27. März 2009

Burn After Reading

Burn After ReadingDen Coen-​​Brüdern ist es gege­ben, selbst das Tri­viale zur Kunst zu erhe­ben. Irgendwo zwi­schen Spio­na­ge­farce und Screw­ball­ko­mö­die pen­delt „Burn After Rea­ding — Wer ver­brennt sich hier die Fin­ger?“ (Uni­ver­sum Film), bei dem aus­ge­rech­net die Schön­linge Pitt und Cloo­ney zu iro­nie­fä­hi­gen Selbst­dar­stel­lern erwachsen.

Nach dem Lesen ver­nich­ten muss man die Memoi­ren des sus­pen­dier­ten CIA-​​Agenten Osbourne Cox (John Mal­ko­vich) nicht. Der hatte bis vor kur­zem einen eini­ger­ma­ßen unwich­ti­gen Job als Ana­lyst und Balkan-​​Experte beim Aus­lands­nach­rich­ten­dienst der Ver­ei­nig­ten Staa­ten; und nun nur noch sein Alkoholproblem.

Denn auch seine eisige Frau ist ihren Ozzie Leid und brennt ein paar Daten für den Schei­dungs­an­walt auf CD. Die ver­gisst sie in der Umklei­de­ka­bine des Fitness-​​Studios, wo die ein­zig aufs längst über­fal­lige, aber mit Hard-​​Bodies-​​Einkommen nicht zu leis­tende, bes­sere Aus­se­hen bedachte Fit­ness­trai­ne­rin Linda Litzke (Fran­ces McDor­mand) und ihr von Haus aus gut­aus­se­hen­der, aber ebenso strunz­dum­mer Kol­lege Chad Feld­hei­mer (Brad Pitt) das ver­meint­lich bri­sante Manu­skript finden.

Burn After ReadingDie bei­den wit­tern das große Geschäft mit der gehei­men Staats­sa­che. Dass aber aus­ge­rech­net die Lie­bes­af­fä­ren des sexu­ell umtrie­bi­gen Ex-​​Personenschützers und Regie­rungs­be­am­ten Harry Pfar­rer (George Cloo­ney) die ama­teur­haf­ten Erpres­sungs­ver­su­che behin­dern wür­den, kann allen­falls der Zuschauer ahnen. Der CIA-​​Apparat in Washing­ton D.C. wit­tert bereits einen Rache­akt des Geschass­ten — und dann kom­men auch noch die Rus­sen ins Spiel…

Diese und noch mehr zu Anfang lose Hand­lungs­fä­den schlin­gern sich bald zu einem tiefschwarzen-​​lakonischen Schnell­schuss. Und sämt­li­che als­bald unter Ver­fol­gungs­wahn lei­den­den Cha­rak­tere — die von nie­man­dem auch nur annä­hernd so wich­tig genom­men wer­den, wie sie sich selbst sehen möch­ten — leben dies­mal beson­ders schön weit weg von dem, was noch als nor­mal zu bezeich­nen wäre. Erfri­schend selbst­iro­nisch geht George Cloo­ney sein Womanizer-​​Image an; und auch Brad Pitt hat offen­bar kein Pro­blem damit, sich auf seine durch­trai­nierte Fas­sade redu­zie­ren zu las­sen. Im Gegen­teil, es berei­tet ihm sicht­lich Spiel­freude, hin­ter Fön­fri­sur und Dumpf­ba­cken den Clown zu geben.

Und nicht nur ihm: Wer hätte gedacht, was diese bei­den Hollywood-​​Ikonen — deren Rol­len das Dreh­buch von Joel und Ethan Coen nur einen kur­zen gemein­sa­men Auf­tritt gönnt — allein an komi­schen Gri­mas­sen zustande bekom­men; welch komö­di­an­ti­sches Talent da schlum­mert — mit dem Mut zur inne­ren Häß­lich­keit. Gerade der auf Dauerwellen-​​Bubi gestrie­gelte Pitt ist Dreh– und Angel­punkt so man­chen (Running-)Gags. Ste­hen­den Sze­nen­ap­plaus dür­fen sich da auch unbe­dingt David Rasche und J.K. Sim­mons abho­len, die als hohe Tiere die satie­ri­sche Seite der CIA verkörpern.

Burn After ReadingUnd wer ver­brennt sich nun die Fin­ger? Klare Ant­wort: Alle und jeder. Gen Ende löst sich der Kno­ten in ein ein­zi­ges Nichts; ist alle Hand­lung nur noch Dekon­struk­tion, ohne jede Bedeu­tung. Viel­leicht ist des­halb bei so vie­len das Gefühl haf­ten geblie­ben, dass „Burn After Rea­ding“ im Ver­gleich mit dem vier­fach „Oscar“-prämierten Vor­gän­ger „No Coun­try For Old Men“ wie eine Art Locke­rungs­ein­heit auf dem Weg zum nächs­ten Treppchen-​​Sturm wirkt. Nein, diese 90 Minu­ten sind mehr als eine leicht­fü­ßige Stil­übung. Das ist — wie es der gute Chad ganz sicher und mit der größt­mög­li­chen Bedeu­tung in der Stimme for­mu­liert hätte — ein­fach ganz ganz hei­ßer Coen-​​Scheiß!