Farin Urlaub (Foto: Andreas Arndt/www.andifried.com)Karls­ruhe — Die Rock­schiene fuhr am Auf­takt­tag mit Blick aufs Haupt­büh­nen­pro­gramm nur Schmal­spur; aber im Grunde ist doch nach­ran­gig, wer beim „Fest“ den Ton angibt. Am Sams­tag gab’s den Aus­gleich: mit Schand­maul, der hal­ben Ärzte-​​Belegschaft in Per­son von Farin Urlaub sowie dem Geburts­tags­gig der Rockshop-​​Mitarbeiterband Pop Shock und den ver­meint­lich bes­ten Hügel-​​Hits aus 25 Jahren.

Die aus dem Münch­ner Umland stam­men­den Schand­mäu­ler ken­nen Karls­ruhe bis­lang vor­nehm­lich von unten; näm­lich vom Sub­s­tage aus. Jetzt geht’s gleich nach ganz oben: „Fest“-Hauptbühne vor dem Mount Klotz. Ihr ver­spiel­ter Folk mit mit­tel­al­ter­li­chem Instru­men­ta­rium um Schal­mei, Dreh­leier und Dudel­sack zu ker­ni­gem Rock, ange­rei­chert mit mär­chen­haf­ten Geschich­ten, die Gegen­wart und Mythos ver­wi­schen, las­sen bereits um 19 Uhr die „Wal­pur­gis­nacht“ in der Günther-​​Klotz-​​Anlage anbrechen.

„Das Leben kann so schön sein, wenn das Wet­ter danach ist“ — Farin Urlaub und sein zwölf­köp­fi­ges, viel­fach weib­li­ches Rac­ing Team (kurz Furt) inklu­sive Bläser-​​Register ver­to­nen im Anschluss wohl nicht nur die Gedan­ken von „Fest“-Organisator Rolf Fluh­rer. Frau­en­rock­bands genie­ßen ja allein ob ihrer Sel­ten­heit per se einen hohen Schau­wert; und der Blick mag sich nicht so recht ent­schei­den kön­nen zwi­schen Schlag­zeu­ge­rin Rachel, Rhyth­mus­gi­tar­ris­tin Nes­sie, Bas­se­rin Cin­dia und dem was­ser­stoff­blon­den Honig­ku­chen­pferd mit den nach hin­ten gegel­ten Haaren.

Mit wei­te­rer Unter­stüt­zung der drei mäh­ne­schüt­teln­den Background-​​Sängerinnen im schwarz-​​roten Flamenco-​​Kleid und einer sat­ten Busters-​​Bläser-​​Fraktion ver­kün­den Furt aller­lei „Wahr­hei­ten übers Lügen“ vom aktu­el­len Album; die lau­nige, bis zum ben­ga­li­schen Hügel-​​Feuer aus­ar­tende Stim­mung befeu­ert Urlaub mit Hüpf-​​La-​​Ola und Mitsing-​​Aktionen; doch dank „Zehn“ soll der ulti­ma­tive Abschuss in Sachen Publi­kums­be­tei­li­gung erst noch kom­men: „…und dann will ich euch sprin­gen sehen!“

Jubi­lä­ums­pro­gramm mit Startschwierigkeiten

Für einige war der Abend vor der Haupt­bühne damit bereits gelau­fen, ohne dem ver­ord­ne­ten Höhe­punkt eine Bewäh­rungs­chance zu geben. Wer von außer­halb zum „Fest“ ange­reist ist, kann den Pro­gramm­punkt Pop Shock sicher nicht auf Anhieb ver­or­ten und die Erklä­rung vor Pro­gramm­start scha­det auch manch Ein­hei­mi­schem nicht: Der Rock Shop, Karls­ru­hes Musik-​​Haus– und Hof­aus­stat­ter, ist nicht nur des­halb eng mit dem Umsonst-​​und-​​draußen-​​Festival ver­bun­den, weil die Firma aus Neu­reut nach wie vor für Ton und Licht sorgt; die Bande rei­chen bis zur Grün­dung in Per­son von Die­ter Moser vom Stadt­ju­gend­aus­schuss und den Rock-​​Shop-​​Chefs Rudi Metz­ler und Gerd Gruss zurück. Zur 25. „Fest“-Ausgabe hat die 15-​​köpfige Rock-​​Shop-​​Mitarbeiterband Pop Shock daher ein Jubi­lä­ums­pro­gramm zusam­men­ge­stellt und „Hits von vie­len, vie­len Bands, die in den ver­gan­ge­nen 25 Jah­ren den Hügel zum Beben gebracht haben“ angekündigt.

Doch Pop Shock mühen sich trotz einer mehr als anstän­di­gen Vor­stel­lung lange ver­geb­lich um das, was den Original-​​Künstlern teils spie­lend gelun­gen ist: Schon der Auf­takt mit Neneh Cher­rys „Seven Seconds“ gerät zu fad, auch „I Can See Cle­arly Now“ in Ver­tre­tung von Jimmy Cliff und Chaka Khans „Ain’t Nobody“ kön­nen das Eis zwi­schen Bühne nicht antauen: Die Skep­sis der zahl­reich Aus­har­ren­den weicht einem Gefühl der Bestä­ti­gung — der Hügel hat Platz genom­men und beschränkt sich aufs Lau­schen. Selbst bei Sun­rise Ave­nues „Fai­ry­tale Gone Bad“, „Weg“ von den Fan­tas­ti­schen Vier und dem Guano-​​Apes-​​Kracher „Open Your Eyes“ geht nicht viel. Und die peinlich-​​provinziellen Ansa­gen Marke „Mir sinn aus Kalls­ruh“ sor­gen im Publi­kum mehr für Spott denn Nähe. Dann erklin­gen Faithless.

Das vom wei­ßen Maxi Jazz Patrick Lemm ober­kör­per­frei inter­pre­tierte „Insom­nia“ reißt die Menge unver­hofft doch noch aus dem Wach­schlaf — Gän­se­h­aut­fee­ling! „Ver­dammt lang her“ von Bap und selbst Purs „Lena“ (!) zei­gen in Folge, dass es mit der rich­ti­gen Songaus­wahl wirk­lich nicht viel gebraucht hätte, um das Publi­kum stim­mungs­mä­ßig abzu­ho­len. Bei den auf der Video­wall ein­ge­blen­de­ten „Fest“-Plakaten zum Jahr des jewei­li­gen Künst­ler­be­suchs wer­den Erin­ne­run­gen wach an die „Ver­klär­ten Nächte“ zwi­schen 2002 und 2004 mit The Spi­rit Of The Greedy Bunch; dem Geist der auf­ge­lös­ten und mitt­ler­weile wie­der­ver­ei­nig­ten Karls­ru­her Kult­truppe um Andreas Leh­nert, Tommy Baldu und Umbo, die mit unge­wöhn­li­chen Cover­ver­sio­nen bekannt gewor­den ihren Sän­ger Laith Al-​​Deen noch eine zeit­lang als Live­band auf dem Weg zur Solo­kar­riere beglei­te­ten und dem „Fest“ mit ihren sonn­täg­li­chen Über­ra­schungs­auf­trit­ten von Künst­lern wie Xavier Nai­doo, Rea­monn, Wolf­gang Nie­de­cken, Sasha und Marta Jan­dova von Die Happy ful­mi­nante Abgänge bescher­ten, die auch einem 25. Jubi­läum wür­dig gewe­sen wären. Und egal bleibt 88.