22. Mai 2009

Waltz With Bashir

Waltz With BashirPoli­ti­scher Zei­chen­trick ist sel­ten, aber nicht neu. Ari Fol­man kann sich trotz­dem rüh­men. Sein „Waltz With Bashir“ (Pan­dora Film/​Alive) gilt als erste ani­mierte Doku in Spiel­film­länge. Mit Bil­dern im Comic­stil visua­li­siert er das jüngst noch für den Auslands-„Oscar“ nomi­nierte und mit dem „Gol­den Globe“ aus­ge­zeich­nete Kriegstrauma.

26 Höl­len­hunde jagen durch die blau­grauen Stra­ßen; Nacht für Nacht wird der alte Freund des israe­li­schen Regis­seurs von einem Alp­traum ver­folgt. Mit die­ser ver­ängs­ti­gen­den Sequenz eröff­net Fol­man und tas­tet sich über 90 Minu­ten an den im Sep­tem­ber 1982 lie­gen­den Kern: das Mas­sa­ker von christ­li­chen Mili­zen an paläs­ti­nen­si­schen Flücht­lin­gen im Liba­non, bei dem sie sei­ner­zeit alle Zeu­gen wurden.

Ari hat im Gegen­satz zu sei­nem Gefähr­ten jeg­li­che Erin­ne­rung an das Blut­bad ver­drängt, mit dem die Ermor­dung des liba­ne­si­schen Prä­si­den­ten Bachir Gemayel (auf den der Titel anspielt) gesühnt wer­den sollte. Er beschließt des­halb, die übri­gen Kame­ra­den auf­zu­su­chen. Und je mehr er sich mit der Ver­gan­gen­heit der ande­ren aus­ein­an­der­setzt, desto kla­rer bricht sich die eigene Geschichte in sur­rea­len Sequen­zen Bahn in sein Bewusstsein.

Ähn­lich wie „Per­se­po­lis“, die 2007 ver­film­ten Kult­co­mics der Ira­ne­rin Mar­jane Satrapi, hat „Waltz With Bashir“ auto­bio­gra­phi­schen Unter­bau. Doch Fol­man setzt auf eine Kom­bi­na­tion, die so noch nicht da war: Er zeich­net die als Real­film gedreh­ten Inter­views Bild für Bild nach und bet­tet sie in klas­si­scher Doku-​​Manier in die übri­gen Sze­nen ein, die irgendwo zwi­schen Wahr­heit und Fan­ta­sie­trip irrlichtern.

Was hier mit Alp­träu­men und Hal­lu­zi­na­tio­nen beginnt, wird immer kon­kre­ter — bis am Schluss eine 50-​​sekündige Archiv­se­quenz völ­lig unver­mit­telt mit­ten ins Mark trifft, indem sie zu den rea­len Opfern des Mas­sa­kers umschwenkt. Sti­lis­ti­scher Bruch und nach­hal­ti­ger Schluss­punkt eines Films, der ob sei­ner Mach­art nicht nur als einer der unge­wöhn­lichs­ten des Jah­res 2008 in Erin­ne­rung bleibt.