1. März 2009
Mario Ludwig – „Papa ist schwanger“
Die Männchen stellen sich zur Schau, die Weibchen wählen aus. Der Lauf der Dinge beginnt im Tierreich wie bei den Zweibeinern. Welche weiteren Parallelen und kuriosen Ausgeburten sich die Natur noch so leistet, das verrät Karlsruhes bundesweit bekannter Biologe Mario Ludwig mit Co-Autorin Eva Dempewolf in „Papa ist schwanger“ (BLV Buchverlag).
Das Titelmysterium klärt sich schon nach wenigen Seiten: Bei den Seepferdchen ist das Kinderkriegen Männersache. Welche Strapazen Kaiserpinguine auf sich nehmen bis ihre Jungen schlüpfen, ist seit „Die Reise der Pinguine“ hinlänglich bekannt und wer’s trotzdem nicht weiß, bekommt es hier in allen dramatischen und tragischen Details nacherzählt. Doch auf den 160 Seiten werden nicht nur fürsorgliche Erzeuger vorstellig.
Die Sandgrundel-Fische etwa täuschen vor, gute Väter zu sein, solange die Frau zuschaut, um im geeigneten Moment dreisterweise am eigenen Nachwuchs zu knabbern und Löwen töten zur Beschleunigung des Kinderwunsches schon mal vorsorglich den vorhandenen Nachwuchs ihrer neuen Partnerin. In diese zweifelhafte Versuchung kommen viele Tierväter gar nicht.
Breitfußbeutel-Mäuseriche etwa sterben wegen Überanstrengung beim Akt; Rotrückenspinnen-Männchen lassen sich fressen, um überhaupt nahe genug an die wesentlichen Stellen des Weibchens heranzukommen; Herr Goldwespenspinne opfert sein Leben nach Spermienabgang einem zweckdienlichen Dasein als Ganzkörperkeuschheitsgürtel und die Bienendrone stirbt nach der Begattung, weil ihr Penis unwiederbringlich in die Königin verhakt ist und abreißt. Der Ohrenkneifer hält für diesen Fall einen Ersatzpenis parat und wer wusste eigentlich bis dato, dass auch der berühmte Pixar-Clownfisch Nemo ein weiteres Geschlechtsteil in petto hat und in Wahrheit ein Zwitterwesen ist?
An ungewöhnlichen Tatsachen mangelt es nicht, wie diese Beispiele belegen und dass Ludwig es versteht, die Steilvorlagen von Mutter Natur mit viel pointiertem Humor und lockerer Schreibe aufzubereiten, wissen Leser seiner Vorgängerveröffentlichungen wie „Küsse, Kämpfe, Kapriolen: Sex im Tierreich“. „Papa ist schwanger“ zeigt wiederum mit den heiteren Illustrationen des Donald-Duck-Zeichners Jan Gulbransson: Fast alle menschlichen Spielarten kommen auch im Tierreich vor.
Und diese teils völlig neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse räumen mit einer Kirchen-Biologie auf, die Sex als ein einzig zur Fortpflanzung notwendiges Übel verkaufen will: Die sich mitunter sogar prostituierenden Bonobo-Affen haben derzeitigen Studien zufolge mehr Sex zum Spaß und das nicht nur mit dem anderen Geschlecht. Auch für Haremsdamen und eine Ménage à trois finden sich Artgenossen und wie natürlich Homosexualität ist, zeigen die herzerweichenden Geschichten der Bartgeier Daschik und Jehuda aus dem Bibel-Zoo (!) in Jerusalem und der New Yorker Gay-Pinguine Roy und Silo. Nachforschungsfazit: So amüsant wie hier kommt man wohl nirgends auf den aktuellen Stand in Sachen Arterhaltung.
