5. August 2009
„Blauäugige Beamte“
Bruchsal — Der baden-württembergische Rechnungshof nimmt sich in seiner neuen „Denkschrift“ auch die drei Landesbühnen vor. Ausgehend vom Zahlenmaterial der Jahre 2002 bis 2007 rüffeln die Finanzkontrolleure die Württembergische Landesbühne Esslingen (WLB), das Landestheater Tübingen (LTT) und die Badische Landesbühne Bruchsal (BLB). Mit deren Verwaltungsleiter Norbert Kritzer sprach Patrick Wurster.
???: „Die Denkschrift ist dilettantisch und theaterfern“, sagt der WLB-Vorsitzende und Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger. Auch das Wissenschaftsministerium übt Kritik. Wie sehen Sie die Ergebnisse?
Norbert Kritzer: Da werden zwei Bühnen zum Vergleich herangezogen, die doppelt so groß und ganz anders organisiert sind, sich in Struktur und Aufgabenstellung unterscheiden. Wir haben einen eingetragenen Verein mit 16 Mitgliedsgemeinden, die man bedienen muss; das bringt uns bis zu 250 Gastspiele pro Spielzeit und von daher sind wir automatisch viel mehr unterwegs als die Kollegen aus Esslingen und Tübingen. Hätten wir eine eigene Spielstätte in Bruchsal, müssten auch wir einen Spagat machen und zusehen, das Haus auszulasten.
???: Die Eigenfinanzierungsquote der BLB liegt bei 14,5 Prozent, 20 sollen es werden. Ist das realistisch?
Kritzer: Absolut weltfremd. Wir müssen ohne eigenes Haus Miete bezahlen. Selbst WLB und LTT erreichen nur 19 Prozent und holen sich dieses Geld unter anderem zuhause. Folgen sie aber nun dem Rechnungshof und machen mehr Gastspiele, sind es vielleicht nur noch 15 Prozent Eigenfinanzierungsquote. Und dann bekommen sie dort wieder eine auf den Deckel. Das ist doch der Widerspruch in sich!
???: Sind die geforderten höheren Eintrittspreise durchsetzbar?
Kritzer: Blauäugige Beamte! Wir sind mit 15 Euro für die Spitzenkarte absolut am Puls der Zeit; auch im Vergleich mit anderen Städten. Wir veranstalten schließlich keine Oper und kein Musical — das ist immer noch Sprechtheater.
???: Wie sieht es beim Sponsoring aus, das laut Rechnungshof professioneller werden soll?
Kritzer: Sponsoring kann man als kleine Bühne fast gar nicht bekommen. Ein Unternehmen wie die SEW gibt uns nicht einmal einen Cent, das haben wir alles schon versucht. Natürlich unterstützen uns Firmen, wenn wir beispielsweise den „Theatersommer“ veranstalten. So kommen dann übers Jahr gut und gern 20.000 Euro zusammen, aber mehr eben nicht.
???: Auch eine vermehrte „Nachfrageorientierung des Spielplans“ wurde gefordert. Anmaßend für ein Amt?
Kritzer: Das ist die eigentliche Unverschämtheit dieser „Denkschrift“. Der Rechnungshof hat die Aufgabe, zu überprüfen, ob Gelder wirtschaftlich verwaltet werden. Mehr nicht. Wir haben auch in Baden-Württemberg immer noch eine verbürgte Kunstfreiheit, in die sich ein Rechnungshof nicht einzumischen hat.
???: Aber letztendlich profitieren Sie doch als einzige der drei Landesbühnen vom Rüffel — Ihr Zuschuss würde sich nach neuer Rechnung jährlich um 195.000 Euro erhöhen…
Kritzer: Das liegt daran, dass der Rechnungshof vorschlägt, die beiden Arbeitsbereiche der Landesbühnen, also Wanderbühne und Kommunaltheater, rechnerisch zu trennen und unterschiedlich zu bezuschussen. Wir haben zwar derzeit eine Gastspielquote von 66 Prozent, sind aber nach dem neuen Modell über das Maß abhängig von der Nachfrage und damit von der wirtschaftlichen Lage. Machen wir statt 415 nur 405 Vorstellungen — und das ist nicht viel — habe ich 90.000 Euro weniger Zuschuss. Das ist die Falle. Aber viel eklatanter ist: Wenn die Empfehlung des Rechnungshofs umgesetzt wird, ist das der Tod unserer Schwesterbühnen.
