12. August 2009

Milk

Ein schwuler Außenminister ist in Deutschland längst nichts Besonderes mehr. Guido Westerwelle und Klaus Wowereit müssen aus ihren Vorlieben keinen Hehl machen und das ist auch gut so. Die Amis sind da mal wieder nicht ganz so liberal; erst recht nicht zu jenen Zeiten, an die Gus Van Sant mit seinem biografischen Politdrama erinnert.

Als Harvey Milk (Sean Penn) an der Seite seines Lovers Scott Smith (James Franco) 1972 im Arbeiterviertel Castro einen kleinen Fotoladen eröffnet, sieht sich die Gay-Community immer heftigeren homophoben Anfeindungen ausgesetzt. Mit über 40 Jahren beschließt er, in die Politik zu gehen, um das System von innen heraus zu verändern.

Während mehrerer Kandidaturen für den Stadtrat von San Francisco gewinnt Milk immer mehr Anhänger, aber noch keine Wahl. An der Seite seines neuen Partners Jack Lira (Diego Luna) und Berater Cleve Jones (Emile Hirsch) aber gelingt ihm ‚77 der Parlamentseinzug und damit wird er USA-weit der erste bekennende Schwule in einer tragenden politischen Funktion. Sensation und Skandal zugleich; galt gleichgeschlechtliche Liebe doch noch als widernatürlich und krank. Einer seiner zahlreichen Gegner, Stadtrats-Kollege Dan White (Josh Brolin), entpuppt sich nach 128 Minuten als Todfeind.

Van Sant macht aus den letzten acht Jahren im Leben des Harvey Milk ein auch lustvolles, immerzu für Toleranz plädierendes Zeitpanorama, das einem Charaktermimen wie Sean Penn alle Entfaltungsmöglichkeiten gibt. Und die nutzt er: Für seine Verkörperung des ebenso temperamentvoll wie sanftmütigen Bürgerrechtlers gab’s den verdienten „Oscar“ als „Bester Hauptdarsteller“. Auch das Drehbuch wurde von der Academy vergoldet; da ist der Kniff, den kurz vor seinem Tod anno ‚78 zum Diktiergerät greifenden Milk nicht nur als Quelle, sondern auch narrativen Rahmen zu gebrauchen, nur eine von vielen Begründungen.

Trotzdem hat sich „Milk“ (Constantin Film) etwas unter Wert geschlagen – bedenkt man, dass das mitunter dokumentarisch anmutende Biopic obendrein in den Königskategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“ angetreten war, mit Josh Brolin einen der „Nebendarsteller“-Kandidaten aufbot und Danny Elfmans „Filmmusik“ ebenso im erlauchten Kreis kursierte wie Kostüme und Schnitt. Wie viel tagespolitische Brisanz dieser Rückblick birgt, zeigt allein der Fakt, dass ausgerechnet Milks Bundesstaat Kalifornien seit November 2008 unter Ehe nurmehr die Verbindung zwischen Mann und Frau festschreibt. Go For Gay! Yes We Can?