5. November 2008
Die Koexistenten
Bruchsal — Seit gut einem halben Jahr geht die Barockstadt ins Exil. Die kaum genutzte Aula der Handelslehranstalt (HLA) ist vom Amateurtheater zur Spielstätte umfunktioniert worden, vier große Produktionen stehen zu Buche. Der künstlerische Leiter und stellvertretende Vorsitzende des Exil Theaters, Bernhard Wendel, zieht ein Jahr nach Vereinsgründung befragt von Patrick Wurster ein Resümee.
???: Mit Molières „Le Tartuffe“ begann das Exildasein. Viele der Macher waren zuvor maßgeblich bei der Koralle engagiert. Ist in Bruchsal Platz genug für zwei Amateurbühnen?
Bernhard Wendel: Es gab in Bruchsal immer drei Theater: die Badische Landesbühne, die Koralle und das in der Auflösung begriffene Iwwerzwerch, wovon sich viele Mitglieder unserem Verein angeschlossen haben. Deshalb können auch jetzt beide Theater koexistieren. Und wenn wir bei unseren Vorstellungen den roten Teppich auslegen und die Scheinwerfer einschalten, dann bleiben viele Leute stehen; schon deshalb, weil die Vergnügungsmeile nicht weit ist. Manch einer ist so schon Teil unseres Stammpublikums geworden.
???: Warum kam es denn zur Abspaltung von der Koralle?
Wendel: Der Bruch rührt vor allem von künstlerischen Differenzen her. Wir wollten viel aktiver sein und den Akzent wieder mehr aufs Theaterspiel legen.
???: In den ersten zwölf Monaten haben sich die Mitgliederzahlen auf 50 verdoppelt, darunter viele junge Leute. Wie kommt das?
Wendel: Das liegt auch an der Musik– und Kunstschule, die seit 15 Jahren eine hervorragende Basisarbeit macht. Und was tun die Jungen, wenn sie im Berufsleben stehen und wieder Theater spielen wollen? Sie kommen zu uns.
???: Die Aula der HLA ist zentral gelegen, keine fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Ihr Wunschdomizil?
Wendel: Nachdem mir vom Schulleiter Gerold Greil bestätigt wurde, dass die Aula den Großteil des Jahres ungenutzt ist, habe ich vor eineinhalb Jahren beim Landratsamt Karlsruhe im Amt für Schule und Kultur angerufen und gesagt: „Wir wollen die Halle mieten.“ Dafür hatte die Sekretärin des Amtsleiters zwar keinen Vordruck in der Schublade, aber wir haben dann doch noch einen Weg außerhalb der Gebührenordnung gefunden, die 25 Euro pro Stunde Saalmiete und in den Wintermonaten acht Euro Heizkostenzuschlag vorsieht.
???: Und wie versuchen Sie sich seither von anderen Amateurtheatern abzuheben?
Wendel: Amateur heißt ja auch Liebhaber. Und ein Liebhaber ohne Leidenschaft wird vom Objekt seiner Begierde ganz schnell verstoßen. Das heißt, dass es phasenweise 80 Prozent Exil Theater gibt und 20 Prozent Restleben. Wir machen etwa ganz massiv Körper-, Sprach– und Situationstraining. Die Leistungsträger könnten hier gleich ihr Lager aufschlagen — weil wir das bestmögliche aus einem Stück herausholen wollen. Und wenn man sich unsere Inszenierungen „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, Oscar Wildes „Das Gespenst von Canterville“ oder „Der Weihnachtsabend“ nach Charles Dickens anschaut, dann wird man feststellen, dass die Koralle ihre Art hat, Theater zu machen und wir die unsere.
