16. Januar 2009
Heinz Strunk — „Fleckenteufel“
Manche Bücher sollte man besser nicht lesen. „Feuchtgebiete“, Charlotte Roches sinnbefreite Hirnausscheidungen, zum Beispiel. Oder den „Fleckenteufel“ (Tacheles/Indigo/Eichborn). Was sich in Heinz Strunks Gedankengängen zusammengebraut hat, weist zugegeben nicht nur äußerliche Ähnlichkeiten auf — doch hier lohnt das Lauschen.
Statt Pflaster auf rosa Grund ziert den vermeintlichen großen Bruder ein verschmierter Waschlappen auf türkisfarbenem Einband. Dass es den Dumont Verlag nicht eben amüsiert, wenn Rowohlts Nachzügler in der Auslage wie der Kackbratze zweiter Band daherkommt, wundert nicht. Schön, dass sich wenigstens Autor Strunk von diesem schlicht schlechten Versuch der Verkaufsförderung distanziert. Nötig hat er dieses Niveau nämlich nicht; doch wer von der Pubertät erzählt, kommt an einem gewissen Maß Fäkalsprache kaum vorbei.
Heinzers neuer Romanheld befindet sich bereits jenseits der Aknefront, kennt sich aber gleichfalls ganz gut mit sämtlichen Funktionen und Flüssigkeiten seines Körpers aus: Schon während der ersten Minuten sorgt sich Thorsten Bruhn um seine Verdauung; im Gegensatz zur Roche-Protagonistin Analfissur-Helen ist für ihn das „Kacken etwas Schmutziges, das man privat für sich machen muss“. Ausgiebig teilhaben an den körperlichen und seelischen Leiden eines ganz normalen Sonderlings, der vom Geschlechtstrieb und den diesem entgegenstehenden Unzulänglichkeiten seines Zwergenkörpers geplagt (noch) neidvoll auf die (schon) Schönen schielt, lässt er uns aber dennoch.
Strunks 16-jähriger „Landser“-, „Fünf Freunde“- und später auch Bukowski-lesender Ich-Erzähler muss — „Reise Reise!“ — auf Kirchenfreizeit nach Scharbeutz an die Ostsee und berichtet trotz viel zu viel Graubrot, kranker Margarine, Schlimme-Augen-Wurst und daraus resultierender Verstopfung eben nicht nur vom „Arschdruck wegen der verdammten Raucherei“, „Entlastungspupsen“, „wässrigem Spritzwurf“, „stillen Kriechern“, „braunen Bremsern“, „rosigen Rosetten“ und anderen „Top-Löchern“. Denn vorne quält der Samenstau. Innerlich beidseits versteinert, hören wir von öden Jugendpredigten, peinlichen Gruppenspielen (statt dem lang ersehnten –grabbeln), ersten Alkohol-Exzessen und (homo-)erotischen Wirrungen („Auch schon wieder geil!“), die sich nicht zwischen „Büdde Büdde!“-Schwanz-Andi und den Glocken von Susanne Bohne entscheiden wollen.
Obwohl der Vorleser nicht unbedingt das hat, was man spontan als angenehm-harmonische Stimmlage charakterisieren würde, ist sie doch unwiderstehlich sonor. Man klebt ihm einfach an den Lippen, wenn er in bester Hörspiel-Manier die urlaubenden Schützlinge wie ihre schrulligen Aufseher Pastor Schmidt, Diakon Steiß und Herrn Schrade mit Laut und Leben füllt, um danach in seiner immer leicht gehetzten, silbenverschluckenden Hamburger (Mund-)Art und dem ihm so eigenen Duktus fortzufahren. Das war schon beim autobiografischen Landjugend-mit-Musik-Debüt-Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ und dem Zweitwerk „Die Zunge Europas“ so.
Und Strunk hat wieder etwas zu erzählen; diesmal eben die mitunter für Unbeteiligte etwas ekligen Erlebnisse eines jeden Heranwachsenden; mit viel expliziter Ehrlichkeit („Es gibt Wichsvorlagen und es gibt Susanne Bohne“), großer Beobachtungsgabe, interessanten Denkanstößen („Warum man seine Pupse wohl gerne riecht und seine Kotze nicht?“) und noch skurrilerem Einfallsreichtum (der sich wie jede lebhafte Phantasie auch für gelegentlichen Krabbelkinderstumpfsinn nicht zu schade ist). Und diese Kombination macht so viel Laune, dass der Autor auf Tour beim wiederholten Live-Lesen selbst nicht immer ganz ernst bleiben kann.
Was er über vier CDs beschreibt, hat — zumindest im Grundgehalt — ein jeder halbwegs normal sozialisierte Bube durchstehen müssen. Und man will besser gar nicht wissen, mit was diejenigen sonst noch so hantiert haben, die diesen Umstand besonders echauffiert von sich weisen. Es ist halt für die meisten Jungs eine unschöne, ungewisse Zeit, diese Pubertät; nicht wissend, wohin die Reise geht. Doch früher oder später passiert etwas. So auch im Falle des tragischen „Fleckenteufels“, während er sich und seine Mitmenschen seziert — auch wenn sich das hoffnungsvolle Moment erst mit den letzten beiden Worten im Roman manifestiert. Starker Schluss! Dagegen kann ein einzig auf Provokation ausgelegter Pipi-Kacka-Feminismus nicht anstinken.
