22. August 2008

Keinohrhasen

Ohne einen ein­zi­gen Kuss hat er das Genre der Roman­ti­schen Komö­die abge­schrit­ten. „Bar­fuss“ — ein Film, ein Titeltrack: „Abso­lu­tely Enter­tai­ning“! Mit dem ver­kapp­ten Nach­fol­ger ist Til Schwei­ger auch finan­zi­ell ganz vorn dabei: „Keinohr­ha­sen“ (War­ner Home Video) befin­det sich unter den Top Ten der erfolg­reichs­ten deut­schen Filme seit der offi­zi­el­len Zuschau­er­zäh­lung 1968. Dabei macht der Regis­seur, Pro­du­zent und Haupt­dar­stel­ler eigent­lich fast nichts anders als drei Jahre zuvor; näm­lich die Geschichte von ver­kann­tem Mäus­chen und lie­bes­ge­läu­ter­tem Arsch erzählen.

Unter aber­mals tol­lem Titel (jetzt auch in Sachen Ver­mark­tung samt Titel­tier ein Genie­streich!) gibt Schwei­ger den schwe­re­nö­ten­den Sudel­blatt­schrei­ber­ling Ludo Decker, der mit sei­nem Papa­razzo Moritz (Mat­thias Schweig­hö­fer) Stars und Schür­zen jagt. Als er halb­nackt in der Hoch­zeits­torte von Yvonne Cat­ter­feld und Wla­di­mir Klitschko lan­det (wobei Schwei­ger zu Fraus Freude gera­dezu pene­trant sei­nen makel­lo­sen Hin­tern zur Schau stellt), bekommt Ludo 300 Sozi­al­stun­den in einem Kin­der­hort zur Bewäh­rung auf­ge­brummt. Und hier arbei­tet Anna „Vier­auge“ Gotz­low­ski (Nora Tschirner), die er zu Kin­der­ta­gen bis aufs Blut gepie­sackt hat…

Aus die­ser heik­len Gegen­über­stel­lung zielt Schwei­ger aber­mals von hin­ten ins Herz, ver­wäs­sert 115 schön-​​komische (und etwas gefühl­lo­sere) Minu­ten aber mit voll­kom­men stu­pi­den Slapstick-​​Einlagen. Und gemeint ist hier gar nicht mal der Humor im Stile Män­ner­ka­te­go­ri­sie­rung in „die, die’s dir gar nicht machen, die Wüh­ler und die Pie­ker“. Die Dop­pel­deu­tig­kei­ten haben durch­weg Pass — aber was Wun­der, dass die FSK bei der­lei Gesprächs­the­men von sechs auf zwölf nach­ge­bes­sert wurde.

Tschirner passt dabei prima zur Rolle; sie kann auch genau des­halb gar nicht an die Vor­stel­lung ihrer Vor­gän­ge­rin Johanna Woka­lek ran­kom­men. Und Til Schwei­ger? Der spielt sowieso mit Vor­liebe sich selbst. Viel­leicht kann er als Dar­stel­ler auch nichts ande­res. Was er aber defi­ni­tiv ver­mag, ist Kino insze­nie­ren, mit Blick fürs Bild und dem Ohr für die musi­ka­li­sche Unter­ma­lung. Das wird ver­dammt schwer für den in Vor­be­rei­tung befind­li­chen Teil zwei, der im Dezem­ber 2009 anlau­fen soll.

Die Credits ganz ambi­tio­niert auf Eng­lisch ver­fasst, hat sich der Macher den akus­ti­schen Höhe­punkt dies­mal fürs Finale auf­ge­spart: „Mr. Brights­ide“ von den Kil­lers im elek­tro­las­ti­gen „Jac­ques Lu Cont’s Thin White Duke Remix“. Zuvor gibt’s noch Bloc Par­tys „I Still Remem­ber“, den „Sad Song“ von Au Revoir Simone und einen „Zau­ber­lehr­ling“ im dra­ma­ti­schen Rock­for­mat von den Jun­gen Dich­tern und Den­kern, die auch im Film ihren gro­ßen Musical-​​Auftritt haben.

Dazu optisch wie­der leicht ange­bräunt und bis ins Kleinste aus­ge­zeich­net besetzt. Genial: Rick Kava­nian als stie­ri­ger „Das Blatt“-Chefredakteur, Armin Rohde als kok­sen­der „Uiuiuiuiuiuiuiuiuiuiui“-Kinderunterhalter Bello aus dem Zi-​​Za-​​Zauberwald und Schweiger-​​Tochter Emma Tiger neben ihren drei Geschwis­tern als och­sen­knech­tige Cheyenne-​​Blue. Auch im Auf­ge­bot sind Bar­bara Rud­nik, Chris­tian Tramitz, Jür­gen Vogel in der Tot­la­che­r­er­öff­nungs­se­quenz und Wolf­gang Stumph als wohl brum­me­ligs­ter aller Taxi­fah­rer. Und wer so dasteht, darf gut und gerne auch mal auf der Stelle treten.