2. September 2009

Der letzte Aufrüster

Plattnerwerkstatt Bruch­sal — Män­ner sei­nen Schlags gibt es nicht mehr viele. Peter Mül­ler ist Platt­ner. Der Kunst der Har­nisch­her­stel­lung hat sich der gelernte Werk­zeug­ma­cher und pas­sio­nierte Rol­len­spie­ler 2000 ver­schrie­ben; vier Jahre spä­ter beschließt er nicht nur sein Maschi­nen­bau­stu­dium mit der Pro­mo­tion, son­dern oben­drein, eine pro­fes­sio­nelle Platt­ner­werk­statt zu eröffnen.

In Helms­heim fin­det der auf die Restau­rie­rung und Repro­duk­tion von Plat­ten­pan­zern spe­zia­li­sierte Schmied nahe sei­ner Wahl­hei­mat Bret­ten die pas­sende Halle. Viel Platz braucht er für sein Hand­werks­zeug nicht: „Ich benutze nur in dem Maß Maschi­nen, wie es auch zur Hoch­zeit der euro­päi­schen Har­nisch­her­stel­lung der Fall war“, erzählt Mül­ler. Fürs Grobe ersetzt ein 80 Jahre alter Luft­ham­mer den im 14. Jahr­hun­dert noch gebräuch­li­chen was­ser­be­trie­be­nen Schwanz­ham­mer; Schleif– und Polier­bö­cke ste­hen anstelle der damals in den Har­nischmüh­len ver­wen­de­ten Schleif­steine und Polier­rä­der. „Für die letzt­end­li­che Form­ge­bung arbeite ich dann aus­schließ­lich mit dem Hand­ham­mer“, sagt Mül­ler. Und der kann mit­un­ter unge­wöhn­lich geformt sein: Da hän­gen Häm­mer in allen mög­li­chen For­men. Viele der Werk­zeuge hat er selbst her­ge­stellt, manch­mal die­nen sie ihm nur für eine ein­zige Arbeit.

„Bis zu 400 Stun­den braucht es, um einen Har­nisch fertigzustellen“

Seine Auf­trag­ge­ber: Rüs­tungs­trä­ger, die sich ihren Har­nisch auf den Leib schnei­dern las­sen, Samm­ler, Living-​​History-​​Darsteller und Museen, die eine leere Vitrine mit Repli­ken zu befül­len haben. „350 bis 400 Stun­den Zeit braucht es im Durch­schnitt, um einen Har­nisch fer­tig­zu­stel­len“, schätzt Mül­ler. „15.000 Euro kom­men da schnell zusam­men.“ Meist sei es aber keine kom­plette Rüs­tung, son­dern Ein­zel­stü­cke wie Hirn­haube oder Hand­schuhe, die er für seine Kun­den anfer­tigt. „Der Groß­teil der Auf­träge kommt zwar aus der Spät­go­tik, ich habe aber auch schon römi­sche und grie­chi­sche Helme her­ge­stellt“, erzählt der Aufrüster.

Einen Kata­log gibt es in der Platt­ner­werk­statt nicht. Zur Vor­lage für seine aus bis zu drei Mil­li­me­ter dickem Ver­gü­tungs­stahl gefer­tig­ten Uni­kate nimmt Mül­ler zeit­ge­nös­si­sche Abbil­dun­gen, Zeich­nun­gen, Foto­gra­fien oder auch Plas­ti­ken. Bis die Arbeit getan ist, darf sich der Käu­fer aller­dings ein wenig in Geduld üben: „Schon ein Helm kann zwei bis drei Wochen Her­stel­lungs­zeit abver­lan­gen. Des­halb bin ich in der Regel auf neun Monate hin aus­ge­bucht“, berich­tet Mül­ler, der sich neben Repli­ken auch auf die Restau­rie­rung von Ori­gi­nal­ma­te­rial ver­steht. Die meh­rere hun­dert Jahre alten Kunst­schätze dür­fen aber nur mit dem Stoff­hand­schuh ange­fasst wer­den, um das emp­find­li­che Metall vor Schweiß und damit Kor­ro­sion zu schützen.

Plattnerwerkstatt Seine Arbeit an den his­to­ri­schen Har­nisch­tei­len ist täg­li­ches Stu­dium der Mate­rie; das so gewon­nene Fach­wis­sen publi­ziert Mül­ler als Mit­glied der Gesell­schaft für Waf­fen– und Kos­tüm­kunde — einem Ver­ein für Samm­ler, Muse­ums­leute und waf­fen­kund­lich Inter­es­sierte — in der „Zeit­schrift für Waf­fen– und Kos­tüm­kunde“. Für wei­tere For­schungs– und Grund­la­gen­ar­beit sorgt in der Platt­ner­werk­statt seit den Anfän­gen Mül­lers Weg­ge­fährte Mat­thias Goll, der seine Magis­ter­ar­beit in Kunst­ge­schichte über den spät­go­ti­schen Pan­zer­hand­schuh geschrie­ben hat und für seine Dok­tor­ar­beit nun den gesam­ten Har­nisch ins Auge fasst.

Ihre eige­nen Erfah­run­gen in Sachen eiserne Hohl­plas­tik sam­meln Goll und Mül­ler als Mit­glie­der von Des Sche­dels schwar­zer Hau­fen, einer Lands­knechts­gruppe, mit der sie auch beim „Peter-​​und-​​Paul-​​Fest“ all­jähr­lich ihr Lager auf­schla­gen. Seine Zelte im Kraich­gau bricht Mül­ler dem­nächst ab und zieht samt Werk­statt aus fami­liä­ren Grün­den zurück ins süd­ba­di­sche Orschweier. Die Kun­den wer­den ihm fol­gen. Auch weil Kon­kur­renz im Platt­ner­ge­schäft seit Ende des 16. Jahr­hun­derts, als die Rüs­tun­gen lang­sam aus der Mode kamen, äußerst rar ist.

Alt­her­ge­brachte Tech­nik für moderne Errungenschaften

Von den ganz weni­gen wei­te­ren deut­schen Ver­tre­tern sei­ner Zunft ist Mül­ler am längs­ten im Geschäft und er hat für sein neues Domi­zil schon eine Idee, um die alt­her­ge­brach­ten Tech­ni­ken auch für moderne Errun­gen­schaf­ten ein­zu­set­zen: hand­ge­machte Schlag­zeug­be­cken. „Durch die Ver­än­de­rung an der Mate­ri­al­struk­tur kön­nen ganz neue Klang­spek­tren ent­ste­hen“, erklärt Mül­ler. „Und die Becken wer­den neben­bei weit­aus mas­si­ver und lang­le­bi­ger sein, als die han­dels­üb­li­chen.“ Denn an der Funk­tio­na­li­tät sei­ner Werk­stü­cke ändert sich im Grunde so viel nicht: Schließ­lich müs­sen auch sie kräf­tig Schläge wegstecken.