Pas­sio­nierte PC-​​Spieler haben der Saga vier­ten Teil längst erkun­det. „Indiana Jones And The Fate Of Atlan­tis“ hieß das Lucas-​​Arts–Adven­ture aus dem Jahr 1992. Es blieb bekannt­lich beim Hof­fen und Gemun­kel, erst­mals könne der umge­kehrte Weg vom Game zum Movie bestrit­ten wer­den. Und doch macht sich Indy nun ent­ge­gen aller Erwar­tun­gen noch ein­mal auf. Anstelle der sagen­um­wo­be­nen ver­sun­ke­nen Stadt ist das „König­reich des Kris­tall­schä­dels“ sein Ziel; und zumin­dest der unver­wüst­li­che Archäo­loge soll nach zwei Stun­den bekom­men, wonach er sucht.

Auf das dumpfe Bauch­ge­fühl hört man nur kurz. Viel zu groß ist die Vor­freude auf ein Wie­der­se­hen mit den Lieb­lin­gen der Kind­heit und Jugend, die man auf der gro­ßen Lein­wand ob der spä­ten Geburt nie zu Gesicht bekom­men hat. Und wenn dann auch noch die Väter der Ori­gi­nale, Regis­seur Ste­ven Spiel­berg und Pro­du­zent George Lucas, Hand anle­gen, sind die Beden­ken, ein Arte­fakt wie Indiana Jones bei Aus­gra­bung und Zur­schau­stel­lung zu beschä­di­gen, schnell dahin. Ein Pro­jekt wie die­ser vierte Teil bezieht Reiz und Recht­fer­ti­gung schon dar­aus, nach so lan­ger Zeit die­sel­ben Macher hin­ter und natür­lich vor der Kamera zu wis­sen. Denn Har­ri­son Ford ist wie wenige Schau­spie­ler eins mit einer Rolle gewor­den, die im Gegen­satz zu einem James Bond ein­fach kein ande­rer spie­len darf: Er ist Dr. Henry „Indiana“ Jones Junior. Immer mehr der Alte, aber noch erstaun­lich rüstig.

Nach Bun­des­lade, Todes­tem­pel, Heil’gem Gral und viel viel Vor­ge­plän­kel darf’s den­noch Zwei­fel geben; schließ­lich sind „Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes“ (1981), der als bis­lang schwächs­ter Teil ein­zu­schät­zende, ein Jahr vor dem ers­ten spie­lende „Tem­pel des Todes“ (1984) und die Krone der Reihe, „Indiana Jones und der letzte Kreuz­zug“ (1989) mit Sean Con­nery als Jones Senior (der einen Cameo-​​Auftritt im vier­ten Teil lei­der abge­lehnt hat) echte Kino-​​Ikonen. Vor­freude bei­seite, der Film beginnt, die Erleich­te­rung lässt auf sich warten.

Eine unspek­ta­ku­läre Titel­ein­blen­dung, nichts zu sehen vom berühm­ten Schrift­zug in gelb und rot und anstelle des woh­lig gebla­se­nen „Indy-​​Themes“ führt Elvis Pres­leys „Hound Dog“ mit­ten in die 50er. Nach dem ver­meint­lich „Letz­ten Kreuz­zug“ sind 19 Jahre ver­gan­gen; und die haben natur­ge­mäß auch bei Har­ri­son Ford Spu­ren hin­ter­las­sen. Die Geschichte wurde des­halb kon­se­quen­ter­weise sei­nem Alter ent­spre­chend zu Zei­ten des Kal­ten Krie­ges ange­sie­delt, wo der Held mit Domp­teur­s­peit­sche und Fedora-​​Hut nicht mehr gegen Nazis, son­dern die von Cate Blan­chett (als Irina Spalko, aufs Paranor­male spe­zia­li­sierte Wis­sen­schaft­le­rin) ange­führ­ten Rus­sen ins Feld zieht.

Indiana Jones ist nicht „Shake, Rattle And Roll“

Wir hören, wie sich der Kof­fer­raum öff­net, ein Hut, eine Sil­hou­ette — mehr Pathos und Sym­bol­träch­tig­keit, um den Hel­den ein­zu­füh­ren, geht nicht. Indy und Freund Mac (Ray Wins­tone) sind von den Rus­sen gekid­nappt wor­den und die haben sich mit den bei­den Ver­schnür­ten zu jener Lager­halle vor­ge­schos­sen, die wir zuletzt am Ende des ers­ten Films zu Gesicht bekom­men haben. Die Bun­des­lade, Ruhe­truhe der zehn Gebote, ist auch noch da und ihr Kurz­auf­tritt einer von viel zu weni­gen Remi­ni­zen­sen an die drei Vor­gän­ger. Hier muss Indy die Kom­mu­nis­ten zu der Einen von unzäh­li­gen Holz­kis­ten füh­ren, die ein außer­ir­di­sches Über­bleib­sel des Roswell-​​Zwischenfalls ent­hal­ten soll.

Sein Ver­trau­ter ent­puppt sich rasch als Dop­pel­agent und wir atmen erst­mals auf, wenn sich Dr. Jones unge­ach­tet der Jahre in die Frei­heit turnt. Und doch wird nicht so getan, als hätte der Schluck aus dem Gral eine Nach­wir­kung: Der Held darf sich auch mal ver­schät­zen und am ange­peil­ten Ziel vor­bei­schwin­gen. Lächer­lich macht er sich dabei kei­nes­falls und wenn doch: Ein locke­rer Spruch und die Sache sitzt wieder!

Ehr­li­che Kinn­ha­ken statt CGI-​​Fights?

Über­läu­fer Mac bringt in Folge auch Henry Jones unter roten Ver­dacht, sein Lehr­stuhl kommt in die Abstell­kam­mer, ihn zieht’s nach Europa. Doch das Zusam­men­tref­fen mit dem jun­gen Mutt Wil­liams (Shia LaBeouf) und eine mys­te­riöse Karte des in Peru ver­schol­le­nen, auch Indy gut bekann­ten Pro­fes­sors Harold Oxley (John Hurt) ändern die Pläne. Es geht nach Aka­tor, wo sie bald auf Mutts Mut­ter Marion Wil­liams tref­fen — eine gebür­tige Ravenwood…

Indy ohne weib­li­chen Gegen­pol, das ginge nicht und auch wenn Ford im wah­ren Leben mit Calista Flock­hart eine fast 20 Jahre jün­gere Ver­lobte an sei­ner Seite wähnt, wäre es wohl nicht die beste Idee gewe­sen, dem alten Hau­de­gen irgend­ein jun­ges Ding anzu­dre­hen. Die hand– wie trink­feste Marion Raven­wood wurde ja schon in „Jäger des ver­lo­re­nen Schat­zes“ von Karen Allen gespielt und eine Bes­sere hat der Herr Pro­fes­sor weder in Kate Cap­shaw und schon gar nicht in Ali­son Doody gefun­den. Schö­nes Wie­der­se­hen, der Blick von Indiana — eine ein­ma­lige Geste! Und Mög­lich­keit für die Macher, in Folge einen gereif­ten Jones vor­zu­stel­len, der sich an spä­te­rer Stelle nach einem Sturz zuerst der Unver­sehrt­heit sei­ner alte Liebe ver­ge­wis­sert, den Schä­del Schä­del und die Arbeit Arbeit sein lässt.

Im Dreh­buch viel Wirres

Dass Mutt ein Ergeb­nis von „Wo tut’s denn noch weh?“ und damit der neue Junior ist, führt zu so man­chem net­ten Ver­bal­clinch und den­noch will sich trotz wei­te­ren selbst­iro­ni­schen (Indys Schlan­gen­pho­bie) wie erns­te­ren Bezug­nah­men (das Schick­sal von Mar­cus Brody und Henry Jones Senior: „Wir sind in einem Alter, in dem die Zeit beginnt, dir Dinge weg­zu­neh­men, Indy.“), den tro­cken­hu­mo­res­ken Ein­la­gen, ein paar Schau­er­mo­men­ten und natür­lich Fords unge­bro­chen kno­chi­gem Charme kein Gefühl der Zufrie­den­heit ein­stel­len. Obwohl es natür­lich ohne wei­te­res mög­lich gewe­sen wäre, die Story zeit­lo­ser und ohne polit­ge­schicht­li­chen Hin­ter­grund wie den zwei­ten Teil anzu­sie­deln, liegt das weni­ger am doch recht gewö­hungs­be­dürf­ti­gen Umstand, dass Indiana Jones nun­mal nicht „Shake, Rattle And Roll“ ist.

Am Set wurde sich näm­lich kräf­tig aus­ge­tobt, um ech­ten Fifties-​​Spirit auf­kom­men zu las­sen! Der Spaß an der Sache springt gera­dezu aus jedem Bild; Spiel­bergs Pro­tegé LaBeouf macht als poma­den­haa­ri­ger halb­star­ker Side­kick ob der Umstände aber eine eher unglück­li­che Figur, wäh­rend Cate Blan­chett (optisch mar­kant mit Prinz-​​Eisenherz-​​Schnitt) einen reich­lich ein­di­men­sio­na­len Cha­rak­ter abbe­kom­men hat. Ein mit­tels Score erhöh­ter Momen

t für die Ewig­keit, wie jener, als Ösi-​​Liebschaft Elsa Schnei­der in T

eil drei ihr dop­pel­tes Spiel ent­tarnt, um Indiana das Grals­ta­ge­buch abzu­neh­men — sie blei­ben Blan­chett wie dem gesam­ten Film vorenthalten.

Ein Indiana Jones wühlt in der Ver­gan­gen­heit, nicht in der Zukunft

Der wollte aber immer­hin Action­kino alter Schule sein und das heißt: Ehr­li­che Kinn­ha­ken statt CGI-​​Fights. Auch in die­ser Hin­sicht erweist sich „König­reich des Kris­tall­schä­dels“ als schlag­fer­tig. Ganz ohne Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung ging’s dann aber doch nicht und gerade die schon im Trai­ler ange­deu­tete wilde Dschun­gel­hatz — neben­bei längste Ver­fol­gungs­jagd im gan­zen Film — bei der kräf­tig mit Säbel wie Humor geras­selt wird, wirkt selt­sam bil­lig ange­sichts 185 Mil­lio­nen Dol­lar Pro­duk­ti­ons­kos­ten. Hinzu kommt, dass man­che Auf­nahme in ver­meint­lich freier Wild­bahn gera­dezu nach Stu­dio mieft.

Hauptär­ger­nis ist aber das nach zahl­lo­sen Fehl­fas­sun­gen schließ­lich von David Koepp total ver­kom­pli­ziert auf Moti­ven einer geplan­ten Epi­sode der TV-​​Serie „Die Aben­teuer des jun­gen Indiana Jones“ erdachte Dreh­buch, das nicht nur einen wür­di­ge­ren Aus­stieg aus der Geschichte ver­passt, son­dern erstaun­li­cher­weise einige Durch­hän­ger auf­weist und manch­mal bei­nah so wirr ist, wie die kryp­ti­schen Wort­fet­zen eines Pro­fes­sor Oxley. Ergo: Mit­rät­seln schier unmög­lich, wir fol­gen treu­doof dem berühm­ten roten Pfad auf der Landkarte.

Und was wir vor­fin­den, ver­stört. Mys­tisch ange­haucht war die eins­tige Tri­lo­gie immer. Gerade der Glau­ben an eine Sache — sei es nun der gött­li­che oder der ideo­lo­gi­sche — mag ein Fix­punkt des Fran­chise sein und viel­leicht fällt gerade des­halb der „Tem­pel des Todes“ ab, weil er eben nicht die­ser Deter­mi­na­tion unter­wor­fen ist. Als sich aber mehr und mehr her­aus­kris­tal­li­siert, dass der Schä­del außer­ir­di­scher Her­kunft ist, passt das viel­leicht noch in die Rubrik „I Believe“ oder in die gewählte Zeit, aber ganz sicher nicht mehr zur Reihe. Ein Indiana Jones wühlt in der Ver­gan­gen­heit, nicht in der Zukunft.

Gehört damit die Figur des Indiana Jones selbst ins zitierte Museum? Oder sogar wir selbst als Teil des Trilogie-​​Jahrzehnts? Das Ende des im Rah­men der vor­ge­leg­ten Ver­hält­nisse mit­tel­präch­ti­ge­ren Abenteuer-​​Zweistünders ist jeden­falls nur noch ein unmo­ti­vier­tes Quirl aus „Akte X“ und schlech­te­ren Klo­nen der Finals aus Teil eins und drei. Spiel­berg und Lucas besche­ren uns eine „Unheim­li­che Begeg­nung der vier­ten Art“. Ob’s in Atlan­tis oder sonstwo mehr zu holen gege­ben hätte? Es wäre so und so ein unglei­cher Kampf gegen die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit. Kra­men wir lie­ber in der Spie­le­samm­lung und wer­fen den Rech­ner an. Auf der Kino­lein­wand dürfte Indiana Jones sei­nen Hut genom­men haben.