10. Oktober 2008

Tomte — „Heureka“

Tomte - "Heureka"Es ist keine leichte Auf­gabe, etwas zu fin­den, das man eigent­lich gar nicht suchen wollte. Denn Tomte haben für „Heu­reka“ (Grand Hotel van Cleef) Beset­zung und Instru­mente der­art durch­ge­mischt, dass es die unge­stümste Schrammel-​​Kombo nicht bes­ser hin­be­kom­men hätte.

Schlag­zeu­ger Timo Boden­stein hat die Staf­fel­höl­zer schon zu Jah­res­an­fang über­ge­ben; für ihn setzt sich der bis­he­rige Key­boar­der Max Schrö­der alias Der Hund Marie auf den Sche­mel, Simon Front­zek stellt sich an sei­ner Stelle hin­ters Key­board und dann musste im August auch noch Olli Koch wegen ent­zün­de­tem Hand­ge­lenk den Bass aus der Hand legen.

Niko­lai Pott­hoff heißt der Neue, damit haben nur noch Thees Uhl­mann (Gesang, Gitarre) und Den­nis Becker (Gitarre) ihre ange­stamm­ten Posi­tio­nen inne. Und als wär’s kein Ding — ein Understatement-​​Röspern, ein Pia­no­l­auf, Gitar­ren drauf und „Heu­reka“! So viel Schmiss wie der Opener haben nur wenige Tomte-​​Nummern; und der ganze Rest des Albums nicht mal zusam­men­ge­nom­men. Wäh­rend die Label-​​Kollegen von Kett­car über ihrem „Sylt“ ein Unwet­ter zusam­men­brauen, rei­hen Tomte zwar über zwölf Tracks einen erha­be­nen Pop-​​Moment an den ande­ren, kämp­fen aber immer wie­der dage­gen an, ihren mini­ma­lis­ti­schen Sound in Schön­heit ster­ben zu lassen.

Das gelingt in der ers­ten hal­ben Stunde noch ganz gut. Uhl­mann besingt mit sei­ner leicht kla­gen­den Stimme immer wie­der die Sehn­sucht nach Liebe und Leben; for­mu­liert wie­der wun­der­bare, lied­ge­wor­de­nen Gedan­ken („Wir heben unser Glas in Demut, ich erin­nere mich an alles und jeden. Such Dir jeman­den, der Dir nicht weh­tut. Du nennst das Pathos und ich nenn es Leben“), schaut von sei­ner Wahl­hei­mat Ber­lin aus in der Han­se­stadt nach dem Rech­ten („Wie sieht’s in Ham­burg aus“) und adelt den vom Label abge­wan­der­ten Olli Schulz mit einem Songzi­tat („Voran voran“).

Nach „Küss mich wach, Glo­ria“ pennt die Platte etwas weg — hält aber ein Auge offen, weil „Nichts ist so schön auf der Welt, wie betrun­ken trau­rige Musik zu hören“ sich in uner­war­tete Höhen schraubt und es mit „Dein Herz sei wild“ denn auch titel­ge­mäß wie­der leben­di­ger endet.

Wohl­ge­merkt: Die Auf­gabe, eine Stim­mung zwi­schen unbän­di­ger Eupho­rie und unglaub­li­cher Berührt­heit gleich­mä­ßig über einem Album zu ver­dich­ten wie beim Vor­gän­ger „Buch­sta­ben über der Stadt“ kann nicht alle Monate gelin­gen. Und dass auf der Sin­gle Felix Geb­hard von Home Of The Lame mit rei­ner Gitar­ren­be­glei­tung mehr Span­nung aus der Num­mer „Küss mich wach, Glo­ria“ her­aus­holt, ist sicher kein Indiz, dass auch Uhl­mann hätte durch­ro­chie­ren sol­len. Thees ist Tomte und das mehr denn je. Aber viel­leicht dafür, dass man etwas zu sehr danach getrach­tet hat — gerade ob der Beset­zungs­wech­sel — dem per­fekt ein­ge­spiel­ten, neu­er­dings har­mo­nie­süch­ti­gen Tomte-​​Sound nach­zu­ei­fern. Das ist jeden­falls defi­ni­tiv voll­bracht. Und Heu­reka! Es gibt weiß­gott leich­tere Auf­ga­ben im Leben.