Paris, Paris - Monsieur Pigoil auf dem Weg zum GlückFrank­reichs Metro­pole an der Seine ist auch eine Kino­haupt­stadt. Paris bot Kulisse für Filme wie „Belle de jour“, „Der letzte Tango“ oder „La Boum“, war Dreh– und Angel­punkt von Amé­lies fabel­haf­ter Welt und ist nun Schau­platz von Chris­to­phe Bar­ra­tiers fran­zö­si­scher Vari­ante des Pop-​​Art-​​Musicals „Mou­lin Rouge“.

Geblie­ben ist dem Regis­seur von „Die Kin­der des Mon­sieur Mathieu“ — der rüh­ren­den, „Oscar“-nominierten Inter­nats­ge­schichte um einen Musik­leh­rer, der sei­nen vom Schick­sal gebeu­tel­ten Schütz­lin­gen das Sin­gen bei­bringt — im zwei­ten Kino­film „Paris, Paris“ (Con­stan­tin Film) sein Haupt­dar­stel­ler Gér­ard Jug­not. Zu den Hoch­zei­ten des Varie­tés gehört er als Büh­nen­ar­bei­ter zur Beleg­schaft des Vaudeville-​​Theaters Chan­so­nia, wo am Sil­ves­ter­abend 1935 die Lich­ter aus­ge­hen und der von nun an arbeits­lose Pigoil in Folge das Sor­ge­recht für sei­nen Sohn Jojo (Maxene Per­rin, der kleine Pépi­not aus „Mon­sieur Mathieu“) verliert.

Der Win­ter sei­nes Miss­ver­gnü­gens endet erst, als der gewerk­schaf­tende Beleuch­ter Milou (Clo­vis Cor­nil­lac) und Pan­to­mime Jacky (Kad Merad) das mitt­ler­weile an Immo­bi­li­en­spe­ku­lant und Vorstadt-​​Zwielicht Gala­piat (Bernard-​​Pierre Don­na­dieu) gefal­lene Chan­so­nia auf­mö­beln und das Ensem­ble erneut zusam­men­brin­gen. Rich­tig Glanz in die alte Hütte kommt aber erst, als die Sän­ge­rin Douce (groß­ar­tig: New­co­me­rin Nora Arne­ze­der) enga­giert wird.

Doch wäh­rend sie mit Schmacht­stimme sehn­suchts­voll „Loin de Paname“ und all die ande­ren eigens für den Film kom­po­nier­ten Chan­sons ins Dun­kel des Zuschau­er­raums haucht, wer­den vor der Tür poli­ti­sche Gra­ben­kämpfe aus­ge­foch­ten: Die linke Volks­front ist an der Macht, es gibt wilde Streiks, die von rech­ten Schlä­ger­ban­den auf­ge­löst wer­den, und der latente Anti­se­mi­tis­mus bricht sich offen Bahn; his­to­ri­sche Bezüge schim­mern immer wie­der durch. Im Gegen­satz zu Baz Luh­manns Musi­cal­film „Mou­lin Rouge“ ist „Paris, Paris“ näm­lich kein eska­pis­ti­sches Mär­chen. Und Bar­ra­tier nutzt die Musik auch nicht zur Kom­mu­ni­ka­tion unter sei­nen Protagonisten.

Rich­tig beschwingt wird’s aber ebenso, wenn schließ­lich der scheue Mon­sieur Radio — wun­der­bar gespielt vom alten Komödien-​​Haudegen Pierre Richard — nach 20 Jah­ren sein Zim­mer ver­lässt, um eine neue Revue auf die Beine zu stel­len. Doch „Mon­sieur Pigo­ils Weg zum Glück“ dau­ert an. Denn die mit viel Akkordeon-​​Klängen auf­ge­zo­gene Geschichte von „Paris, Paris“ erzählt er einen Gen­darm auf der Revierwache…

Für den wun­der­bar getrof­fe­nen Stil des fran­zö­si­schen poe­ti­schen Rea­lis­mus der 1930er Jahre sor­gen die Bil­der des renom­mier­ten ame­ri­ka­ni­schen Kame­ra­manns Tom Stern, des­sen Objek­tiv hin­ge­bungs­voll um die Dar­stel­ler tanzt. Dabei ver­gisst man sogar, dass der Film viele sei­ner selbst gege­be­nen Vor­la­gen nur anrei­ßen kann, weil er unbe­strit­ten zu viele Akteure samt ihrer schwe­ren Schick­sale auf die zu klein bemes­sene Bühne des Chan­so­nia drängt. Und wenn für die Revue nach zwei Stun­den for­mi­da­bler Unter­hal­tung der Vor­hang fällt, fühlt man’s lange schon auf den Lip­pen lie­gen: „À la bonne heure, Mon­sieur Barratier!“