Christoph Maria Herbst, der "Millionär"-Adair
Karlsruhe - Nirgendwo lässt sich so schön fremdschämen wie bei ihm. Bis er sich mit seiner Paraderolle als dummdreistes Büroekel Bernd Stromberg bekannt macht, ist auch Christoph Maria Herbst anonyme Masse. Inzwischen macht er gleich mehrfach Karriere und die Dreharbeiten zur vierten Staffel der kultigen TV-Serie sind denn auch Grund dafür, dass der Schauspieler bei seinem "Millionär"-Leseabend mit Kinderschänderbart und unrasiertem Resthaar im Tollhaus Platz nimmt."'Stromberg', das ist die Serie, die mehr Fans als Zuschauer hat", macht der ganz in schwarz gekleidete Herbst ein letztes Mal demonstrativ Werbung in eigener Sache, um sich dann der wiederum hart am Zeitgeist kreisenden "Vollidiot"-Fortsetzung "Millionär" (Fischer Verlag) zu widmen. Und dessen Autor Tommy Jaud - früher bekannt als Headwriter der Sat.1-"Wochenshow" und Creative Producer von Anke Engelkes "Ladykrachern", neuerdings "Thomas Mann der popkulturellen Belletristik" - weiß um die existenziellen, aber irgendwie auch nichtigen Nöte notorischer Single-Existenzen unserer Tage.
Damals waren es Männerfüße mit einem Paar de facto nicht zusammengehöriger Socken, dann Badelatschen im Großformat, welche die Bestsellerregale deutscher Buchhandlungen schmücken. Im von Hochwasserhosen und in Lackschuhen steckenden Tennissocken illustrierten Drittwerk pendelt der Jennylund-Single-Sessel-Geschädigte Simon Peters neuerdings zwischen seiner neuen Hochhauswohnung in Köln-Sülz, Arbeitsagentur (statt T-Punkt) und dem Internet-Café seines persischen Freundes, Shahins Web World, wo er versucht, gegen "20 Euro Büro-Warmmiete im Monat" so etwas wie den schönen Schein eines Arbeitsalltags aufrecht zu erhalten.
"Morgen muss ich in den Osten. Nach Stuttgart."
Dort gibt er den "Beschwerdeführer Belanglosigkeiten", der sich mittlerweile nicht mal mehr zu schade ist, das Alphabet in der Buchstabensuppe auf Vollständigkeit zu kontrollieren - nur um Gratisprodukte und Sozialkontakte zu schnorren. Dann mietet sich zur ohnehin schon unnachbarlichen Touretteturmuhr auch noch die unerträgliche Tusse Johanna in der Penthouse-Wohnung über ihm ein. Doch um Vermieter Zwirbel-Jupp das Mietshaus abzukaufen und die Hummer-fahrende, Wii-spielende EMI-Managerin vor die Tür zu setzen, braucht der Hartz-IV-Empfänger eine ganze Million Euronen. Und eine Geschäftsidee.
Wie es sich für eine gute Lesung gehört, findet Herbst für diese Rahmenhandlung die richtigen Kapitel und Stellen, um einem Unwissenden Lust auf den Roman zu machen und - viel schwieriger - auch jene zu unterhalten, die ihn bereits kennen. Er trägt aus dem ersten Buchviertel von "Do simmer dobei!" bis zu "Königin der Unterschicht" vor, zieht die passenden Passagen nach vorne und peppt sie mit aktuellen Bezügen auf, etwa zur Bankenkrise ("oder würden Sie Ihr Geld einem Institut geben, das mit 'Diba-diba-du' wirbt?").
Die schauspielerische Gabe hält beim Vorlesen nicht inne
Zwischendurch gönnt er sich immer mal wieder ein Schlückchen von der undefinierbaren, dampfenden Brühe mit Stückchen aus der Karaffe neben seinem schlichten quadratischen Lesemöbel. Genutzte Gelegenheiten, die Stimmung noch weiter aufzuweichen: "Morgen muss ich in den Osten. Nach Stuttgart." Selbst als er sich ein einziges Mal an diesem Abend ("und das erste Mal in 43 Jahren!") verspricht und "offene Bühne" statt "offene Küche" sagt, ist es ein Lacher sondersgleichen, den Herbst mit seinem kokettierten Abbruch der "Millionärs"-Lesung ("Ja, da kommt ja jetzt eigentlich auch nix Dolles mehr") auf die Spitze zu treiben weiß. Und noch ein Punkt für die Gast-Ein-Mann-Schaft!
Deshalb ist das Publikum schließlich so zahlreich gekommen, und weil die schauspielerische Gabe des geübten Synchronsprechers auch beim Vorlesen nicht innehalten kann. Wie in einem dem CD-Player entstiegenen Hörspiel fühlt man sich, wenn Herbst mit bloßen Dialogen ein Mikromilieu im kargen Nichts entstehen lässt; Schickse Johanna kiekst und kichert in höchster Stimmlage "Suuuupiiii!", Zwirbel-Jupp blökt in bestem Kölsch, der Titelheld sirent zum Widerstand gegens christliche "St. Bim Bam"-Glockengeläut wie ein islamischer Prediger, dazu der keuchende Shahin und ein sich mit vietnamesischem Akzent mantrahaft am Spruch "Habewia! Daasdebeste!" abarbeitender Wirt der Ha-Long-Bucht. Auch deshalb füllt sich das Karlsruher Tollhaus mit vernehmbarer Vorfreude, als Herbst zum Grande Finale "Dr. Parisi" ankündigt, den stotternden und so gerne von seinem Gegenüber in der dritten Person sprechenden leicht wirren Weißkittelclown.
Jauds Romane muss man hören
Als Zugabe und inhaltlich zwangsläufigen Cliffhanger muss und darf "Mr. Moneybooster" ran; das Kapitel über jenen Kapital-Guru aus dem Lande der Planwirtschaft mit der Vergleichsvorliebe für den Starfeuerwehrmann Paul Neal Adair, der Simon Peters zum "Beschwer-Adair" macht. Geheimformel zur Million: "Wenn du tust, was alle tun, dann kriegst du das, was alle kriegen" - ergo: "Wo tust du, was keiner tut?" Herbst, der den Motivator schon beim Hörbuch (Argon Verlag) mit ostdeutscher Inbrunst gegeben hat, legt nochmals nach und verausgabt sich im wilden Wechsel zwischen Protagonisten und Erzähler dermaßen, dass ihm kleine Schweißperlen auf der hohen Stirn stehen. Längst ist die Lesung in etwas übergegangen, das mancher wohl als Performance bezeichnen würde.
Dabei ist es im Grunde nur Höhepunkt der großartigen Zwei-Stunden-Vorstellung eines Mannes, der definitiv nicht das tut, was alle tun, (dafür auch nicht das bekommt, was alle bekommen, sondern jede Menge Applaus) und an deren Ende zwei Erkenntnisse stehen, die untrennbar miteinander verbunden sind: Jauds Romane muss man gehört haben, denn sie sind literarisierte Comedy - jedenfalls solange Christoph Maria Herbst sie liest, der "Millionär"-Adair, der Oberbrandmeister der deutschen Unterhaltungsbranche.
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