wie Kett­car mono­the­ma­tisch über Loo­ser singt? Viel­leicht ja, weil mitt­ler­weile ein jeder meint, sich auf sein Herz beru­fen zu können.

Viel­leicht. Irgend­wie sind die (einst­mals so poli­ti­schen) Band­mit­glie­der um Sän­ger Wie­busch und Schlag­zeu­ger Frank Tirado-​​Rosales aber selbst Teil des lin­ken Grund­kon­flikts, die­ser Tage keine schöne Uto­pie mehr for­mu­liert zu bekom­men. War ja schon mal da: „Die Ideale, die sind alle geblie­ben; nur der Idea­lis­mus, der ist weg.“

Und bei „Wir wer­den nie ent­täuscht wer­den“, dem (jetzt auch musi­ka­li­schen) Auf­bre­cher in die harte Anfangs-​​90er–But-​​Alive–Zeit, bauen Kett­car dann den letz­ten Rest Sylt-​​Strand ab und bekräf­ti­gen im Akkord Satz­fet­zen schip­pend noch­mals die tröst­lichste Bot­schaft des Albums, dass es sich mit Lügen leben lässt. Dass wir irgend­wann sowieso alle — ob mit oder ohne Selbst­be­schiss — den Kür­ze­ren zie­hen, haben wir ja schon seit der zwei­ten Num­mer gewusst: Denn „am Ende steht immer die Null. Und was wir dafür hal­ten.“ Na also Kett­car… Geht doch noch!