5. August 2009
Die Musikfabrik der Zanki-Brüder
Karlsdorf-Neuthard – Warum ausgerechnet das beschauliche Karlsdorf zu einem Mekka der Tonstudios geworden ist, das wissen die Zanki-Brüder auch nicht. Gleich sechs Stück werkeln mittlerweile in der 10.000-Seelen-Gemeinde mit dem günstig gelegenen Autobahnanschluss – und sie, die einst aus dem kroatischen Zadar ins Bruchsaler Umland übergesiedelt sind, waren die ersten.
Nur zwei Jahre nachdem es die beiden Musiker, Songwriter und Produzenten Edo und Vilko Mitte der 70er in einer ehemaligen Zigarrenfabrik wieder anständig qualmen lassen, haben allein in der Bahnhofstraße vier Tonstudios aufgemacht. Das der Zankis – Kangaroo Digital Audio – dürfte dennoch das bekannteste sein. Als in den 90ern deutscher Rap, Soul und R‘n'B ein wichtiger Teil der deutschen Popmusik werden, ist Edo mittendrin im Schmelztiegel. Und so hat im Lauf der Jahre schon mancher große Name in Karlsdorf die Stimme erhoben: Xavier Naidoo, die Söhne Mannheims, Ulla Meinecke oder Herbert Grönemeyer ließen hier Alben produzieren; Anfang September 2008 kam Sasha, um von den Zankis und Hausingenieur Thomas Mark sein Album „Good News On A Bad Day“ aufnehmen und abmischen zu lassen.
„Pop-, Rock-, und Soul-Schallplatten werden bei uns ebenso eingespielt wie Weltmusik- und Jazzalben“, erzählt Edo Zanki. „Wie viele Leute bei uns arbeiten, hängt dann immer vom jeweiligen Projekt ab – das geht bei uns vieren los und kann bis zu 20 Personen gehen.“ Zum Team um seinen Bruder und den Toningenieur zählt nämlich noch Melanie Greulich, die an der Mannheimer Popakademie im sechsten Semester Musikbusiness studiert und ansonsten in Karlsdorf die Musikfabrik managt.
„Für solch ein Pult kaufen sich andere ein schönes Einfamilienhaus“
Die befindet sich seit 1982 in einem ehemaligen Kino in der Bahnhofstraße 6. „Wir sind hier mitten im Wohngebiet und mussten zur Schallisolierung ein Haus im Haus bauen“, blickt Vilko Zanki zurück. Zwei Regieräume mit analogem und digitalem Mischpult umgeben jetzt den etwa 110 Quadratmeter großen und bis zu sechs Meter hohen Aufnahmeraum. „Für solch ein Pult kaufen sich andere ein schönes Einfamilienhaus“, verdeutlicht Edo Zanki die Dimensionen und will gleichzeitig „Schwellenangst abbauen“.
Denn das Equipment soll in seinem Geschäftsmodell auch für kleinere Bandgeldbeutel finanzierbar sein: „Wir sind nicht die Gutmenschen aus Karlsdorf, aber die späteren Sashas müssen schließlich auch ihre Gelegenheiten bekommen“, bekräftigt Edo. „Behilflich sein“, wie es Bruder Vilko ausdrückt. Und er sagt es so, dass man zu keinem Moment an der Ehrlichkeit dieser Aussage zweifeln kann und ein Gefühl davon bekommt, warum die beiden unter Kollegen ein so hohes Ansehen als Menschen wie Musiker genießen.
Der Künstleraufbau ist ebenso ein wichtiger Teil des Zanki-Alltags. Dafür und die anschließende Veröffentlichung ist das hausinterne Label Brother Records zuständig. Von der langjährigen Erfahrung in dem freien Team aus Toningenieuren, Produzenten, Musikern und Songwritern profitiert derzeit zum Beispiel Natalie Anelly. Die 21-jährige Sängerin versteht ihr Mundwerk, auch das ist dem fast fertiggestellten Debüt anzuhören. Für ihre bei Kangaroo Digital Audio produzierten poppigen R‘n'B-Songs suchen die Zanki-Brüder derzeit noch den passenden Vertrieb.
Die massive Konkurrenz im Dorf sehen die Brüder völlig entspannt
Außerdem im Studio integriert ist der Stablo Musikverlag, der sich als Gema-Mitglied um die Komponisten, Texter und deren Autorenrechte kümmert. „Man kann bei uns ebenso gut nur einen Aufnahmeraum buchen oder das Komplettpaket“, umreißt Edo Zanki sein Angebotspektrum, das die „schwärzeste Stimme Deutschlands“ für seine Soul-Alben wie das bald erscheinende „Die Bewegungen sind lächerlich, aber das Gefühl ist maximal!“ natürlich auch selbst in Anspruch nimmt.
Wer ob der drei Geschäftsbereiche in den Beuteltiernamen des Studios zu viel hineininterpretiert, liegt übrigens falsch. „Das mit dem Känguru kommt von einem damals gar nicht ernst gemeinten Vorschlag unseres Freundes und Fotografen Jim Rakete“, lacht Vilko Zanki. Und auch auf die massive Konkurrenz im Dorf angesprochen bleiben die beiden Brüder völlig entspannt. Man pflege ein kollegiales Verhältnis, versichert Edo. „Hier hat jeder seinen Platz. Der eine macht eben Passbilder, der nächste Hochzeitsaufnahmen – und wir stehen in diesem Bild für die hochwertige erotische Fotografie.“
