La ResistanceDie Micro­phone Mafia aus Köln lässt die­ser Tage gleich dop­pelt auf­hor­chen. Neben der frisch for­mier­ten Polit-​​Rap-​​Crew La Resis­tance haben sie ein Zusam­men­tref­fen mit der den Holo­caust über­le­ben­den Musi­ke­rin Esther Beja­rano und ihrer Fami­lie auf CD arran­giert: „Per la vita“ (Aldente Recordz).

Die gefühlt Ein­mil­li­onste Fas­sung der Partisanen-​​Hymne „Bella Ciao“ scheint ver­schmerz­bar, doch sel­ten war sie zeit­ge­schicht­lich so bedeu­tend: Denn auch dafür ging Esther Beja­rano, eine der letz­ten Über­le­ben­den des Mäd­chen­or­ches­ters von Ausch­witz, die mit ihren Kin­dern Edna und Joram seit Jah­ren unter dem Namen Coin­ci­dence Musik macht, 84-​​jährig (!) unter die HipHoper.

Und wenn ihre gesetzte, tra­di­tio­nelle Folk­lore, mit der sie viel­fach ihr Selbst­ver­ständ­nis als Jüdin aus­drückt, auf den Rap der drei in einem Köl­ner Arbei­ter­vier­tel auf­ge­wach­se­nen Microphone-​​Mafia-​​Mitglieder trifft, mischt sich Ori­ent mit Okzi­dent, Jid­disch und Hebrä­isch mit Tür­kisch, Nea­po­li­ta­nisch und Kölsch, Islam mit Chris­ten­tum, Tra­di­tion mit Moderne.

Wenn­gleich fast ebenso bekannt wie die „Schöne“, aber weit weni­ger oft adap­tiert, avan­ciert das mehr unter „Ban­diera rossa“ geläu­fige Arbei­ter­lied „Avanti Popolo“ mit Schlag­gi­tar­ren­un­ter­ma­lung und (wie schon beim rich­tungs­wei­sen­den Opener „Schir La Scha­lom“) Piano zum abso­lu­ten Gän­se­h­aut­track des Albums. Beim mit einem von Esther Beja­rano ver­le­se­nen Brief ein­ge­lei­tete und vom Mann­hei­mer Chaoze One gefea­turte „Desa­teur“ mit sei­nen vor­an­trei­ben­den Sythist­rei­chern kom­men die mul­ti­lin­gua­len Reime der MCs Rosa­rio „Signore Rossi“ Pen­nino und Kutlu „Asya“ Yurtse­ven beson­ders intensiv.

Wie viel­fäl­tig der Sound auf „Per la vita“ sein kann, zeigt viel­leicht am bes­ten „Viva La Verita“, das zwi­schen fast schon pop­pi­gem Refrain, Zupf­in­stru­men­ein­la­gen, mehr­stim­mi­gen Frau­en­chor­parts und einem ein­schnei­den­den Kon­tra­bass schwelgt. Die Beats hal­ten sich bei allen elf Stü­cken dezent zurück, wäh­rend die viel­fach sehr ein­gän­gi­gen Stro­phen meist im Refrain durch folk­lo­ris­ti­sche Parts gebro­chen sind, sich aber trotz­dem durch­weg als aus­ge­wo­gene Ein­heit präsentieren.

Ganz im Hier und Jetzt ver­wur­zelt ist dage­gen das zweite Pro­jekt der Mic Mafia. Es ist nicht alles Aggro-​​Gangsta in HipHop-​​Deutschland, das Conscious-​​Rap-​​Gegengewicht legt jetzt ordent­lich nach: Anar­chist Aca­demy ist wie­der im Haus! Zwar ohne Han­nes Loh, aber nicht alleine: Das Wort haben La Resis­tance. Zusam­men mit Signore Rossi, Asya und DJ Ra, Chaoze One, Cal­lya sowie der Female-​​Fraktion um Lotta C und Shana Supreme samt Latimo von Med­i­tias bil­den Deadly T und Bütti die neue Polit-​​Rap-​​Crew.

„Wir machen das“, eine durch und durch fröh­li­che „Auf geht’s!“-Nummer, atmet wie das gesamte Album viel vom sub­ver­si­ven Geist der Erste-​​Stunde-​​Rapper aus dem Sau­er­land. Auch Chaoze One hin­ter­lässt deut­li­che Spu­ren in den Tracks; da sind gepitch­ten Voices wie in „I Who Have Not­hing“ nur ein gern genom­me­nes Stil­mit­tel und allein das von ihm und Lotta C auf­mun­ternd into­nierte „Wofür es sich lohnt“ Grund genug, sich die­ses Album zuzulegen!

Etwas aus der Reihe mit sei­nen domi­nie­ren­den Strei­chern tanzt der Titeltrack, der sich ebenso auf der Bejarano-​​Scheibe gut gemacht hätte. In den übri­gen 13 Stü­cken neh­men die frisch for­mier­ten Wider­ständ­ler Nazis („Kein Platz in der Stadt“), Über­wa­chungs­staat („Mensch aus Glas“), falsch Ver­stande Begriff­lich­kei­ten („Hei­mat“), kranke Gesell­schaft („Ali­en­be­such“) und Hire-​​und-​​Fire-​​Turbokapitalismus („Nur eine Num­mer“) ins Visier und las­sen zum Finale pas­sen­der­weise das musi­ca­l­ar­tige Med­ley „La Resis­tance“ vom „South Park“-Movie skan­die­ren. Auch wenn Kanada aus­nahms­weise mal nichts für kann.