3. September 2009

Der Vorleser

Der VorleserSein Roman von 1995 gehört zu den weni­gen deut­schen Wer­ken jün­ge­ren Datums, denen der inter­na­tio­nale Erfolg beschie­den war. In 40 Spra­chen wird Bern­hard Schlinks Drama „The Rea­der“ gele­sen; Regis­seur Ste­phen Daldry prä­sen­tierte unlängst die Film­fas­sung (Sena­tor Home Enter­tain­ment) der äußerst unge­wöhn­li­chen NS-​​Vergangenheitsbewältigung und die amerikanisch-​​deutsche Co-​​Produktion macht es auch hier der Vor­lage nach.

Wir schrei­ben bereits das Ende der 50er, als der 15-​​jährige Michael (David Kross) auf dem Schul­heim­weg von einem Gelb­suchts­an­fall kalt erwischt wird. Die Mit­drei­ßi­ge­rin Hanna Schmitz (Wins­let) fin­det ihn in einem Häu­ser­ein­gang. Es ist der Beginn einer Som­meraf­färe: Sie stillt sei­nen Lie­bes­drang und lässt sich im Gegen­zug von „Jung­chen“ vor­le­sen. Eines Tages ist Hanna ohne Vor­war­nung gegan­gen; Jahre spä­ter trifft der Jura­stu­dent Michael sie wie­der — als Ange­klagte in einem Kriegs­ver­bre­cher­pro­zess. Hanna muss sich für ihre Taten als KZ-​​Aufseherin verantworten.

Wäh­rend die Auf­nahme in die Besten-​​Auswahl der Aca­demy in Sachen Film, Regie, adap­tier­tes Dreh­buch und Kamera wohl eine reine The­men­no­mi­nie­rung war, hat sich Kate Wins­let ihre „Oscar“- und „Gol­den Globe“-Würdigung als Haupt­dar­stel­le­rin mehr als ver­dient. Dald­rys eigen­stän­di­ger Zugang zur Mate­rie erschöpft sich im Auf­bre­chen von Schlinks drei chro­no­lo­gi­schen Zeit­ebe­nen durch Sprünge in die Erzähl­ge­gen­wart der 90er, die Michael Berg (Ralph Fien­nes) mit Lei­dens­miene durch Ber­lin strei­fen lässt. Und des­halb haben zumin­dest Vor­her­le­ser beim 124-​​Minüter auch andere als die bezweck­ten ambi­va­len­ten Gefühle.