4. September 2009

Der Vorleser

Sein Roman von 1995 gehört zu den wenigen deutschen Werken jüngeren Datums, denen der internationale Erfolg beschieden war. In 40 Sprachen wird Bernhard Schlinks Drama "The Reader" gelesen; Regisseur Stephen Daldry präsentierte unlängst die Filmfassung (Senator Home Entertainment) der äußerst ungewöhnlichen NS-Vergangenheitsbewältigung und die amerikanisch-deutsche Co-Produktion macht es auch hier der Vorlage nach.

Wir schreiben bereits das Ende der 50er, als der 15-jährige Michael (David Kross) auf dem Schulheimweg von einem Gelbsuchtsanfall kalt erwischt wird. Die Mitdreißigerin Hanna Schmitz (Winslet) findet ihn in einem Häusereingang. Es ist der Beginn einer Sommeraffäre: Sie stillt seinen Liebesdrang und lässt sich im Gegenzug von "Jungchen" vorlesen. Eines Tages ist Hanna ohne Vorwarnung gegangen; Jahre später trifft der Jurastudent Michael sie wieder - als Angeklagte in einem Kriegsverbrecherprozess. Hanna muss sich für ihre Taten als KZ-Aufseherin verantworten.

Während die Aufnahme in die Besten-Auswahl der Academy in Sachen Film, Regie, adaptiertes Drehbuch und Kamera wohl eine reine Themennominierung war, hat sich Kate Winslet ihre "Oscar"- und "Golden Globe"-Würdigung als Hauptdarstellerin mehr als verdient. Daldrys eigenständiger Zugang zur Materie erschöpft sich im Aufbrechen von Schlinks drei chronologischen Zeitebenen durch Sprünge in die Erzählgegenwart der 90er, die Michael Berg (Ralph Fiennes) mit Leidensmiene durch Berlin streifen lässt. Und deshalb haben zumindest Vorherleser beim 124-Minüter auch andere als die bezweckten ambivalenten Gefühle.

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