Irie RévoltésKarls­ruhe — Ein star­ker Auf­tritt auf der Zelt­bühne ist tra­di­tio­nell eine Bewäh­rungs­probe. Und so war es nur fol­ge­rich­tig, den Irie Révol­tés beim 25. „Fest“ mehr Bewe­gungs­frei­heit ein­zu­räu­men. Die durf­ten Cul­cha Can­dela bereits 2006 genie­ßen und haben sich beim zwei­ten Update mit Upgrade zum Head­li­ner des Abends vorgearbeitet.

Nach den Bret­ten­ern Three D One P, die mit druck­vol­lem Rock­sound auf mehr­stim­mi­gem Gesang Haupt­bühne und das lang­sam die Günther-​​Klotz-​​Anlage strö­mende Publi­kum aus der Nach­mit­tags­le­thar­gie rei­ßen, dür­fen die „New Bands Festival“-Sieger von 2008 ihren Gewinn ein­strei­chen: eine Drei­vier­tel Stunde Ruhm beim Gig auf der „Fest“-Hauptbühne. Und Perry O’Parson, benannt nach dem ein­ge­knas­te­ten Prot­ago­nis­ten aus Tru­man Capo­tes „In Cold Blood“, pas­sen mit ihrem Neo-​​Folk aus tiefs­ter Brust und Seele prima zum spät­nach­mit­täg­li­chen Som­mer­wet­ter; Cris Cosmo, dem man das Ex-​​NTS lang­sam erspa­ren möchte, mit sei­ner weit gereis­ten Latino-​​Pop-​​Gitarre passt zu solch einem Wet­ter­chen wie der Stroh­halm in den Caipi.

„Haut les bras, les rebel­les sont là!“, wir­beln dann um halb acht die neun Köpfe der Irie Révol­tés im schnel­len Ska­schritt auf die Haupt­bühne, die ihnen im Gegen­satz zum Zelt­gig im ver­gan­ge­nen Jahr end­lich einen ange­mes­se­nen Radius gewährt. Ein paar Takte ihrer pum­pen­den Ragga-​​Nummer muss fürs Erste rei­chen; bei „Voyage“ und „Sol­eil“ wer­den sanf­tere Som­mer­klänge ange­stimmt bevor die Hei­del­ber­ger Band um die Brü­der Mal Élevé und Car­lito wie­der rich­tig auf­dreht und einen Vor­ge­schmack auf das nun für Anfang 2010 ange­kün­digte neue Album gibt, in dem dann mehr als bis­lang üblich auch in Deutsch gesun­gen wird. Und der etwas roug­here Ton wie beim im Schnellak­kord vor­ge­tra­ge­nen „Tra­vail­ler“ oder auch „Zeit ist Geld“ bewegt auch den in ange­neh­mer Schwin­gung schwel­gen­den Hügel. Es gibt nur wenige Bands, die sich auf der Bühne so aus­to­ben wie die Wahl-​​Berliner wäh­rend ihrer vom mar­kant nasa­len Gesang Mal Éle­vés getrie­be­nen Auftritt.

Iries räu­men wegen Hausbesetzer-​​Transparent das „Fest“-Gelände

Ver­stan­den wird die Mes­sage von den bis zu 80.000 „Fest“-Gängern auch in Fran­zö­sisch (abge­se­hen davon, dass sie so auch weit bes­ser klingt): „Resis­ten­cia“ ist bei den Iries mehr als ein in getra­ge­nen, feins­ten Concious-​​Ragga ver­pack­ter Song. Doch soll ihr auf­ge­roll­tes Trans­pa­rent pro Initia­tive Bon Lieu Vivant, die zum glei­chen Zeit­punkt ein seit drei Jah­ren leer­ste­hen­des Gebäude in der unweit der Klotze befind­li­chen Pfann­kuch­straße 15 in Beschlag nimmt, um in Ex-​​Steffi-​​losen Zei­ten ein selbst­ver­wal­te­tes Kul­tur­zen­trum zu errich­ten, die Ord­nungs­hü­ter auf den Plan geru­fen haben — und Grund dafür sein, wes­halb der ange­dachte Über­ra­schungs­auf­tritt bei der prop­pe­vol­len „More Fire! After Fest Party“ von den Reg­gae– und Dancehall-​​Spezialisten Zapata Soundz in der Rock & Roll­bar nicht zustande kam. Ganz so dra­ma­tisch war’s dann wohl doch nicht: Festival-​​Organisator Rolf Fluh­rer fürch­tet um einen even­tu­el­len Straf­tat­be­stand und teilt dies der Band nach eige­ner Angabe mit, die dar­auf­hin den Back­stage­be­reich ver­lässt. Die Poli­zei hat das Gebäude in der Pfann­kuch­straße mitt­ler­weile geräumt.

Etwas arg­lo­ser (und mit „Africa Child­ren“ den­noch den Anspruch wah­rend) gehen die zwei­ten Hand­tuch­schwin­ger des Abends zu Werke: Cul­cha Can­dela, die sich nach ihrer „Fest“-Premiere 2006 zum Top-​​Act gemau­sert haben. Ihrem „T-​​Shirts ausziehen“-Aufruf wird vom Publi­kum prompt Folge geleis­tet: Ein wäsche­we­deln­der Hügel heißt die sie­ben Ber­li­ner Rück­keh­rer will­kom­men, deren Mischung aus Reg­gae, Dance­hall, Salsa, Hip­Hop und Ragga auf Deutsch, Eng­lisch, Spa­nisch und Patois unter­legt mit fet­ten Beats, bass­las­ti­gen Party-​​Rhymes beim zwei­ten „Fest“-Gastspiel bes­ser sitzt wie Vat­terns Maß­an­zug. Wo eben noch unko­or­di­niert umein­an­der­ge­sprun­gen wurde, instal­lie­ren die Men In Black ein peni­belst durch­cho­reo­gra­phier­tes Showprogramm.

Posen, Pogo, Mitmach-​​Action

Noch ein biss­chen von der Bühne koor­di­nierte Mitmach-​​Action „to the left und to the right“ — und die Karls­ru­her dür­fen sich über den nach Culcha-​​Befinden „kras­ses­ten Berg Deutsch­lands“ freuen. Mit „Monsta“ machen Lar­sito, Itchy­ban, Mr. Ree­doo, Don Cali, Lafro­tino, Johnny Strange und DJ Chino bis zum Freitags-​​Zapfenstreich Laune und Lust aufs Ende August erschei­nende Album „Schöne neue Welt“, wäh­rend „One Desti­na­tion“, „Next Gene­ra­tion“ und natür­lich „Hamma“ nichts an Strahl­kraft ein­ge­büßt haben. Bei der Neu­kom­po­si­tion „Gimme Some“ ver­ei­nen sich schließ­lich selbst Posen und Pogo zu einem der­art unwi­der­steh­li­chen Mix, der voll­kom­men ver­ges­sen lässt, dass nur noch auf der Bühne „Somma im Kiez“ ist und sich das mitt­ler­weile wie­der am Kör­per befind­li­che T-​​Shirt dank der teils hef­ti­gen Regen­schauer längst mit dem Maß­an­zug mes­sen kann.