5. Dezember 2008
Karlsruhe — Der Film
Der unvoreingenommene Blick von außen kann ja ganz neue Blickwinkel eröffnen. Mit „Karlsruhe — Der Film“ (Goog-Ma) ist das Projekt betitelt, bei dem zwei zugereiste Filmemacher durch Stadt und Landkreis ziehen, um ihre neue Heimat mit der Kamera zu entdecken. Monika Mertens-Könnemann und Joachim Wossidlo starten in 277,5 Metern Höhe am höchsten Punkt des Stadtgebiets, dem Durlacher Turmberg.
Hier begann bekanntlich die Stadtgeschichte mit dem Traumschloss von Karl Wilhelm. Jürgen Zöller, BAP-Taktgeber und überzeugter Wahl-Durlacher, hält ein Plädoyer auf die hiesige Mentalität — dann geht’s über die Weinberge und das malerische Grötzingen hinein in die City und seine Stadtteile. Dort wird die Pyramide, Karls Ruhestätte, nach 1889 und 1998 ein drittes Mal betreten: durch Schaf Fridolin, das als Einstimmung in die neun Kapitel in kurzen Cartoons knapp anderthalb Stunden Bilderbogen auflockert.
Überspannt ist dieser Bogen, der auch Stutensee, Weingarten und Ettlingen berücksichtigt, wenn der Karlsruhe-Begriff so weit gefasst ist, dass der Blick über Bretten und die Kraichtal-Dörfer Gochsheim und Menzingen bis nach Odenheim, Östringen, Heidelsheim und Bruchsal abschweift. Problematisch einerseits, weil resolut absolut als „Der Film“ über Karlsruhe betitelt, andererseits, weil’s vor Ort zu mehr als Stippvisiten nicht reicht.
Auf Dauer anstrengend ist dabei der Kunstgriff, die Bilder beim Einblenden kippen zu lassen, dass einem gelegentlich schier schwindelig wird. Ebenso vernachlässigbar, aber auffällig sind zwei irritierende Text-Bild-Scheren: Da wird noch übers eben gezeigte Schloss Gottesaue erzählt, während längst die Schlachthofgaststätte Kaldaune zu sehen ist; oder unfreiwillig komisch, als der Jogger in den Rhein-Auen ob des ungenauen Timings die vielen dort lebenden Tierarten repräsentieren muss.
Zwischendrin fängt die Kamera begleitet von entspannter Gitarrenmusik der Neuen Barden, Jamison Young und dem Duo Renger & Wagner aber mit Bedacht ausgewählte Motive ein, die mehr diaartigen Standbildern gleichkommen. Dass sie den Betrachter dennoch bewegen, beweist das Können der Macher. Und Mertens-Könnemann und Wossidlo entdecken durchs Objektiv tatsächlich eben das Schöne, vom Karlsruhe-affinen Auge im Alltag zwischen den Ärgernissen Stadtbahn und Radfahrern Ausgeblendete. Wirklich Neues erfahren wir dabei zwar nicht; und das liegt auch daran, dass so manches unkommentiert wirken darf.
Gebabbel satt hört dagegen, wer sich nicht für Deutsch, Englisch oder Französisch als Audiokommentar, sondern für Badisch entscheidet und Cordula Möhringer alias Fleischereifachverkäuferin Fräulein Knöpfle zuschaltet. Die plappert gemeinsam mit Philip Mohilia alias Bernd (der zusammen mit Fabian Imm für die heiter-frechen Fridolin-Sequenzen gesorgt hat) ohne zwangsläufigen Bildbezug drauflos und will statt Boule partout nur Pool verstehen…
In den Interviews mit Michael „Herr Kruscht“ Böhm vom Blechdosenmuseum und Badisch-Bühn–Geschäftsführer Thomas Munz lernen wir noch mehr einheimische Originale kennen; Jürgen Zöller macht die Sache am Ende wieder rund. Das bunte Kultur– und Nachtleben abseits vom Jubez bleibt aber wie manches andere, was die Fächerstadt auch ausmacht, im Dunkel. Ein Sinnbild dafür: Wer wissen will, was es mit dem zweiköpfigen, das Cover zierenden Indianerbrunnen auf sich hat, muss die Südstadtführung von Ottmar Huber mitmachen.
Es präsentiert sich deshalb ein filmisches Porträt über Karlsruhe, das ausdrücklich kein Hochglanzprospekt sein will, „sondern ein sympathischer und heimatverliebter Bilderbogen von Karlsruhe und Umgebung“. Dieses Versprechen wird ohne Zweifel eingelöst. Nur dass man sich mit „Der Film“ vielleicht ein bisschen viel aufgebürdet hat. So gesehen dann doch wieder ganz und gar karlsruherisch.
