Jür­gen GoertzBruch­sal — Die Barock­stadt ist um einen wei­te­ren Goertz­schen Blick­fang rei­cher, der neu gestal­tete Bruch­sa­ler Fried­richs­platz samt Brun­nen­an­lage „Faun und Nym­phe“ offi­zi­ell ein­ge­weiht. Patrick Wurs­ter sprach mit Jür­gen Goertz — jenem Künst­ler, der so gerne Wider­sprü­che in Alu­mi­nium, Bronze, Edel­stahl und Blatt­gold plas­tisch wer­den lässt — über sei­nen iro­ni­schen Flirt mit der Kunstgeschichte.

???: Was steckt hin­ter Ihrem mytho­lo­gi­schen Ansatz „Faun und Nym­phe“?
Jür­gen Goertz: Die Pro­vo­ka­tion mei­ner Arbeit liegt im Zitat his­to­risch abge­stan­de­ner Motive. Faun und Nym­phe sehe ich dabei etwas abs­trak­ter: Für mich cha­rak­te­ri­sie­ren sie den ewi­gen Geschlech­ter­kampf zwi­schen Mann und Frau.

???: Was fin­den Sie an Gegen­sät­zen so anzie­hend?
Goertz: Es ist der Kon­trast, der mich reizt. In der Kunst ist es immer span­nend, wenn man Unglei­ches gegen­ein­an­der aus­spie­len kann.

???: Der Faun ist als Brun­nen­skulp­tur kon­zi­piert, die Nym­phe dage­gen steht frei…
Goertz: Bei mir kommt die Frau meist bes­ser weg. Der Mann ist eher in der die­nen­den Rolle; funk­tio­na­li­siert, instrumentalisiert.

???: Wie passt da ein Groß­her­zog ins Gesamt­kon­zept des Plat­zes?
Goertz: Fried­rich I. von Baden und Luise sind zwei Vor­zei­ge­per­sön­lich­kei­ten. Und auch diese feu­da­len Figu­ren hole ich in die Gegen­wart, prä­sen­tiere sie aber ganz anders, als man es damals getan hätte. Beim Medail­lon auf der vor­de­ren Gie­bel­seite des War­te­häus­chens, dem Faun-​​und-​​Nymphen-​​Reigen, habe ich dage­gen ein sti­lis­ti­sches Zitat aus dem Spät­ba­rock ver­wen­det. Das sind augen­zwin­kernde Grüße Rich­tung Schloss. Und die „Vier Jah­res­zei­ten“ zie­hen sich durch die gesamte Kunst­ge­schichte. Auch hier ist es wich­tig, dass man sie immer wie­der anders defi­niert. Aber: Bei der Deu­tung von Kunst im öffent­li­chen Raum kann es kei­nen Kon­sens geben — sie muss Gesel­lig­keit, muss Kom­mu­ni­ka­tion aus­lö­sen. Es gefällt mir, wenn in meine Werke hin­ein­in­ter­pre­tiert wird. Der Bür­ger hat diese Frei­heit, das ist seine krea­tive Leis­tung. Und sofern die Kunst sol­che Vor­aus­set­zun­gen schafft, ist das schluss­end­lich auch ein Teil von ihr.

???: Warum ist die Kopf­ge­stalt von Groß­her­zog Fried­rich nun doch nicht wie geplant an der Fas­sade des Palais ange­bracht wor­den?
Goertz: Das hat sich auf­grund der ver­wen­de­ten Natur­stein­plat­ten als schwie­rig erwie­sen. Die Sta­bi­li­tät wäre nicht gewähr­leis­tet. Also hat man beschlos­sen, ihn mit Abstand zum Haupt­ein­gang freizustellen.

???: Wie gehen Sie mit Kri­tik an Ihrem Werk um? Gerade das „Rol­ling Horse“ vor dem Ber­li­ner Haupt­bahn­hof hat jüngst große Kon­tro­ver­sen aus­ge­löst.
Goertz: Je wei­ter man nach oben kommt, desto win­di­ger wird es. Natür­lich sind nicht alle Künst­ler­kol­le­gen erfreut, dass nun einer wie ich aus dem Süd­wes­ten nach Ber­lin kommt; und wenn ein ein­zel­ner dann eine Pole­mik los­bricht, weiß er genau, dass er viele andere mit sei­nen Wor­ten für den Moment zufrie­den­stellt. Andere Künst­ler, die dar­über ver­är­gert sind, dass nicht sie den Auf­trag erhal­ten haben. Das ver­selb­stän­digt sich und irgend­wann spielt die Kunst als Streit­ob­jekt keine Rolle mehr. Das Pferd ist heute jeden­falls eines der meist­fo­to­gra­fier­ten Motive in Berlin.

???: Das „S-​​Printing Horse“ in Hei­del­berg, der „Wagen­len­ker“ am Min­gols­hei­mer Markt­platz, das „Rastat­ter Rät­sel“, in Bruch­sal der „Pega­sus“ im Tech­no­lo­gie­dorf, die „Ordens­schwes­ter“ am Kran­ken­haus, in Karls­ruhe der „Musen­gaul“ vorm Badi­schen Staats­thea­ter, das „Ku(h)riosum“ zu Bietigheim-​​Bissingen oder doch das „Rol­ling Horse“ — gibt es in Ihrem lang­jäh­ri­gen Schaf­fen ein Lieb­lings­kunst­werk?
Goertz: Das lässt sich nicht ohne wei­te­res mit­ein­an­der kon­fron­tie­ren. Mein Werk wird man eines Tages in sei­ner gan­zen Viel­falt beur­tei­len müs­sen. Eine ein­zelne Arbeit ist immer im Zusam­men­hang mit dem jewei­li­gen Stand­ort zu sehen. Und dabei gibt es natür­lich Stand­orte, die außer­ge­wöhn­lich sind; etwa der Tier­gärt­ner­t­or­platz in Nürn­berg, der älteste mit­tel­al­ter­li­che Platz. Dort steht ein von mir ent­wor­fe­ner Hase nach Dürer. Ob ich die­sen jetzt als mein gran­dio­ses­tes Werk betrachte, sei dahin­ge­stellt. Aber der Platz ist ein sehr ehrenvoller.

???: Und der Bruch­sa­ler Fried­richs­platz?
Goertz: Es ist ein gro­ßes Kom­pli­ment für mich, in Bruch­sal nicht mehr nur in der Peri­phe­rie ver­tre­ten zu sein. Man hat erkannt, dass ich als Künst­ler neo­ba­ro­ckes Lebens­ge­fühl ver­kör­pere und durch mei­nen iro­ni­schen Flirt mit der Kunst­ge­schichte ist ein Stück Urba­ni­tät in die Innen­stadt geflossen.