Abstürzende Brieftauben - 25 Jahre sind genug Limi­tierte Ver­hält­nisse? Sicher doch. Aber die Abstür­zen­den Brief­tau­ben gehen in den 90ern rich­tig steil. Das Fun-​​Punk-​​Duo hat sich zwar lange schon auf­ge­löst, ihr Band-​​Jubiläum wird trotz­dem ordent­lich gewür­digt: mit der Doku-​​Konzi-​​Doppel-​​DVD „25 Jahre sind genug“ (Inde­pen­dent Enter­tain­ment/​Rough Trade).

„Meine Damen und Her­ren, liebe Schü­ler, liebe Leh­rer — die Abstür­zen­den Brief­tau­ben.“ Ein frü­her zu gern gehör­ter Satz läu­tet nun 110 Minu­ten schweiß­trei­bende Live­atmo ein. „Macht’s noch ein­mal Tau­ben“ ist auf DVD zwei der letzte Gig am 10. August 2002 im Han­no­ve­ra­ner Jugend­zen­trum Glock­see über­schrie­ben; „Das Grauen kehrt zurück“, die Anti-​​Nazi-​​Nummer „Räu­ber­mär­chen“ oder „Der Letzte macht die Türe zu“ gehö­ren in jedes Brieftauben-​​Set und fin­den sich hier auch auf dem unter „Aus­ser Kon­trolle“ geläu­fi­gen „Tortour“-Mitschnitt aus dem Düs­sel­dor­fer Tor anno ’91.

Dazu kom­men noch die char­mant zusam­men­ge­flick­ten Selfmade-​​Videoclips aus der Kate­go­rie „Der gespielte Fun-​​Punk-​​Song“. Die Haupt­dar­stel­ler, der stets pink­haa­rige Kon­rad Kitt­ner und der blau­ge­färbte Mirco „Micro“ Bogu­mil, albern sich mit dem buck­li­gen Band­mas­kott­chen durchs „Grauen“, wir sehen sie „Im Strand­bad“ und in „Du brauchst es“; wäre das gele­gent­li­che VHS-​​Flimmern nicht, es müsste nach­träg­lich übers Bild gelegt wer­den. Etwas pro­fes­sio­nel­ler las­sen sich die Videos zu „Fett & Häss­lich“, „Zuviel ist nicht genug“ und „Das Herz eines Boxers“ an, die aus den zwei letz­ten Jah­ren vor der Auf­lö­sung auf dem abso­lu­ten Kar­rier­ehö­he­punkt stam­men, als Oli­ver Ros­thal am Schlag­zeug saß und die Brief­tau­ben mit Bass­ver­stär­kung als Trio Charts­luft schnupperten.

Abstürzende Brieftauben - 25 Jahre sind genugWie’s dazu kam, ver­rät die erste DVD: „Wir war’n die Tau­ben“ heißt die 127-​​Minuten-​​Doku. Micro, mitt­ler­weile mit Sei­ten­schei­tel­fön­fri­sur, und ein hoch­di­op­tri­nier­ter, bier­trin­ken­der, zahn­lü­cki­ger Kon­rad und einige Weg­ge­fähr­ten wie Fabsi von den Mimmi’s, die Pro­be­raum­nach­barn Chris­tof Stein-​​Schneider und Thors­ten Win­gen­fel­der von Fury In The Slaugh­t­er­house, Hosen-​​Tour-​​Roadie Faust, Fred Timm (Ex-​​Norbert und die Feig­linge), TV-​​Moderator Ingo Schmoll und Kon­rads Vater, der Kaba­ret­tist Diet­rich Kitt­ner, las­sen die Geschichte der Abstür­zen­den Brief­tau­ben, deren Namen als unmit­tel­bare Ver­ball­hor­nung der Ein­stür­zen­den Neu­bau­ten (und ein biss­chen Geier Sturz­flug) ent­stan­den ist, mit aller­lei Anek­do­ten und Anek­döt­chen von der Grün­dung 1983 an Revue passieren.

Die bei­den Plus­mi­nus­vier­zi­ger erzäh­len dabei ohne gefragt zu wer­den wie „Bravo“, „Pop­corn“, „Pop Rocky“ und die EMI sich damals auf jenes Duo stürz­ten, das Gesang, Gibson-​​SG-​​Gitarre und unbe­küm­mer­tes Flummi-​​Beat-​​Schlagzeug immer mal wie­der auf die Reise nach Jeru­sa­lem geschickt hat und mit ihren schnel­len Gute-​​Laune-​​Riffs und spar­wit­zi­gen Lie­dern immer mehr Anklang fand bis sie sogar bei den Ramo­nes im Vor­pro­gramm spie­len durf­ten; übers „Fes­ti­val der Volx­mu­sik“ und Japan-„Tournee“ bis hin zu ihren Rol­len bei Hape Ker­ke­lings „Kein Par­don“, in dem die Punks als Kabel­hil­fen einen Kurz­auf­tritt haben und oben­drein ihren Titel „Pa-​​Pa-​​Paderborn“ in die Sai­ten hauen. Auch zu den Spe­ku­la­tio­nen über ein angeb­lich sei­ner­zeit fer­tig­ge­stell­tes Album wird Klar­text gesprochen.

In das im Grunde woh­lige Gefühl der Nost­al­gie, das bis zum bis dato unver­öf­fent­lich­ten und aller­letz­ten Tauben-​​Song „Punk­rock­rente“ mehr und mehr zunimmt, mischt sich mit dem Wis­sen um den Tod von Kon­rad K. im Jahr 2006 aller­dings eine gute Por­tion Beklem­mung; zumal die Doku unver­ständ­li­cher­weise nicht mal ein Wort über die Tat­sa­che als sol­che ver­liert. Eine Ein­blen­dung hätt’s getan. Muss der Abschieds­brief der Abstür­zen­den Brief­tau­ben aus dem Jahr 1997 also ein zwei­tes Mal her­hal­ten: „Seid nicht trau­rig dass wir gegan­gen — freut euch dass wir gewe­sen“. Und weil’s so schön passt, noch­mal schnell die DVDs gewech­selt und zwei Run­den „Trä­nen“ ver­drü­cken… Für die größte kleine Spaß­ka­pelle nach den Toy Dolls.