20. Juni 2008
Free Rainer — Dein Fernseher lügt
Dem Establishment ans Bein pinkeln kann er ja ganz prima. „Die fetten Jahre sind vorbei“ hat Hans Weingartner 2004 kapitalismuskritisch proklamiert. Jetzt träumt der Weltverbesserer unter den deutschen Regisseuren vom mündigen Konsumenten, von der aufgeklärten Unterschicht. Deren Trash-TV im Stile der Samenrennen-Show „Hol dir das Super-Baby“ wird von Zampanos wie Rainer (Moritz Bleibtreu) produziert. Warum? Weil die Leute einschalten. Ein Zusammenstoß mit Pegah (Elsa Sophie Gambard) reißt den Dauerkokser aus dem Quotenwahn.
Er verbündet sich ausgerechnet mit jenem Mädchen, dessen Großvater er mittels Ätherrufmord in den Freitod getrieben hat und kündigt seinem Sender und der Verblödungsindustrie den Kampf an. Die Lücke im System ist schnell ausgemacht: Quotenhörigkeit. Mit einer handvoll „Macht kaputt, was euch kaputt macht“-Rekruten und manipulierten Zahlen versucht er Macher wie Gucker umzuerziehen.
Nötig haben wir’s ja — wie allein schon der Blick in die Programmzeitschrift zeigt. Nachhilfe in Quotenlehre gibt’s gleich dazu und weil eine Hochrechnung (die nur rund 13.000 deutsche, GEZ zahlende Staatsbürger berücksichtigt) etabliert, aber nun nicht unbedingt repräsentativ sein muss, bietet sich Stoff genug für medienkritische Ansätze.
„Mit links geht alles besser“, idealisiert Weingartner in „Free Rainer — Dein Fernseher lügt“ (Kinowelt Home Entertainment) weiter, dem hier leider ein wenig die satirische Balance abhanden kommt: Bleibtreus Spiel leidet unter einer doppelt überzeichneten Rolle ohne Entwicklungschance, die Debatten können sich so manchen Spontispruch wieder nicht verkneifen. Und doch rebelliert ein unterhaltsamer Anarchocharme in dieser relevanten, schön bebilderten Utopie vom klugen Fernsehen. Fuck The System, wenigstens ‚n bisschen.
