14. Januar 2009
Nicht nur zur Weihnachtszeit
Bruchsal – Papierene Schätze beherbergt derzeit das Bruchsaler Schloss: die ersten Adventskalender, Grußkarten, Christbaumschmuck und sogar ein festliches Weihnachtszimmer zu Zeiten von Willem Zwo hat Kurator Walter Jochum hier aufgebaut. Warum ein Besuch der bis zum 1. Februar verlängerten Sonderschau „Weihnachten zur Kaiserzeit“ auch nach Heilig Abend noch lohnt, erzählt er im Gespräch mit Patrick Wurster.
???: Wie ist es denn um Ihre Festtagsfreuden im Januar bestellt?
Walter Jochum: Bestens! Über 8.000 Besucher haben sich die Ausstellung bislang angesehen. Wir hatten sogar Gäste aus Amerika, Japan und Australien. Der Zuspruch ist so groß, dass wir nun um zwei Wochen verlängert haben. Denn Weihnachten dient nur als mehr oder minder austauschbare Plattform. Wir präsentieren das Lebensgefühl der Zeitenwende ums 19. Jahrhundert, als Deutschland noch von einem Kaiser regiert worden ist. Es geht also nur sekundär um nostalgische Weihnachtsgefühle.
???: Was bedeutete denn das Fest um 1900?
Jochum: Viel eklatanter als heute war die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Arbeiterkinder bekamen – sofern es überhaupt Geschenke gab – möglicherweise nur Lebkuchen und ein paar Äpfel. Das Fest war eine Ehrerbietung der Kinder vor ihren Eltern. Die Wünsche notierten sie auf vorgedruckten Zetteln der Kaufleute. Auch der Kaiser nutzte Weihnachten für seine patriotischen Zwecke und prägte bei Soldaten den Satz: „Die Feinde wissen nicht um die Macht des Weihnachtsbaums.“
???: Können Sie auch mit ein paar Weihnachtsmythen aufräumen?
Jochum: Im Prinzip kann man fast nichts Falsches sagen, wenn man den Zeitraum außen vor lässt. Ein Beispiel: Um den katholisch geprägten Weihnachtsmann zu ersetzen, hatte Martin Luther eine Kunstfigur eingeführt, die mit dem Jesukind gar nichts zu tun hat, das Christkind. Das hat sich zur Kaiserzeit gedreht: Seither sind es eher die Katholiken, die das Christkind als Gabensbringer erwarten und der Weihnachtsmann kommt zu den protestantischen Familien. Außerdem gibt es regionale Unterschiede: Der Bischoff von Myra, Namensgeber des Nikolaus‘ hat vor allem im alpenländischen Raum als Gehilfe den Krampus anstelle des Knecht Ruprecht, im Elsass gibt’s den Hans Trapp.
???: Und der Coca-Cola-Weihnachtsmann?
Jochum: Um die Geschichte des roten Weihnachtsmanns rankt sich eine Halbwahrheit: Coca Cola hat ihn zwar äußerst populär gemacht, doch sind Weihnachtsmänner in allen Farben schon lange vorher durch die amerikanischen und deutschen Wälder gestapft.
???: Wie wird man eigentlich Kurator einer Weihnachtsausstellung?
Jochum: Durch einen guten Bezug zu einer großen Heidelberger Sammlung, die in Sachen Luxuspapier zu den umfangreichsten im weiten Umkreis gehören dürfte. Und daraus können ganz unterschiedliche Themenschwerpunkte gezogen werden – wie schrieb schon Heinrich Böll: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.
