Mario Ludwig - "Papa ist schwanger"Die Männ­chen stel­len sich zur Schau, die Weib­chen wäh­len aus. Der Lauf der Dinge beginnt im Tier­reich wie bei den Zwei­bei­nern. Wel­che wei­te­ren Par­al­le­len und kurio­sen Aus­ge­bur­ten sich die Natur noch so leis­tet, das ver­rät Karls­ru­hes bun­des­weit bekann­ter Bio­loge Mario Lud­wig mit Co-​​Autorin Eva Dem­pe­wolf in „Papa ist schwan­ger“ (BLV Buch­ver­lag).

Das Titel­mys­te­rium klärt sich schon nach weni­gen Sei­ten: Bei den See­pferd­chen ist das Kin­der­krie­gen Män­ner­sa­che. Wel­che Stra­pa­zen Kai­ser­pin­guine auf sich neh­men bis ihre Jun­gen schlüp­fen, ist seit „Die Reise der Pin­guine“ hin­läng­lich bekannt und wer’s trotz­dem nicht weiß, bekommt es hier in allen dra­ma­ti­schen und tra­gi­schen Details nach­er­zählt. Doch auf den 160 Sei­ten wer­den nicht nur für­sorg­li­che Erzeu­ger vorstellig.

Die Sandgrundel-​​Fische etwa täu­schen vor, gute Väter zu sein, solange die Frau zuschaut, um im geeig­ne­ten Moment dreis­ter­weise am eige­nen Nach­wuchs zu knab­bern und Löwen töten zur Beschleu­ni­gung des Kin­der­wun­sches schon mal vor­sorg­lich den vor­han­de­nen Nach­wuchs ihrer neuen Part­ne­rin. In diese zwei­fel­hafte Ver­su­chung kom­men viele Tier­vä­ter gar nicht.

Breitfußbeutel-​​Mäuseriche ster­ben wegen Über­an­stren­gung beim Akt; Rotrückenspinnen-​​Männchen las­sen sich fres­sen, um über­haupt nahe genug an die wesent­li­chen Stel­len des Weib­chens her­an­zu­kom­men; Herr Gold­wespen­spinne opfert sein Leben nach Sper­mi­en­ab­gang einem zweck­dien­li­chen Dasein als Ganz­kör­per­keusch­heits­gür­tel und die Bie­nen­drone stirbt nach der Begat­tung, weil ihr Penis unwie­der­bring­lich in die Köni­gin ver­hakt ist und abreißt. Der Ohren­knei­fer hält für die­sen Fall einen Ersatz­pe­nis parat und wer wusste eigent­lich bis dato, dass auch der berühmte Pixar-​​Clownfisch Nemo ein wei­te­res Geschlechts­teil in petto hat und in Wahr­heit ein Zwit­ter­we­sen ist?

An unge­wöhn­li­chen Tat­sa­chen man­gelt es nicht, wie diese Bei­spiele bele­gen und dass Lud­wig es ver­steht, die Steil­vor­la­gen von Mut­ter Natur mit viel poin­tier­tem Humor und locke­rer Schreibe auf­zu­be­rei­ten, wis­sen Leser sei­ner Vor­gän­ger­ver­öf­fent­li­chun­gen wie „Küsse, Kämpfe, Kaprio­len: Sex im Tier­reich“. „Papa ist schwan­ger“ zeigt wie­derum mit den hei­te­ren Illus­tra­tio­nen des Donald-​​Duck-​​Zeichners Jan Gul­brans­son: Fast alle mensch­li­chen Spiel­ar­ten kom­men auch im Tier­reich vor.

Und diese teils völ­lig neuen wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse räu­men mit einer Kirchen-​​Biologie auf, die Sex als ein ein­zig zur Fort­pflan­zung not­wen­di­ges Übel ver­kau­fen will: Die sich mit­un­ter sogar pro­sti­tu­ie­ren­den Bonobo-​​Affen haben der­zei­ti­gen Stu­dien zufolge mehr Sex zum Spaß und das nicht nur mit dem ande­ren Geschlecht. Auch für Harems­da­men und eine Ménage à trois fin­den sich Art­ge­nos­sen und wie natür­lich Homo­se­xua­li­tät ist, zei­gen die herz­er­wei­chen­den Geschich­ten der Bart­geier Daschik und Jehuda aus dem Bibel-​​Zoo (!) in Jeru­sa­lem und der New Yor­ker Gay-​​Pinguine Roy und Silo. Nach­for­schungs­fa­zit: So amü­sant wie hier kommt man wohl nir­gends auf den aktu­el­len Stand in Sachen Arterhaltung.