Walter JochumBruch­sal — Papie­rene Schätze beher­bergt der­zeit das Bruch­sa­ler Schloss: die ers­ten Advents­ka­len­der, Gruß­kar­ten, Christ­baum­schmuck und sogar ein fest­li­ches Weih­nachts­zim­mer zu Zei­ten von Wil­lem Zwo hat Kura­tor Wal­ter Jochum hier auf­ge­baut. Warum ein Besuch der bis zum 1. Februar ver­län­ger­ten Son­der­schau „Weih­nach­ten zur Kai­ser­zeit“ auch nach Hei­lig Abend noch lohnt, erzählt er im Gespräch mit Patrick Wurster.

???: Wie ist es denn um Ihre Fest­tags­freu­den im Januar bestellt?
Wal­ter Jochum: Bes­tens! Über 8.000 Besu­cher haben sich die Aus­stel­lung bis­lang ange­se­hen. Wir hat­ten sogar Gäste aus Ame­rika, Japan und Aus­tra­lien. Der Zuspruch ist so groß, dass wir nun um zwei Wochen ver­län­gert haben. Denn Weih­nach­ten dient nur als mehr oder min­der aus­tausch­bare Platt­form. Wir prä­sen­tie­ren das Lebens­ge­fühl der Zei­ten­wende ums 19. Jahr­hun­dert, als Deutsch­land noch von einem Kai­ser regiert wor­den ist. Es geht also nur sekun­där um nost­al­gi­sche Weihnachtsgefühle.

???: Was bedeu­tete denn das Fest um 1900?
Jochum: Viel ekla­tan­ter als heute war die Kluft zwi­schen Arm und Reich. Die Arbei­ter­kin­der beka­men — sofern es über­haupt Geschenke gab — mög­li­cher­weise nur Leb­ku­chen und ein paar Äpfel. Das Fest war eine Ehr­er­bie­tung der Kin­der vor ihren Eltern. Die Wün­sche notier­ten sie auf vor­ge­druck­ten Zet­teln der Kauf­leute. Auch der Kai­ser nutzte Weih­nach­ten für seine patrio­ti­schen Zwe­cke und prägte bei Sol­da­ten den Satz: „Die Feinde wis­sen nicht um die Macht des Weihnachtsbaums.“

???: Kön­nen Sie auch mit ein paar Weih­nachts­my­then auf­räu­men?
Jochum: Im Prin­zip kann man fast nichts Fal­sches sagen, wenn man den Zeit­raum außen vor lässt. Ein Bei­spiel: Um den katho­lisch gepräg­ten Weih­nachts­mann zu erset­zen, hatte Mar­tin Luther eine Kunst­fi­gur ein­ge­führt, die mit dem Jesu­kind gar nichts zu tun hat, das Christ­kind. Das hat sich zur Kai­ser­zeit gedreht: Seit­her sind es eher die Katho­li­ken, die das Christ­kind als Gabens­brin­ger erwar­ten und der Weih­nachts­mann kommt zu den pro­tes­tan­ti­schen Fami­lien. Außer­dem gibt es regio­nale Unter­schiede: Der Bisch­off von Myra, Namens­ge­ber des Niko­laus‘ hat vor allem im alpen­län­di­schen Raum als Gehilfe den Kram­pus anstelle des Knecht Ruprecht, im Elsass gibt’s den Hans Trapp.

???: Und der Coca-​​Cola-​​Weihnachtsmann?
Jochum: Um die Geschichte des roten Weih­nachts­manns rankt sich eine Halb­wahr­heit: Coca Cola hat ihn zwar äußerst popu­lär gemacht, doch sind Weih­nachts­män­ner in allen Far­ben schon lange vor­her durch die ame­ri­ka­ni­schen und deut­schen Wäl­der gestapft.

???: Wie wird man eigent­lich Kura­tor einer Weih­nachts­aus­stel­lung?
Jochum: Durch einen guten Bezug zu einer gro­ßen Hei­del­ber­ger Samm­lung, die in Sachen Luxus­pa­pier zu den umfang­reichs­ten im wei­ten Umkreis gehö­ren dürfte. Und dar­aus kön­nen ganz unter­schied­li­che The­men­schwer­punkte gezo­gen wer­den — wie schrieb schon Hein­rich Böll: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“.