Dou­glas Wolfsper­gerKarls­ruhe — Das Prin­zip „Kau­ka­si­scher Krei­de­kreis“ funk­tio­niert augen­schein­lich nur bei Bert Brecht. Auch Dou­glas Wolfsper­ger musste sein Kind los­las­sen; gese­hen hat er die Toch­ter seit­her nicht mehr. Jetzt wehrt sich „Der ent­sorgte Vater“ mit sei­nen Mit­teln gegen die umgang­ver­wei­gernde Ex: dem Bewegt­bild. Bei der Schau­burg–Pre­miere sei­nes in und um Karls­ruhe gedreh­ten Films unter­hielt er sich mit Patrick Wurs­ter über Mut­ter­macht, Ent­frem­dung und die doku­men­ta­ri­sche Tugend.

???: Seit mehr als fünf Jah­ren boy­kot­tiert Ihre ehe­ma­lige Lebens­ge­fähr­tin den Umgang zwi­schen Vater und Kind. Dann bekom­men Sie einen Brief von Ihrer damals zehn­jäh­ri­gen Toch­ter, die Ihnen nach län­ge­rer Kon­takt­pause schreibt, Sie nicht mehr sehen zu wol­len. Ein Rich­ter befin­det, das Kind brau­che Ruhe. Sie sol­len sich ver­ab­schie­den. Alleine die Vor­stel­lung ist bru­tal. Wol­len Sie über diese vor­erst letzte Begeg­nung spre­chen?
Dou­glas Wolfsper­ger: Ich weiß bis heute nicht, was das Gericht mit Ruhe meint. Ruhe vor was, Ruhe vor wem — etwa Ruhe vor sei­nem Vater? Das ist alles völ­lig absurd und quält mich seit einem Jahr, als meine Toch­ter mit der Mut­ter aus Düs­sel­dorf ange­flo­gen gekom­men ist. Dann haben wir uns in den Räu­men des Ver­fah­rens­pfle­gers in Ber­lin getrof­fen, wo ich eine Drei­vier­tel­stunde Zeit zuge­stan­den bekam, mei­ner Toch­ter einen Abschieds­brief vor­zu­le­sen, ihr mit­zu­tei­len, dass ich sie sehr lieb habe und wie leid es mir tut, dass es soweit kom­men musste. Und dass meine Tür jeder­zeit offen ste­hen wird. Vor mir saß ein völ­lig ent­frem­de­tes Kind, zu dem ich einst ein sehr enges Ver­hält­nis gehabt habe und das die nega­ti­ven Gefühle der Mama — seien sie nun bewusst oder unbe­wusst ver­mit­telt wor­den — im Laufe der Monate über­nom­men hat.

???: War es von Anfang an geplant, dass Sie in Ihrem eige­nen Film mit­spie­len wür­den?
Wolfsper­ger: Nein, das hat sich so erge­ben, weil ich beim Dre­hen und im Schnei­de­raum nach der ers­ten Etappe gemerkt habe, dass ich selbst der­ma­ßen in die­ser Geschichte drin ste­cke. Zu die­sem Zeit­punkt drehte sich die Abwärts­spi­rale immer wei­ter, die Gerichte haben sich so ver­dammt viel Zeit gelas­sen und ich war zuneh­mend ver­zwei­felt. Meine Geschichte hat sich sozu­sa­gen in den Film hin­ein ent­wi­ckelt. Und als wir das zweite Mal in Karls­ruhe waren, stand ich auch vor der Kamera.

???: Warum haben Sie sich aus­ge­rech­net in Karls­ruhe auf Vater­su­che bege­ben — nur aus Geld­grün­den?
Wolfsper­ger: Die Medien und Film­ge­sell­schaft Baden-​​Württemberg hat den Film geför­dert und da ist es Pflicht, vor Ort zu arbei­ten. Ich finde es toll, in mei­nem Hei­mat­bun­des­land zu dre­hen; ich komme ja vom Boden­see. Aber der wesent­li­che Grund war Franzjörg Krieg, der in Karls­ruhe den Ver­ein Väter­auf­bruch gegrün­det hat; eine der weni­gen Anlauf­stel­len für Väter, die von ihren Kin­dern getrennt wer­den. Bei einem Tref­fen mit ihm hat alles einen Anfang genom­men, ver­dich­tete sich, bis ich beschlos­sen habe, hier zu dre­hen. Wenn ich einen Film mache, kon­zen­triere ich mich gerne auf ein Bio­top und grabe das dann mög­lichst voll­stän­dig um. Und nicht zuletzt ist Karls­ruhe die Haupt­stadt des Rechts in Deutsch­land. Dass die The­ma­tik an die­sem Ort dis­ku­tiert wird, ist doch nahe liegend.

???: Bei ihrem Auf­ruf im Mai 2007 waren Sie noch auf Eltern­su­che, woll­ten auch die jewei­li­gen Müt­ter zu Wort kom­men las­sen…
Wolfsper­ger: Ich habe natür­lich ver­sucht, die Ex-​​Frauen ein­zu­be­zie­hen, aber die haben mei­ner Regie­as­sis­ten­tin zum Teil erbost den Hörer auf die Gabel geknallt, so dass es schon im Vor­feld nicht mög­lich war, ein Gespräch zu füh­ren. Es hat sich her­aus­kris­tal­li­siert, dass es wohl bei einem, dem ent­sorg­ten Eltern­teil, blei­ben muss. Und auf­grund mei­ner eige­nen Situa­tion fand ich das irgend­wann gar nicht mehr so schlecht.

???: Die Dar­stel­lun­gen der Prot­ago­nis­ten blei­ben damit aber unwi­der­spro­chen. Und über die Gründe, warum die Frauen mit aller Macht ver­hin­dern, dass ihre Ex-​​Partner wei­ter­hin für die gemein­sa­men Kin­der da sind, erfährt der Zuschauer ebenso nichts. Scha­det das der Glaub­wür­dig­keit und damit der Wir­kung des Films?
Wolfsper­ger: Alle meine bis­he­ri­gen Filme sind ein­sei­tig. Die Frage ist doch, was dabei her­um­kommt, wenn beide das Sagen haben — außer, dass man als Zuschauer das Gefühl bekommt, die hat­ten noch nie im Leben etwas mit­ein­an­der zu tun, obwohl sie 20 Jahre ver­hei­ra­tet waren. Was nützt es dem Film, wenn die Ex-​​Frau vor der Kamera sagt: „Das war ein Schwein, das war ein Arsch­loch, der hat mich betro­gen!“? Das recht­fer­tigt alles nicht, dass sie am län­ge­ren Hebel sitzt und bestim­men kann, wer Kon­takt zum Kind hat. Des­halb fand ich es irgend­wann auch nicht mehr för­der­lich, beide Sei­ten zu befra­gen. So kommt viel mehr Dis­kus­sion in Gang. Ein Film kann bei die­sem bri­san­ten Thema ohne­hin nicht alle Erwar­tun­gen erfül­len, kann nicht alle Fra­gen beant­wor­ten. Aber er ist ein ers­ter, ein wich­ti­ger Schritt, um über­haupt ein­mal das Gespräch anzu­sto­ßen. Er lockt die Leute aus der Reserve, weil er unfer­tig ist.

???: Wie passt die ein­zige Frau, Bir­git Laub, in ihr Kon­zept?
Wolfsper­ger: Sie erzählt ein­fach mun­ter drauf los aus der Warte einer Frau, die den Sieg davon getra­gen hat und für sich recht­fer­tigt, warum der Ex-​​Mann im Leben ihrer Toch­ter keine Rolle mehr spie­len soll. Und das fand ich auf eine schau­der­hafte Art auch sehr fas­zi­nie­rend für einen Mann Mann in mei­ner Situa­tion — der sich ja stän­dig die Frage stellt, wie eine Frau zu der Ein­stel­lung kommt, das Kind gehört zu ihr und der Vater hat nichts mehr zu mel­den. Bei mei­ner Ex-​​Freundin ist mir das bis zum heu­ti­gen Tag ein Rät­sel, wie man sein Kind so scham­los dazu benut­zen kann, um dem Ex eine rein­zu­drü­cken. Aber sie ist nach acht Jah­ren immer noch der fes­ten Über­zeu­gung, dass es das Kind ist, das mich ablehnt.

???: Wie geht man eigent­lich als Doku­fil­mer mit Situa­tio­nen um, in denen sich die Prot­ago­nis­ten selbst bloß­stel­len — sei es nun in ihrem letz­ten Kino­film „Die Blut­rit­ter“, wenn sich die katho­li­zis­ti­schen Dorf­be­woh­ner mit tum­ben Aus­sa­gen ins Abseits stel­len oder im aktu­el­len Fall, wenn Ralf Bäh­rin­ger sagt: „Die hat doch alles gehabt, Wasch­ma­schine, Spül­ma­schine, Staub­sau­ger, warum ist sie denn weg­ge­gan­gen?„
Wolfsper­ger: Das kann ich natür­lich nicht außen vor las­sen. Aber damit haben die Jungs glaube ich kein Pro­blem. Die sind doch heil­froh, dass der Fall end­lich ver­han­delt wird. Und es wider­legt den Vor­wurf der Ein­sei­tig­keit: Die Geschichte ist zwar aus einem Blick­win­kel erzählt, aber doch dif­fe­ren­ziert und ambi­va­lent. Das zeigt doch, dass diese Män­ner keine Unschulds­läm­mer sind und unter Umstän­den auch man­ches dazu beige­tra­gen haben, dass ihre Bezie­hung in die Brü­che gegan­gen ist. Aber das recht­fer­tigt eben nicht, dass sie ihre Kin­der nicht mehr sehen dürfen.

???: Lässt sich die beson­dere Tugend des Doku­men­ta­ri­schen über­haupt wah­ren, nur zu beob­ach­ten und die Wer­tung dem Betrach­ter zu über­las­sen?
Wolfsper­ger: Ich komme vom Spiel­film und mich nervt die­ses Kate­go­ri­sie­rung nur noch. Film ist Film. Der muss inter­es­sant sein, gute Bil­der, gute Musik, gute Typen haben, muss kurz­wei­lig sein. Und dann mache ich kei­nen Unter­schied zwi­schen Spiel– und Doku­men­tar­film. Und des­halb insze­niere ich auch beim Doku­men­tar­film. Wieso muss das objek­tiv sein? Das ist doch nur so eine Regel von irgend­wel­chen Betonköpfen.

???: Inwie­weit ist die­ser Film mehr Bot­schaft an ihre Toch­ter, die den Film, wenn sie älter ist, sicher sehen wird?
Wolfsper­ger: Das ist natür­lich auch ein wesent­li­cher Motor gewor­den — wenn­gleich ich natür­lich nicht mein gan­zes Pri­vat­le­ben öffent­lich machen muss, nur weil ich Filme drehe. Aber das ist eben nicht nur eine Sache zwi­schen mei­ner Toch­ter und mir. Es gibt Legio­nen von Vätern, denen es genauso geht. Und mein Film ist Doku­ment die­ser Unge­rech­tig­keit in unse­rem Land.

???: Was muss sich von Rechts wegen ändern, um die­ser Mut­ter­macht ent­ge­gen­zu­wir­ken?
Wolfsper­ger: Erst ein­mal muss ins Bewusst­sein der Leute, dass es Väter gibt, die ernst­haft Inter­esse an ihren Kin­dern haben. Das ist schwie­rig zu ver­mit­teln, weil es natür­lich wesent­lich mehr Väter gibt, die ihre Kin­der wis­sent­lich ver­nach­läs­si­gen. Aber das muss bis zu den Rich­tern durch­drin­gen. Und dann muss es Geset­zes­än­de­run­gen geben. Es kann zum Bei­spiel nicht sein, dass bei unver­hei­ra­te­ten Paa­ren das Sor­ge­recht auto­ma­tisch an die Mut­ter geht. Oder auf mei­nen Fall bezo­gen, wie eine Gut­ach­te­rin über­gan­gen wer­den kann, die die Situa­tion genau erfasst hat und zu dem Ergeb­nis gekom­men ist, dass unser Kind Gefahr läuft, zu ent­frem­den — ein Kind, das zu die­sem Zeit­punkt noch gesagt hat: „Ich würde gerne mei­nen Papa sehen, aber die Mama will’s nicht.“ Und was macht das Gericht? Es lässt sich Zeit. Fast zwei Jahre. Dann äußert meine Toch­ter plötz­lich, dass sie mich nicht mehr sehen will. Was ist da in der Zwi­schen­zeit pas­siert? Mani­pu­la­tion. Hier drängt sich doch die Frage auf, ob die Mut­ter erzie­hungs­fä­hig ist! Dar­über befin­den Beam­ten­sä­cke, die ein sol­ches Ver­fah­ren behan­deln wie einen Sach­scha­den. Aber irgend­wann wer­den auch die Kin­der dahin­ter kom­men, wie übel ihnen mit­ge­spielt wurde. Und dann möchte ich nicht in der Haut der Mut­ter stecken.