25. September 2008

Der Baader Meinhof Komplex

Es muss nicht immer Hit­ler sein, wenn sich das Kino deut­scher Geschichte besinnt. Schon 1985 schrieb Ex-„Spiegel“-Chefredakteur Ste­fan Aust am Dreh­buch der Gerichts­pro­zesse von „Stamm­heim“ mit, Hein­rich Bre­loer griff sich für sein Doku-​​Drama „Todes­spiel“ die Landshut-​​Entführung her­aus, Vol­ker Schlön­dorff spähte vor acht Jah­ren mit „Die Stille nach dem Schuss“ ins RAF-​​Exil DDR und Chris­to­pher Roth ver­mischte 2001 Fak­ten und Fik­tion um den Mythos „Baa­der“. Pro­du­zent Bernd Eichin­ger und sein Regis­seur Uli Edel dage­gen haben sich mit der Adap­tion von Austs Stan­dard­werk in Sachen RAF, „Der Baader-​​Meinhof-​​Komplex“, erst­mals an den ganz­heit­li­chen Ansatz gewagt.

Die radi­ka­li­sier­ten Kin­der der Nazi-​​Generation, ange­führt von Andreas Baa­der (Moritz Bleib­treu), sei­ner Part­ne­rin und Pas­to­ren­toch­ter Gudrun Ens­s­lin (Johanna Woka­lek), der links ange­sie­del­ten Jour­na­lis­tin Ulrike Mein­hof (Mar­tina Gedeck), Hol­ger Meins (Stipe Erceg) und Jan-​​Carl Raspe (Niels Bruno Schmidt) kämp­fen gegen das, was sie als das neue Mani­fest des Faschis­mus begrei­fen: die US-​​amerikanische Poli­tik in Viet­nam, im Nahen Osten und der Drit­ten Welt, die von füh­ren­den Köp­fen der deut­schen Poli­tik, Jus­tiz und Indus­trie unter­stützt wird. Die Rote Armee Frak­tion erklärt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land den Krieg. Und eine junge Demo­kra­tie wird über zehn Jahre hin­weg in ihren Grund­fes­ten erschüttert.

Dass es kein Drit­tes Reich wie in Eichin­gers Kam­mer­stück „Der Unter­gang“ mehr braucht, um in Über­see Heil zu emp­fan­gen, hat der „Oscar“-Gewinner „Das Leben der Ande­ren“ gezeigt. Aber eine Nomi­nie­rung für diese Tro­phäe muss ja noch nichts hei­ßen. Und sollte „Der Baa­der Mein­hof Kom­plex“ tat­säch­lich eine Chance haben, würde dies vor­aus­set­zen, dass sich die Ladies und Gent­le­men der Aca­demy aus Hol­ly­wood gründ­lich in die deut­sche Nach­kriegs­ge­schichte ein­ge­le­sen haben: Ange­fan­gen bei den Stu­den­ten­un­ru­hen mit den Prü­gel­per­sern beim Staats­be­such des Schahs, als der Zivil­be­amte Karl-​​Heinz Kur­ras in der Krum­men Straße einen Todes­schuss auf den Hin­ter­kopf des Stu­den­ten Benno Ohnes­org (Mar­tin Glade) abfeu­ert und eska­lie­rend beim Atten­tat auf den Wort­füh­rer der west­deut­schen Stu­den­ten­be­we­gung, Rudi Dutschke (Sebas­tian Blomberg).

Und wei­ter mit den Frank­fur­ter Kauf­haus­brän­den, der Baader-​​Befreiung, der mili­tä­ri­schen Aus­bil­dung in Jor­da­nien, den ers­ten Bank­über­fäl­len und Bom­ben­an­schlä­gen auf US-​​Militär, het­zen­den Axel-​​Springer-​​Verlag und andere bun­des­deut­sche Ein­rich­tun­gen, der als „Iso­la­ti­ons­fol­ter“ gebrand­mark­ten Inhaf­tie­rung von Baa­der, Mein­hof und Co. im Hoch­si­cher­heits­trakt der JVA Stuttgart-​​Stammheim und den blu­ti­gen Frei­pres­sungs­ver­su­chen der zwei­ten Gene­ra­tion um Bri­gitte Mohn­haupt (Nadja Uhl) mit der Gei­sel­nahme von Stock­holm, Lands­hut– und Schleyer-​​Entführung, der Erschie­ßung von Gene­ral­bun­des­an­walt Sieg­fried Buback und Dresdner-​​Bank-​​Vorstandssprecher Jür­gen Ponto, endend mit der Todes­nacht von Stamm­heim und Ermor­dung des Arbeit­ge­ber­prä­si­den­ten. Und dies sind nur wesent­li­che Sta­tio­nen, die der Film sei­nem Kon­zept nach in 150 Minu­ten abar­bei­ten muss.

Nur noch illus­trierte Schlagzeile

Aber eine jour­na­lis­ti­sche Chro­nik des Ter­rors, wie sie Austs Werk dar­stellt, von 1967 bis zum „Deut­schen Herbst“ ’77 — das ist selbst für diese Lauf­zeit zu viel. Stel­len­weise reicht es nur zu illus­trier­ten Schlag­zei­len; und die wer­den dann mit ent­spre­chen­den (Original-)Aufnahmen und sich über­la­gern­der Nach­rich­ten­spre­cher abge­hakt — wer nicht vorn­weg im Bilde ist, bleibt außen vor. Fatal für einen Film, der es sich (auch) zum Ziel setzt, eine viel­fach in Unkennt­nis lebende Jugend fürs Thema zu sensibilisieren.

Der Gefahr, dies über ein Action-​​Gewitter zu ver­kau­fen, sind Eichin­ger und Edel indes nicht erle­gen. Knall­ef­fekt gibt’s allen­falls, wenn man Gewalt als sol­che bezeich­nen möchte: Eine hoch­ge­hende Auto­bombe, abge­trennte Glied­maße oder 119 Kugeln in den Kör­pern von Schley­ers Begleit­mann­schaft sind im Film das, was sie damals waren. Wie aber kam es über­haupt so weit, dass eine Truppe Welt­ver­bes­se­rer der­art übers Ziel hin­aus­ge­schos­sen und in blu­ti­gem Ter­ro­ris­mus geen­det ist?

Für Polit­theo­rie und Psy­cho­lo­gie, groß­ar­tige Erklä­run­gen, geschweige denn ein Nach­er­le­ben bleibt keine Zeit. Und hier macht sich das ver­sam­melte Star-​​Ensemble nega­tiv bemerk­bar: Abge­se­hen von unfrei­wil­li­ger Stadtguerilla-​​Sympathie ob der Schön­hei­ten Susanne Bor­mann oder Alex­an­dra Maria Lara, besteht die große Gefahr darin, dass die Hand­lung nicht mehr im Zen­trum des Inter­es­ses steht; etwa, wenn einer wie Tom Schil­ling nur dazu dient, als Dutschke-​​Attentäter Josef Bach­mann abzu­drü­cken, um dann wie­der aus dem Plot zu verschwinden.

„Hört auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren!“

Abge­se­hen von den bekann­ten Köp­fen bleibt Eichin­gers Pro­duk­tion wie schon die Vor­lage neu­tral. Da ein Mit­ge­fühl den Opfern gegen­über schon des­halb unmög­lich ist, weil sie auf Cha­rak­ter­mas­ken redu­ziert blei­ben, ver­bu­chen die Geg­ner (zumin­dest ihre maß­geb­li­chen, der Rest an Tätern geht gleich­falls unter) des „Schwei­ne­sys­tems“ aller­dings leichte Plus­punkte in einer ansons­ten durch­weg gewis­sen­haf­ten Auf­ar­bei­tung, die sich nicht wie andere Pro­duk­tio­nen dem Vor­wurf aus­set­zen las­sen muss, ihren Prot­ago­nis­ten lin­ker­seits mit einer gewis­sen Zunei­gung zu begeg­nen: „Ihr habt sie nicht gekannt. Hört end­lich auf sie so zu sehen, wie sie nicht waren!“, gibt das Dreh­buch nicht nur Mohn­haupts Mah­nung an die zweite Gene­ra­tion vor, die ebenso die letz­ten Spren­gel Pro-​​RAF-​​Stimmung in der Bevöl­ke­rung zum Kip­pen gebracht wie auch die Linke im Lande end­gül­tig gespal­ten hat. Bei­des wird im Film nicht deutlich.

Das Abbild ist aber viel­fach äußerst stim­mig, nimmt man die mil­lio­nen­fach repro­du­zier­ten Auf­nah­men aus der dama­li­gen Zeit zum Maß­stab, etwa der erschos­sene Ohnes­org (selbst das Käfer­kenn­zei­chen stimmt über­ein), Dutsch­kes Rede oder die Fest­nahme des blon­dier­ten Baa­der. Auch wenn sich die Todes­nacht von Stamm­heim kei­nen Spe­ku­la­tio­nen um die von vie­len bis heute in Frage gestellte Selbst­tö­tung hin­gibt, leis­tet man sich zum Schluss eine künst­le­ri­sche Frei­heit: Andreas Baa­der war jeden­falls sicher nicht das gute Gewis­sen der RAF. Ansons­ten spielt Bleib­treu aber den rabau­ken­haf­ten Drauf­gän­ger nach, als der er über­lie­fert ist.

Anonym Agie­rende — ein Ärgernis

Über­haupt trifft die Beset­zung (wäre sie denn nur nicht zu pro­mi­nent) ihre Vor­bil­der. Von Gedecks Mein­hof bis hin zu Bruno Ganz als Lei­ter des Bun­des­kri­mi­nal­amts und fil­mi­sches Sym­pa­thie­zen­trum Horst Herold. Und gera­dezu ver­blüf­fend ist die Ähn­lich­keit zwi­schen einer fana­tisch auf­spie­len­den Johanna Woka­lek als „hei­lige Selbst­ver­wirk­li­che­rin“ Gudrun Ens­s­lin, die zeigt, dass sie auch die Kehrt­wende der zer­brech­li­chen Leila aus Til Schwei­gers „Bar­fuss“ im Reper­toire hat. Das Schwä­beln hat man ihr ebenso wie dem Rich­ten­den abge­wöhnt — gut so, die Authen­ti­zi­tät wäre in bäu­er­li­che Lächer­lich­keit gekippt.

Anony­mi­tät ist dage­gen ein Ärger­nis, das sich der bis dato teu­erste deut­sche Film durch­weg leis­tet. Die Agie­ren­den — zumal jene, die unge­ach­tet ihrer bis zum heu­ti­gen Tag bedeu­ten­den Rol­len nur Rand­fi­gu­ren blei­ben müs­sen — wer­den dem Publi­kum oft über­haupt nicht vor­stel­lig. Dabei ließe sich das ohne wei­te­res im Dia­log bewerkstelligen.

Wer sich mit der RAF-​​Geschichte zumin­dest ober­fläch­lich beschäf­tigt hat, weiß natür­lich, dass dies wohl Ste­fan Aust gewe­sen sein muss, der da eben Ulrike Mein­hofs Kin­der ein­ge­sam­melt hat; Chris­tian Klar gerade die Schüsse auf Ponto abgibt, wäh­rend Peter-​​Jürgen Boock vor dem Haus den Flucht­wa­gen star­tet. Aber war das nun der Otto Schily neben dem hun­ger­strei­ken­den Hol­ger Meins?

Unge­klärt bleibt neben sol­chen Details die grund­sätz­li­che Frage, ob und wie man diese wich­tige Geschichts­lek­tion in ihrer Gesamt­heit hätte anders auf­be­rei­ten kön­nen. Das wäre wohl nur als Mehr­tei­ler mach­bar gewe­sen — und die gehö­ren nun­mal ins Fern­se­hen (eine lang­sa­mer erzählte TV-​​Fassung soll es noch geben) und nicht auf die Lein­wand. Denn dort bleibt Austs Kom­pen­dium ein Kom­pro­miss: Gelun­gen bebil­der­tes Exper­ten­wis­sen, das für Laien zu kom­plex bleibt, um dar­aus nach­hal­tige Leh­ren zu ziehen.