Man­che Bücher sollte man bes­ser nicht lesen. „Feucht­ge­biete“, Char­lotte Roches sinn­be­freite Hirn­aus­schei­dun­gen, zum Bei­spiel. Oder den „Fle­cken­teu­fel“ (Tache­les/​Indigo/​Eichborn). Was sich in Heinz Strunks Gedan­ken­gän­gen zusam­men­ge­braut hat, weist zuge­ge­ben nicht nur äußer­li­che Ähn­lich­kei­ten auf — doch hier lohnt das Lauschen.

Statt Pflas­ter auf rosa Grund ziert den ver­meint­li­chen gro­ßen Bru­der ein ver­schmier­ter Wasch­lap­pen auf tür­kis­far­be­nem Ein­band. Dass es den Dumont Ver­lag nicht eben amü­siert, wenn Rowohlts Nach­züg­ler in der Aus­lage wie der Kack­bratze zwei­ter Band daher­kommt, wun­dert nicht. Schön, dass sich wenigs­tens Autor Strunk von die­sem schlicht schlech­ten Ver­such der Ver­kaufs­för­de­rung dis­tan­ziert. Nötig hat er die­ses Niveau näm­lich nicht; doch wer von der Puber­tät erzählt, kommt an einem gewis­sen Maß Fäkal­spra­che kaum vorbei.

Hein­zers neuer Roman­held befin­det sich bereits jen­seits der Akne­front, kennt sich aber gleich­falls ganz gut mit sämt­li­chen Funk­tio­nen und Flüs­sig­kei­ten sei­nes Kör­pers aus: Schon wäh­rend der ers­ten Minu­ten sorgt sich Thors­ten Bruhn um seine Ver­dau­ung; im Gegen­satz zur Roche-​​Protagonistin Analfissur-​​Helen ist für ihn das „Kacken etwas Schmut­zi­ges, das man pri­vat für sich machen muss“. Aus­gie­big teil­ha­ben an den kör­per­li­chen und see­li­schen Lei­den eines ganz nor­ma­len Son­der­lings, der vom Geschlechts­trieb und den die­sem ent­ge­gen­ste­hen­den Unzu­läng­lich­kei­ten sei­nes Zwer­gen­kör­pers geplagt (noch) neid­voll auf die (schon) Schö­nen schielt, lässt er uns aber dennoch.

Strunks 16-​​jähriger „Land­ser“-, „Fünf Freunde“- und spä­ter auch Bukowski-​​lesender Ich-​​Erzähler muss — „Reise Reise!“ — auf Kir­chen­frei­zeit nach Schar­beutz an die Ost­see und berich­tet trotz viel zu viel Grau­brot, kran­ker Mar­ga­rine, Schlimme-​​Augen-​​Wurst und dar­aus resul­tie­ren­der Ver­stop­fung eben nicht nur vom „Arsch­druck wegen der ver­damm­ten Rau­che­rei“, „Ent­las­tungs­pup­sen“, „wäss­ri­gem Spritz­wurf“, „stil­len Krie­chern“, „brau­nen Brem­sern“, „rosi­gen Roset­ten“ und ande­ren „Top-​​Löchern“. Denn vorne quält der Samen­stau. Inner­lich beid­seits ver­stei­nert, hören wir von öden Jugend­pre­dig­ten, pein­li­chen Grup­pen­spie­len (statt dem lang ersehn­ten –grab­beln), ers­ten Alkohol-​​Exzessen und (homo-)erotischen Wir­run­gen („Auch schon wie­der geil!“), die sich nicht zwi­schen „Büdde Büdde!“-Schwanz-Andi und den Glo­cken von Susanne Bohne ent­schei­den wollen.

Obwohl der Vor­le­ser nicht unbe­dingt das hat, was man spon­tan als angenehm-​​harmonische Stimm­lage cha­rak­te­ri­sie­ren würde, ist sie doch unwi­der­steh­lich sonor. Man klebt ihm ein­fach an den Lip­pen, wenn er in bes­ter Hörspiel-​​Manier die urlau­ben­den Schütz­linge wie ihre schrul­li­gen Auf­se­her Pas­tor Schmidt, Dia­kon Steiß und Herrn Schr­ade mit Laut und Leben füllt, um danach in sei­ner immer leicht gehetz­ten, sil­ben­ver­schlu­cken­den Ham­bur­ger (Mund-)Art und dem ihm so eige­nen Duk­tus fort­zu­fah­ren. Das war schon beim auto­bio­gra­fi­schen Landjugend-​​mit-​​Musik-​​Debüt-​​Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ und dem Zweit­werk „Die Zunge Euro­pas“ so.

Und Strunk hat wie­der etwas zu erzäh­len; dies­mal eben die mit­un­ter für Unbe­tei­ligte etwas ekli­gen Erleb­nisse eines jeden Her­an­wach­sen­den; mit viel expli­zi­ter Ehr­lich­keit („Es gibt Wichs­vor­la­gen und es gibt Susanne Bohne“), gro­ßer Beob­ach­tungs­gabe, inter­es­san­ten Denk­an­stö­ßen („Warum man seine Pupse wohl gerne riecht und seine Kotze nicht?“) und noch skur­ri­le­rem Ein­falls­reich­tum (der sich wie jede leb­hafte Phan­ta­sie auch für gele­gent­li­chen Krab­bel­kin­der­stumpf­sinn nicht zu schade ist). Und diese Kom­bi­na­tion macht so viel Laune, dass der Autor auf Tour beim wie­der­hol­ten Live-​​Lesen selbst nicht immer ganz ernst blei­ben kann.

Was er über vier CDs beschreibt, hat — zumin­dest im Grund­ge­halt — ein jeder halb­wegs nor­mal sozia­li­sierte Bube durch­ste­hen müs­sen. Und man will bes­ser gar nicht wis­sen, mit was die­je­ni­gen sonst noch so han­tiert haben, die die­sen Umstand beson­ders echauf­fiert von sich wei­sen. Es ist halt für die meis­ten Jungs eine unschöne, unge­wisse Zeit, diese Puber­tät; nicht wis­send, wohin die Reise geht. Doch frü­her oder spä­ter pas­siert etwas. So auch im Falle des tra­gi­schen „Fle­cken­teu­fels“, wäh­rend er sich und seine Mit­men­schen seziert — auch wenn sich das hoff­nungs­volle Moment erst mit den letz­ten bei­den Wor­ten im Roman mani­fes­tiert. Star­ker Schluss! Dage­gen kann ein ein­zig auf Pro­vo­ka­tion aus­ge­leg­ter Pipi-​​Kacka-​​Feminismus nicht anstinken.