10. Juni 2009
Ein entsorgter Vater
Karlsruhe — Das Prinzip „Kaukasischer Kreidekreis“ funktioniert augenscheinlich nur bei Bert Brecht. Auch Douglas Wolfsperger musste sein Kind loslassen; gesehen hat er die Tochter seither nicht mehr. Jetzt wehrt sich „Der entsorgte Vater“ mit seinen Mitteln gegen die umgangverweigernde Ex: dem Bewegtbild. Bei der Schauburg–Premiere seines in und um Karlsruhe gedrehten Films unterhielt er sich mit Patrick Wurster über Muttermacht, Entfremdung und die dokumentarische Tugend.
???: Seit mehr als fünf Jahren boykottiert Ihre ehemalige Lebensgefährtin den Umgang zwischen Vater und Kind. Dann bekommen Sie einen Brief von Ihrer damals zehnjährigen Tochter, die Ihnen nach längerer Kontaktpause schreibt, Sie nicht mehr sehen zu wollen. Ein Richter befindet, das Kind brauche Ruhe. Sie sollen sich verabschieden. Alleine die Vorstellung ist brutal. Wollen Sie über diese vorerst letzte Begegnung sprechen?
Douglas Wolfsperger: Ich weiß bis heute nicht, was das Gericht mit Ruhe meint. Ruhe vor was, Ruhe vor wem — etwa Ruhe vor seinem Vater? Das ist alles völlig absurd und quält mich seit einem Jahr, als meine Tochter mit der Mutter aus Düsseldorf angeflogen gekommen ist. Dann haben wir uns in den Räumen des Verfahrenspflegers in Berlin getroffen, wo ich eine Dreiviertelstunde Zeit zugestanden bekam, meiner Tochter einen Abschiedsbrief vorzulesen, ihr mitzuteilen, dass ich sie sehr lieb habe und wie leid es mir tut, dass es soweit kommen musste. Und dass meine Tür jederzeit offen stehen wird. Vor mir saß ein völlig entfremdetes Kind, zu dem ich einst ein sehr enges Verhältnis gehabt habe und das die negativen Gefühle der Mama — seien sie nun bewusst oder unbewusst vermittelt worden — im Laufe der Monate übernommen hat.
???: War es von Anfang an geplant, dass Sie in Ihrem eigenen Film mitspielen würden?
Wolfsperger: Nein, das hat sich so ergeben, weil ich beim Drehen und im Schneideraum nach der ersten Etappe gemerkt habe, dass ich selbst dermaßen in dieser Geschichte drin stecke. Zu diesem Zeitpunkt drehte sich die Abwärtsspirale immer weiter, die Gerichte haben sich so verdammt viel Zeit gelassen und ich war zunehmend verzweifelt. Meine Geschichte hat sich sozusagen in den Film hinein entwickelt. Und als wir das zweite Mal in Karlsruhe waren, stand ich auch vor der Kamera.
???: Warum haben Sie sich ausgerechnet in Karlsruhe auf Vatersuche begeben — nur aus Geldgründen?
Wolfsperger: Die Medien und Filmgesellschaft Baden-Württemberg hat den Film gefördert und da ist es Pflicht, vor Ort zu arbeiten. Ich finde es toll, in meinem Heimatbundesland zu drehen; ich komme ja vom Bodensee. Aber der wesentliche Grund war Franzjörg Krieg, der in Karlsruhe den Verein Väteraufbruch gegründet hat; eine der wenigen Anlaufstellen für Väter, die von ihren Kindern getrennt werden. Bei einem Treffen mit ihm hat alles einen Anfang genommen, verdichtete sich, bis ich beschlossen habe, hier zu drehen. Wenn ich einen Film mache, konzentriere ich mich gerne auf ein Biotop und grabe das dann möglichst vollständig um. Und nicht zuletzt ist Karlsruhe die Hauptstadt des Rechts in Deutschland. Dass die Thematik an diesem Ort diskutiert wird, ist doch nahe liegend.
???: Bei ihrem Aufruf im Mai 2007 waren Sie noch auf Elternsuche, wollten auch die jeweiligen Mütter zu Wort kommen lassen…
Wolfsperger: Ich habe natürlich versucht, die Ex-Frauen einzubeziehen, aber die haben meiner Regieassistentin zum Teil erbost den Hörer auf die Gabel geknallt, so dass es schon im Vorfeld nicht möglich war, ein Gespräch zu führen. Es hat sich herauskristallisiert, dass es wohl bei einem, dem entsorgten Elternteil, bleiben muss. Und aufgrund meiner eigenen Situation fand ich das irgendwann gar nicht mehr so schlecht.
???: Die Darstellungen der Protagonisten bleiben damit aber unwidersprochen. Und über die Gründe, warum die Frauen mit aller Macht verhindern, dass ihre Ex-Partner weiterhin für die gemeinsamen Kinder da sind, erfährt der Zuschauer ebenso nichts. Schadet das der Glaubwürdigkeit und damit der Wirkung des Films?
Wolfsperger: Alle meine bisherigen Filme sind einseitig. Die Frage ist doch, was dabei herumkommt, wenn beide das Sagen haben — außer, dass man als Zuschauer das Gefühl bekommt, die hatten noch nie im Leben etwas miteinander zu tun, obwohl sie 20 Jahre verheiratet waren. Was nützt es dem Film, wenn die Ex-Frau vor der Kamera sagt: „Das war ein Schwein, das war ein Arschloch, der hat mich betrogen!“? Das rechtfertigt alles nicht, dass sie am längeren Hebel sitzt und bestimmen kann, wer Kontakt zum Kind hat. Deshalb fand ich es irgendwann auch nicht mehr förderlich, beide Seiten zu befragen. So kommt viel mehr Diskussion in Gang. Ein Film kann bei diesem brisanten Thema ohnehin nicht alle Erwartungen erfüllen, kann nicht alle Fragen beantworten. Aber er ist ein erster, ein wichtiger Schritt, um überhaupt einmal das Gespräch anzustoßen. Er lockt die Leute aus der Reserve, weil er unfertig ist.
???: Wie passt die einzige Frau, Birgit Laub, in ihr Konzept?
Wolfsperger: Sie erzählt einfach munter drauf los aus der Warte einer Frau, die den Sieg davon getragen hat und für sich rechtfertigt, warum der Ex-Mann im Leben ihrer Tochter keine Rolle mehr spielen soll. Und das fand ich auf eine schauderhafte Art auch sehr faszinierend für einen Mann Mann in meiner Situation — der sich ja ständig die Frage stellt, wie eine Frau zu der Einstellung kommt, das Kind gehört zu ihr und der Vater hat nichts mehr zu melden. Bei meiner Ex-Freundin ist mir das bis zum heutigen Tag ein Rätsel, wie man sein Kind so schamlos dazu benutzen kann, um dem Ex eine reinzudrücken. Aber sie ist nach acht Jahren immer noch der festen Überzeugung, dass es das Kind ist, das mich ablehnt.
???: Wie geht man eigentlich als Dokufilmer mit Situationen um, in denen sich die Protagonisten selbst bloßstellen — sei es nun in ihrem letzten Kinofilm „Die Blutritter“, wenn sich die katholizistischen Dorfbewohner mit tumben Aussagen ins Abseits stellen oder im aktuellen Fall, wenn Ralf Bähringer sagt: „Die hat doch alles gehabt, Waschmaschine, Spülmaschine, Staubsauger, warum ist sie denn weggegangen?„
Wolfsperger: Das kann ich natürlich nicht außen vor lassen. Aber damit haben die Jungs glaube ich kein Problem. Die sind doch heilfroh, dass der Fall endlich verhandelt wird. Und es widerlegt den Vorwurf der Einseitigkeit: Die Geschichte ist zwar aus einem Blickwinkel erzählt, aber doch differenziert und ambivalent. Das zeigt doch, dass diese Männer keine Unschuldslämmer sind und unter Umständen auch manches dazu beigetragen haben, dass ihre Beziehung in die Brüche gegangen ist. Aber das rechtfertigt eben nicht, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen.
???: Lässt sich die besondere Tugend des Dokumentarischen überhaupt wahren, nur zu beobachten und die Wertung dem Betrachter zu überlassen?
Wolfsperger: Ich komme vom Spielfilm und mich nervt dieses Kategorisierung nur noch. Film ist Film. Der muss interessant sein, gute Bilder, gute Musik, gute Typen haben, muss kurzweilig sein. Und dann mache ich keinen Unterschied zwischen Spiel– und Dokumentarfilm. Und deshalb inszeniere ich auch beim Dokumentarfilm. Wieso muss das objektiv sein? Das ist doch nur so eine Regel von irgendwelchen Betonköpfen.
???: Inwieweit ist dieser Film mehr Botschaft an ihre Tochter, die den Film, wenn sie älter ist, sicher sehen wird?
Wolfsperger: Das ist natürlich auch ein wesentlicher Motor geworden — wenngleich ich natürlich nicht mein ganzes Privatleben öffentlich machen muss, nur weil ich Filme drehe. Aber das ist eben nicht nur eine Sache zwischen meiner Tochter und mir. Es gibt Legionen von Vätern, denen es genauso geht. Und mein Film ist Dokument dieser Ungerechtigkeit in unserem Land.
???: Was muss sich von Rechts wegen ändern, um dieser Muttermacht entgegenzuwirken?
Wolfsperger: Erst einmal muss ins Bewusstsein der Leute, dass es Väter gibt, die ernsthaft Interesse an ihren Kindern haben. Das ist schwierig zu vermitteln, weil es natürlich wesentlich mehr Väter gibt, die ihre Kinder wissentlich vernachlässigen. Aber das muss bis zu den Richtern durchdringen. Und dann muss es Gesetzesänderungen geben. Es kann zum Beispiel nicht sein, dass bei unverheirateten Paaren das Sorgerecht automatisch an die Mutter geht. Oder auf meinen Fall bezogen, wie eine Gutachterin übergangen werden kann, die die Situation genau erfasst hat und zu dem Ergebnis gekommen ist, dass unser Kind Gefahr läuft, zu entfremden — ein Kind, das zu diesem Zeitpunkt noch gesagt hat: „Ich würde gerne meinen Papa sehen, aber die Mama will’s nicht.“ Und was macht das Gericht? Es lässt sich Zeit. Fast zwei Jahre. Dann äußert meine Tochter plötzlich, dass sie mich nicht mehr sehen will. Was ist da in der Zwischenzeit passiert? Manipulation. Hier drängt sich doch die Frage auf, ob die Mutter erziehungsfähig ist! Darüber befinden Beamtensäcke, die ein solches Verfahren behandeln wie einen Sachschaden. Aber irgendwann werden auch die Kinder dahinter kommen, wie übel ihnen mitgespielt wurde. Und dann möchte ich nicht in der Haut der Mutter stecken.
