28. Mai 2009
Paris, Paris — Monsieur Pigoil auf dem Weg zum Glück
Frankreichs Metropole an der Seine ist auch eine Kinohauptstadt. Paris bot Kulisse für Filme wie „Belle de jour“, „Der letzte Tango“ oder „La Boum“, war Dreh– und Angelpunkt von Amélies fabelhafter Welt und ist nun Schauplatz von Christophe Barratiers französischer Variante des Pop-Art-Musicals „Moulin Rouge“.
Geblieben ist dem Regisseur von „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ — der rührenden, „Oscar“-nominierten Internatsgeschichte um einen Musiklehrer, der seinen vom Schicksal gebeutelten Schützlingen das Singen beibringt — im zweiten Kinofilm „Paris, Paris“ (Constantin Film) sein Hauptdarsteller Gérard Jugnot. Zu den Hochzeiten des Varietés gehört er als Bühnenarbeiter zur Belegschaft des Vaudeville-Theaters Chansonia, wo am Silvesterabend 1935 die Lichter ausgehen und der von nun an arbeitslose Pigoil in Folge das Sorgerecht für seinen Sohn Jojo (Maxene Perrin, der kleine Pépinot aus „Monsieur Mathieu“) verliert.
Der Winter seines Missvergnügens endet erst, als der gewerkschaftende Beleuchter Milou (Clovis Cornillac) und Pantomime Jacky (Kad Merad) das mittlerweile an Immobilienspekulant und Vorstadt-Zwielicht Galapiat (Bernard-Pierre Donnadieu) gefallene Chansonia aufmöbeln und das Ensemble erneut zusammenbringen. Richtig Glanz in die alte Hütte kommt aber erst, als die Sängerin Douce (großartig: Newcomerin Nora Arnezeder) engagiert wird.
Doch während sie mit Schmachtstimme sehnsuchtsvoll „Loin de Paname“ und all die anderen eigens für den Film komponierten Chansons ins Dunkel des Zuschauerraums haucht, werden vor der Tür politische Grabenkämpfe ausgefochten: Die linke Volksfront ist an der Macht, es gibt wilde Streiks, die von rechten Schlägerbanden aufgelöst werden, und der latente Antisemitismus bricht sich offen Bahn; historische Bezüge schimmern immer wieder durch. Im Gegensatz zu Baz Luhmanns Musicalfilm „Moulin Rouge“ ist „Paris, Paris“ nämlich kein eskapistisches Märchen. Und Barratier nutzt die Musik auch nicht zur Kommunikation unter seinen Protagonisten.
Richtig beschwingt wird’s aber ebenso, wenn schließlich der scheue Monsieur Radio — wunderbar gespielt vom alten Komödien-Haudegen Pierre Richard — nach 20 Jahren sein Zimmer verlässt, um eine neue Revue auf die Beine zu stellen. Doch „Monsieur Pigoils Weg zum Glück“ dauert an. Denn die mit viel Akkordeon-Klängen aufgezogene Geschichte von „Paris, Paris“ erzählt er einen Gendarm auf der Revierwache…
Für den wunderbar getroffenen Stil des französischen poetischen Realismus der 1930er Jahre sorgen die Bilder des renommierten amerikanischen Kameramanns Tom Stern, dessen Objektiv hingebungsvoll um die Darsteller tanzt. Dabei vergisst man sogar, dass der Film viele seiner selbst gegebenen Vorlagen nur anreißen kann, weil er unbestritten zu viele Akteure samt ihrer schweren Schicksale auf die zu klein bemessene Bühne des Chansonia drängt. Und wenn für die Revue nach zwei Stunden formidabler Unterhaltung der Vorhang fällt, fühlt man’s lange schon auf den Lippen liegen: „À la bonne heure, Monsieur Barratier!“
