Bretten - Die MelanchthonstadtWenn in Bret­ten der Jäger hin­term Wolff her ist, dann geht’s um nicht weni­ger als den Titel des Ober­bür­ger­meis­ters. Zum 1. Februar hat Paul Metz­ger nach 24 Amts­jah­ren aus Alters­grün­den abdan­ken müs­sen und wer einen Blick in den Bil­der­bo­gen „Bret­ten — Die Melan­chthon­stadt“ (Info Ver­lag) wirft, kann ver­ste­hen, warum der Paule die Große Kreis­stadt und ihre neun Orts­teile so aus­gie­big regiert hat.

Über 28.000 Ein­woh­ner sehen es offen­bar ähn­lich. Der 216-​​seitige Band von Foto­graf Tho­mas Rebel lädt zu einer Ent­de­ckungs­reise durch Bret­ten und sei­ner Stadt­teile Bau­er­bach, Diedels­heim, Göls­hau­sen, Neibs­heim, Spran­tal, Büchig, Dür­ren­bü­chig, Rin­klin­gen und Ruit, wo geo­lo­gisch gese­hen bereits der Schwarz­wald beginnt.

Ein drei­spra­chi­ger Begleit­text reißt in Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch die His­to­rie des Kraich­gau­städt­chens an, das als eine der ältes­ten Sied­lun­gen der Region erst­mals im Jahr 767 als Vila Bre­te­heim im Codex des Lor­scher Klos­ters erwähnt wurde, seine Blü­te­zeit im 14. und 15. Jahr­hun­dert erlebte und von 1803 an dem Groß­her­zog­tum Baden angehörte.

Ein gemäs­te­ter Vier­bei­ner als Stadtretter

Rebel, der bereits Foto­se­rien über das „Peter-​​und-​​Paul-​​Fest“ und den „Tross 1504″ vor­ge­legt hat, prä­sen­tiert die Melan­chthon­stadt mit 400 Auf­nah­men im 28x24-​​Zentimeter-​​Format. Dem omni­prä­sen­ten legen­dä­ren Bret­tener Hundle — jener gemäs­tete Vier­bei­ner, der die Stadt angeb­lich bei einer Bela­ge­rung ret­tete, indem er schein­ba­ren Über­fluss demons­trierte (und damit den zweck­lo­sen Ver­such eines Aus­hun­gerns) — begeg­nen wir aller­dings nur bild­lich in Form von Hund­les­brun­nen oder fahr­ba­ren Holz­hundle auf dem von Fach­werk domi­nier­ten Marktplatz.

Aus­gie­bi­ger beschrie­ben ist da schon die Muse­ums­land­schaft: ein­zig­ar­tig das Deut­sche Schutz­en­gel­mu­seum im Schwei­zer Hof, wo auch das Stadt­mu­seum unter­ge­bracht ist, dazu kommt das in pri­va­ter Trä­ger­schaft geführte India­ner­mu­seum in Diedels­heim und das älteste Gebäude der Stadt, das Ger­ber­haus mit dem Museum für Leder­ver­ar­bei­tung, das Metz­ger und die Bret­tener Bür­ger­in­itia­tive für Hei­mat– und Denk­mal­pflege, deren Kür­zel BBHD in der Stadt all­ge­gen­wär­tig ist, Anfang der 90er sanierten.

Das größte his­to­ri­sche Hei­mat– und Volks­fest in Südwestdeutschland

Aus viel­fach unge­kann­ten Per­spek­ti­ven doku­men­tiert Rebel die in Bret­ten erhal­tene Bau­sub­stanz ver­gan­ge­ner Stadt­her­ren; erklimmt den Sim­mel­turm, bringt dort selbst die Frat­zen im obe­ren Kranz zum Vor­schein und natür­lich muss der seit 13. Juni 2009 nach his­to­ri­schen Vor­la­gen und auf Initia­tive von Metz­ger und der BBHD wie­der­be­dachte Pfei­fer­turm in den Fokus, den das Heer des Son­nen­kö­nigs Louis XIV. anno 1689 ent­haup­tet hat.

Gleich meh­rere Sei­ten sind — wie kann es anders sein — dem „Peter-​​und-​​Paul-​​Fest“ gewid­met: Am ers­ten Juli-​​Wochenende steigt das größte his­to­ri­sche Hei­mat– und Volks­fest in Süd­west­deutsch­land, wenn aus Bret­ten wie­der Alt-​​Brettheim wird und sich die ganze Stadt ins Gewand wirft, um an vier Tagen mehr als 100.000 Besu­cher zu emp­fan­gen und den Sieg aus dem Jahr 1504 über Ulrich von Würt­tem­berg nachzufeiern.

Der Band streift des wei­te­ren Strei­chel­zoo und Weih­nachts­markt, lich­tet eine „Stadt der Märkte“ und eine „Stadt der Schu­len“ ab. Luft­auf­nah­men machen die Indus­trie­ent­wick­lung sicht­bar, allen voran der Haus­halts­ge­rä­te­her­stel­ler Neff, die Soft­ware­schmiede See­bur­ger oder Bisch­off Glas­tech­nik, zu deren Refe­ren­zen die Reichs­tags­kup­pel Ber­lin oder das Sony-​​Center am Pots­da­mer Platz gehören.

Macher Metz­gers selbst auf­er­leg­tes Vermächtnis

Eine Augen­weide ist dage­gen der hie­sige Bahn­hof nun wirk­lich nicht; fest­ge­hal­ten wer­den musste er den­noch. Schließ­lich ging hier und nicht zuletzt auf Macher Metz­gers Bestre­ben am 25. Sep­tem­ber 1992 mit der Stadt­bahn­li­nie S4 von Karls­ruhe nach Bretten-​​Gölshausen die erste Zwei­sys­tem­li­nie des welt­weit revo­lu­tio­nä­ren Karls­ru­her Modells in den Regel­be­trieb über. Und so wirkt die­ser Band, den der neu ernannte Bret­tener Ehren­bür­ger und Bundesverdienstkreuz-​​Träger Metz­ger beim Diedels­hei­mer Diplom-​​Designer Rebel in Auf­trag gab, wie ein selbst auf­er­leg­tes Ver­mächt­nis — sein Fazit des Geleisteten.

Am berühm­tes­ten Sohn der Stadt kommt aber auch ein Paul Metz­ger nicht vor­bei: In Bret­ten wurde schließ­lich 1497 Luthers Mit­strei­ter Phil­ipp Melan­chthon gebo­ren, des­sen Anden­ken ob sei­nes humanistisch-​​theologisches Werks unter ande­rem mit vier Denk­mä­lern und dem neo­go­ti­schen Melan­ch­ton­haus (nach der Luther­halle in der Part­ner­stadt Wit­ten­berg zweit­gößte refor­ma­ti­ons­ge­schicht­li­che Gedenk­stätte) und der unmit­tel­bar dane­ben 2009 fer­tig­ge­stell­ten Euro­päi­schen Melanchthon-​​Akademie gepflegt wird.

Und so lang­sam steigt man auch im benach­bar­ten Karls­ruhe dahin­ter, dass der anfangs unter Beschuss gera­tene neue KSC-​​Präsident viel­leicht doch kein Pro­vinz­schul­tes ist, son­dern ein Hemds­är­me­li­ger. Und umzu­krem­peln gibt’s im Wild­park man­ches. Mach et, Paule!