Die Toten Hosen - "In aller Stille"Die Hosen haben den Blues. Zwar gehen die Düs­sel­dor­fer Alt-(Punk-)Rocker auf „Machmalauter“-Tour, das Stu­dio­al­bum nach vier Jah­ren Plat­ten­pause heißt aber ganz im Gegen­satz „In aller Stille“ (JKP/​Warner) und ist so melan­cho­lisch wie kei­nes sei­ner 18 Vorgänger.

Das vorab als Gratis-​​Download erhält­li­che „Strom“ lärmt trotz Nul­lin­ger­text schon mal gut los, die „Disco“ hat alles, Unbe­kann­tes, Bekann­tes, Electro-​​Dance-​​Beats, mehr­stim­mi­gen Hosen-​​Chor und Breiti-​​Brett, nur Mos­kau fehlt. „Die letzte Schlacht“ steht als ein­zige klas­si­sche Polit­num­mer ein biss­chen ver­lo­ren da; auch, weil „Dage­gen“ auf die Sin­gle abge­scho­ben wurde.

Egal, denn dann geht es um alles, um Leben und um Tod, ums Älter­wer­den und Abschied­neh­men. „Teil von mir“, „Ertrin­ken“, „Angst“, „Alles was war“, „Wir blei­ben stumm“ oder „Leben ist töd­lich“ hei­ßen die teils tief­trau­ri­gen Titel eines Albums, das mit­un­ter eine fast noch druck­vol­lere Gang­art an den Tag legt wie der Vor­gän­ger „Zurück zum Glück“. Neu ist die Nachdenklichkeit.

Die Texte sind erns­ter, manch­mal schon depres­siv. Keine Sauf­hymne, keine Pos­sen, keine Späße. „In aller Stille“ ist wohl die erste Platte seit dem Kon­zept­al­bum „Ein klei­nes biss­chen Hor­ror­schau“, die ohne Aus­flug ins Humo­ris­ti­sche aus­kom­men muss; den dezen­ten Sar­kas­mus über Schein­hei­lig­kei­ten bei „Innen ist alles neu“ mal nicht eingerechnet.

Ein lei­ses Hoch inmit­ten all der dicken dunk­len Wol­ken­wand beschert der seit 2006 von Freun­din und gemein­sa­mem Kind getrennt lebende Sän­ger Cam­pino mit sei­nem Premieren-​​Duett als moder­ner Johnny Cash: Seine June Car­ter, das weib­li­che Gegen­stück, ist die öster­rei­chi­sche Schau­spie­le­rin Bir­git Minich­mayr. Bei mini­ma­lis­ti­scher Instru­men­tie­rung besin­gen sie das „Auf­lö­sen“, las­sen dabei mit weni­gen Wor­ten ganz viel Zwei­sam­keit zurück.

Und aus­ge­rech­net der „Pes­si­mist“ rap­pelt sich wie­der: Ein Song wie der Faust­hieb in die Fresse, inklu­sive dem röh­ri­gen Mit­wir­ken von Zweit­stimme Kud­del: „Und ich glaube, dass es stimmt — dass alle Pes­si­mis­ten Lüg­ner sind!“ Mach­malau­ter Mann, die Hosen ham’s halt immer noch.