Marcus WiebuschHamburg/​Karlsruhe — Gewit­ter­front über der Han­se­stadt. Und die wir­belt die Prot­ago­nis­ten der aktu­el­len Kettcar-​​Songs ebenso durch­ein­an­der wie den musi­ka­li­schen Tenor. Vor der anste­hen­den Live-​​Entladung im Sub­s­tage tele­fo­niert Gitar­rist und Sän­ger Mar­cus Wie­busch vom Büro sei­nes Plat­ten­la­bels Grand Hotel van Cleef aus mit Patrick Wurs­ter. Eine Bestands­auf­nahme der Befind­lich­kei­ten zwi­schen Ideal und Idealismus.

???: Auf eurem aktu­el­len Album „Sylt“ steht der Typ vom Bal­kon gegen­über plötz­lich ganz alleine da. Keine auf­mun­tern­den Worte, wenig Wohl­tu­en­des, schon gar kein Über­schwang. Woher rührt der Per­spek­tiv­wech­sel?
Mar­cus Wie­busch: Wir sind als Künst­ler natür­lich daran inter­es­siert, unsere Kunst offen und damit span­nend zu hal­ten. Es gab jetzt keine Initi­al­zün­dung; außer der, dass wir stän­dig nach neuen Aus­drucks­mög­lich­kei­ten und Erwei­te­rung unse­res Spek­trums for­schen. Wir sind inner­halb der Band ziem­lich hete­ro­gen mit drei Song­wri­tern — neben mir tex­tet ja auch Rei­mer Bus­torff, Erik Lan­ger kom­po­niert — und es hat uns in der Ver­gan­gen­heit immer ein biss­chen irri­tiert, dass Kett­car nur als diese gemüt­li­che Band wahr­ge­nom­men wird, die roman­ti­sche Songs wie „Balu“ und „Nacht“ geschrie­ben hat. Aber wir haben mehr drauf.

???: Befind­lich­keit weicht nüch­ter­ner Betrach­tung der Dinge. Seid ihr fort­ge­schrit­tene Agnos­ti­ker?
Wie­busch: Die Athe­is­ten sagen, dass es kei­nen Gott gibt; ich sage, es kann schon sein, dass es ihn gibt, er hat nur kei­nen Effekt auf mich. Das ist eine sehr non­cha­lante Her­an­ge­hens­weise, aber die für mich naheliegendste.

???: Wie kam es, dass ihr dies­mal mit gleich drei Pro­du­zen­ten zusam­men­ge­ar­bei­tet habt?
Wie­busch: Wir schrei­ben wie gesagt ziem­lich hete­ro­gene Musik und waren dann damit kon­fron­tiert, dass wir für jeden Song ein eige­nes Sound­de­sign gebraucht haben. Das heißt: Auf­bauen, abbauen, jedes­mal alles neu machen. Und dann haben wir gesagt: Da kön­nen wir auch gleich das Stu­dio und den Pro­du­zen­ten wech­seln. Dazu kommt, dass es span­nend ist mit neuen Leu­ten wie etwa Moses Schnei­der zu arbei­ten, der immer nur live auf­nimmt. Diese Erfah­rung woll­ten wir unbe­dingt machen. Nicht zuletzt gibt auf der Platte eben Aus­bre­cher wie „Fake For Real“ und die haben ganz ein­fach Leute pro­du­ziert, die diese Aus­bre­cher bes­ser umset­zen kön­nen als eine klas­si­sche Kettcar-​​Nummer im Stile von „Null­sum­men­spiel“. Da am Ende aber alles von einer Per­son gemischt wurde, nivel­lie­ren sich die Unter­schiede. Und das macht das Album wie­derum sehr kompakt.

???: „Würde“, „Gering­fü­gig, befris­tet, raus“, „Ver­ra­ten“ — Oden an die Geknick­ten und Gebro­che­nen. Warum singt aus­ge­rech­net eine der­art erfolg­rei­che Band wie Kett­car mono­the­ma­tisch über Loo­ser?
Wie­busch: Mono­the­ma­tisch lass ich nicht gel­ten. Da ist zum Bei­spiel, der Typ, der voll von oben herab spricht: „Wir wer­den nie ent­täuscht wer­den“. Und auch der Song „Wir müs­sen das nicht tun“ räumt Auge in Auge damit auf, dass man eine Tren­nung immer nach dem glei­chen Schema ver­ar­bei­ten muss. Das sind alle­samt keine Ver­lie­rer. Aber wenn du in eine Gesell­schaft wie die unsere gewor­fen und mit die­sen gan­zen neo­li­be­ra­len Zumu­tun­gen kon­fron­tiert wirst, dann gibt es eben auch Leute, die hin­ter rüber kip­pen. Das wird oft nicht mit­ge­dacht. Und wenn ich Songs schreibe, die davon han­deln, dass Men­schen mit die­sem stän­di­gen Druck, sich behaup­ten zu müs­sen nicht klar kom­men und dann gebro­chen und aus­ge­brannt mit 33 wie­der zu ihren Eltern zie­hen, dann ist das keine Sache, die ich mir ein­fach so aus­denke, son­dern sozio­lo­gi­sche Erkennt­nis. Und die bette ich ein in Geschich­ten. Das kann man jetzt trau­rig oder poli­tisch nen­nen — es ist unser Weg zu zei­gen, dass hier viel­leicht nicht alles stimmt. Für uns kommt es der­zeit jeden­falls nicht in Frage, auf roman­tisch über­höhte Weise die Liebe zu besingen.

???: „Sylt“, das moderne Atlan­tis und eine ganze Repu­blik oder sogar ein gan­zes Sys­tem dem Unter­gang geweiht?
Wie­busch: Das könnte man sich jetzt natür­lich im Nach­hin­ein so schön reden. Aber wir woll­ten ein­fach einen kur­zen, ver­stö­ren­den Titel, der nichts mit dem Album zu tun hat. Es könnte ebenso gut auch Monaco hei­ßen. Ande­rer­seits ist die­ses Sylt auch ein unfass­bar auf­ge­la­de­ner Begriff, so dass wir — auch ohne uns etwas dabei zu den­ken — alles rich­tig gemacht haben.

???: Mit „Dei­che“ auf „Von Spat­zen und Tau­ben, Dächern und Hän­den“ gab’s den ers­ten poli­ti­schen Song seit deine Vor­gän­ger­band But Alive Musik­ge­schichte ist. Ein Zitat von dir: „Als beken­nen­der Lin­ker sei­nen Weg in die­ser Gesell­schaft halb­wegs auf­recht zu gehen, ist so kom­pli­ziert, dass ich keine leich­ten Ant­wor­ten mehr fin­den kann.“ Hast du mit die­sem Album wie­der damit begon­nen, Fra­gen zu stel­len?
Wie­busch: Das würde ich schon sagen. Und viel­leicht sind wir mit dem nächs­ten Album poli­ti­scher als es But Alive je waren; viel­leicht singe ich aber auch nur über Wie­sen und Flüsse. Aber was heißt eigent­lich poli­tisch? Poli­tik bedeu­tet für mich nichts anders als For­de­run­gen zu stel­len, um das Leben aller Men­schen bes­ser zu machen. Habe ich eine For­de­rung auf der Platte auf­ge­stellt? Nein. Ich habe beklem­mende, bit­tere Geschich­ten erzählt, aus denen man For­de­run­gen ablei­ten könnte. Du siehst das schon poli­tisch — könnte man auch. Aber ich tu mich da ein biss­chen schwe­rer. Dass wir auf dem Anti-​​G8-​​Gipfel gespielt haben und außer­halb unse­rer Songs kri­ti­sche, poli­ti­sche Men­schen sind, das steht auf einem ande­ren Blatt.

???: Und wie lebt es sich als beken­nen­der Lin­ker in Zei­ten von Neo­li­be­ra­lis­mus, Glo­ba­li­sie­rung und Finanz­krise?
Wie­busch: Der Grund­kon­flikt eines jeden Lin­ken ist doch, heut­zu­tage keine Uto­pie mehr for­mu­liert zu bekom­men. Mit dem Fort­schrei­ten der Glo­ba­li­sie­rung ist die Gesell­schaft sehr unso­li­da­risch gewor­den. Man hat das Gefühl, es gibt keine Alter­na­tive zu dem beste­hen­den gesell­schaft­li­chen Sys­tem. Und das ist schwie­rig für mich.

???: „Die Ideale, die sind alle geblie­ben; nur der Idea­lis­mus, der ist weg“?
Wie­busch: Das kann man jetzt von mir aus gerne sozi­al­de­mo­kra­tisch nen­nen, aber selbst kleinste Ver­bes­se­run­gen beein­fus­sen das Leben der Schwä­che­ren posi­tiv. Und des­we­gen lohnt es sich, wei­ter dafür zu kämp­fen, dass es gerech­ter zugeht. Und die­ses Den­ken ist und bleibt ein Teil von mir. Auch wenn ich mit 20 viel mehr gehofft und auch gekämpft habe für die Ver­än­de­rung als ich das heute tue, trage ich immer noch die spür­bare Sehn­sucht in mir, dass wir alle gleich behan­delt werden.

???: Bis dato wart ihr ja immer die Jungs in den guten 30ern. Jetzt geht’s lang­sam in die 40er und des­halb musi­ka­lisch Rich­tung „Gra­ce­land“?
Wie­busch: Ich hin­ter­frage mich und mein Alter, wo ich mitt­ler­weile stehe und ob ich mich viel­leicht lächer­lich mache. Und wenn ich in „Gra­ce­land“ singe „Ich bin einer von ihnen, es gibt aber auch keine Alter­na­ti­ven“, dann denke ich mich da ganz genau mit. Kuck mich an: Ich führe das Leben eines Jugend­li­chen; springe mit 40 immer noch auf irgend­wel­chen Büh­nen rum. Aber es ist genau das Leben, das ich leben wollte als ich jün­ger war und ich sehe nicht ein, klein­bei zu geben, nur weil so ein kon­stru­ier­tes Alter mir vor­schreibt, dass das jetzt bit­te­schön auf­hö­ren sollte. Es ist ein hoch­kom­ple­xes sozio­lo­gi­sches Thema, das ich bei „Gra­ce­land“ kurz umreiße: Die Kin­der, die mit Pop­kul­tur auf­ge­wach­sen sind, also quasi pop­durch­tränkt sind, die ihre ganze Ado­les­zenz und ihr gan­zes bis­he­ri­ges Erwach­se­nen­da­sein damit ver­bracht haben — warum sol­len die plötz­lich anders wer­den, wenn es sich doch gut und rich­tig anfühlt?

???: Apro­pos gut anfüh­len — warum spielt ihr eigent­lich live keine der alten Songs mehr? Nimmt man das letzte But-​​Alive-​​Album „Hallo Endor­phin“ ist der Über­gang vom Punk zum Pop und damit zu Kett­car doch kaum spür­bar.
Wie­busch: Du hast voll­kom­men recht, wenn du sagst, dass der Bruch von der drit­ten zur vier­ten But-​​Alive-​​Platte grö­ßer war, als vom letz­ten But-​​Alive-​​Album zu Kett­car. Und Fakt ist auch, dass ich „Beste Waffe“ oder „Ver­giss den Quatsch“ heute noch brin­gen könnte; im Gegen­satz zu vie­len vor­he­ri­gen Num­mern, die doch oft in einen gewis­sen Zeit­geist ein­ge­bet­tet sind. Aber das wäre auf der Bühne nur schwer zu kom­mu­ni­zie­ren und ich will den Leu­ten, denen die Band bis heute viel bedeu­tet, kei­nes­falls das Gefühl ver­mit­teln, es würde von mir jemals wie­der ein But-​​Alive-​​Song live gespielt. Das ist ein für alle­mal durch.