Norbert KritzerBruch­sal — Der baden-​​württembergische Rech­nungs­hof nimmt sich in sei­ner neuen „Denk­schrift“ auch die drei Lan­des­büh­nen vor. Aus­ge­hend vom Zah­len­ma­te­rial der Jahre 2002 bis 2007 rüf­feln die Finanz­kon­trol­leure die Würt­tem­ber­gi­sche Lan­des­bühne Ess­lin­gen (WLB), das Lan­des­thea­ter Tübin­gen (LTT) und die Badi­sche Lan­des­bühne Bruch­sal (BLB). Mit deren Ver­wal­tungs­lei­ter Nor­bert Krit­zer sprach Patrick Wurster.

???:Die Denk­schrift ist dilet­tan­tisch und thea­ter­fern“, sagt der WLB-​​Vorsitzende und Ess­lin­ger Ober­bür­ger­meis­ter Jür­gen Zie­ger. Auch das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rium übt Kri­tik. Wie sehen Sie die Ergeb­nisse?
Nor­bert Krit­zer: Da wer­den zwei Büh­nen zum Ver­gleich her­an­ge­zo­gen, die dop­pelt so groß und ganz anders orga­ni­siert sind, sich in Struk­tur und Auf­ga­ben­stel­lung unter­schei­den. Wir haben einen ein­ge­tra­ge­nen Ver­ein mit 16 Mit­glieds­ge­mein­den, die man bedie­nen muss; das bringt uns bis zu 250 Gast­spiele pro Spiel­zeit und von daher sind wir auto­ma­tisch viel mehr unter­wegs als die Kol­le­gen aus Ess­lin­gen und Tübin­gen. Hät­ten wir eine eigene Spiel­stätte in Bruch­sal, müss­ten auch wir einen Spa­gat machen und zuse­hen, das Haus auszulasten.

???: Die Eigen­fi­nan­zie­rungs­quote der BLB liegt bei 14,5 Pro­zent, 20 sol­len es wer­den. Ist das rea­lis­tisch?
Krit­zer: Abso­lut welt­fremd. Wir müs­sen ohne eige­nes Haus Miete bezah­len. Selbst WLB und LTT errei­chen nur 19 Pro­zent und holen sich die­ses Geld unter ande­rem zuhause. Fol­gen sie aber nun dem Rech­nungs­hof und machen mehr Gast­spiele, sind es viel­leicht nur noch 15 Pro­zent Eigen­fi­nan­zie­rungs­quote. Und dann bekom­men sie dort wie­der eine auf den Deckel. Das ist doch der Wider­spruch in sich!

???: Sind die gefor­der­ten höhe­ren Ein­tritts­preise durch­setz­bar?
Krit­zer: Blau­äu­gige Beamte! Wir sind mit 15 Euro für die Spit­zen­karte abso­lut am Puls der Zeit; auch im Ver­gleich mit ande­ren Städ­ten. Wir ver­an­stal­ten schließ­lich keine Oper und kein Musi­cal — das ist immer noch Sprechtheater.

???: Wie sieht es beim Spon­so­ring aus, das laut Rech­nungs­hof pro­fes­sio­nel­ler wer­den soll?
Krit­zer: Spon­so­ring kann man als kleine Bühne fast gar nicht bekom­men. Ein Unter­neh­men wie die SEW gibt uns nicht ein­mal einen Cent, das haben wir alles schon ver­sucht. Natür­lich unter­stüt­zen uns Fir­men, wenn wir bei­spiels­weise den „Thea­ter­som­mer“ ver­an­stal­ten. So kom­men dann übers Jahr gut und gern 20.000 Euro zusam­men, aber mehr eben nicht.

???: Auch eine ver­mehrte „Nach­fra­ge­ori­en­tie­rung des Spiel­plans“ wurde gefor­dert. Anma­ßend für ein Amt?
Krit­zer: Das ist die eigent­li­che Unver­schämt­heit die­ser „Denk­schrift“. Der Rech­nungs­hof hat die Auf­gabe, zu über­prü­fen, ob Gel­der wirt­schaft­lich ver­wal­tet wer­den. Mehr nicht. Wir haben auch in Baden-​​Württemberg immer noch eine ver­bürgte Kunst­frei­heit, in die sich ein Rech­nungs­hof nicht ein­zu­mi­schen hat.

???: Aber letzt­end­lich pro­fi­tie­ren Sie doch als ein­zige der drei Lan­des­büh­nen vom Rüf­fel — Ihr Zuschuss würde sich nach neuer Rech­nung jähr­lich um 195.000 Euro erhö­hen…
Krit­zer: Das liegt daran, dass der Rech­nungs­hof vor­schlägt, die bei­den Arbeits­be­rei­che der Lan­des­büh­nen, also Wan­der­bühne und Kom­mu­nal­thea­ter, rech­ne­risch zu tren­nen und unter­schied­lich zu bezu­schus­sen. Wir haben zwar der­zeit eine Gast­spiel­quote von 66 Pro­zent, sind aber nach dem neuen Modell über das Maß abhän­gig von der Nach­frage und damit von der wirt­schaft­li­chen Lage. Machen wir statt 415 nur 405 Vor­stel­lun­gen — und das ist nicht viel — habe ich 90.000 Euro weni­ger Zuschuss. Das ist die Falle. Aber viel ekla­tan­ter ist: Wenn die Emp­feh­lung des Rech­nungs­hofs umge­setzt wird, ist das der Tod unse­rer Schwesterbühnen.