Das FestRui­nie­ren konnte sich „Das Fest“ noch im Allein­gang. Jetzt soll’s die Poli­tik mal wie­der rich­ten und Karls­ru­hes OB Heinz Fen­rich macht nach der Bank­rott­er­klä­rung des Stadt­ju­gend­aus­schus­ses Hoff­nung, dass die Jubi­lä­ums­auf­lage nicht die letzte gewe­sen ist. Dazu muss sich aber end­lich eini­ges ändern, will man aus dem defi­zi­tä­ren Teu­fels­kreis ausbrechen.

„Eine pro­duk­tive Unruhe“, wie das Stadt­ober­haupt befin­det, hat sich in der Tat breit gemacht seit dem 29. Sep­tem­ber; allen voran die Initia­tive „Ret­tet ‚Das Fest‘“. Die das Fes­ti­val mit den ein­tritts­er­spa­ren­den Geträn­ken ver­sor­gende Braue­rei Hoepfner ver­sucht der­weil, was schon vor Ort nicht funk­tio­nie­ren will: Sau­fen fürs „Fest“ statt für den Regen­wald. Zehn Cent pro Kas­ten wer­den bis Ende Novem­ber gespen­det. Dann soll im Gemein­de­rat dar­über befun­den wer­den, ob „Das Fest“ 2010 statt­fin­det. Wei­ter­ge­hen wie bis dato kann es jeden­falls nicht.

Denn wer sich über den Geträn­ke­ver­kauf refi­nan­zie­ren möchte, muss sein Publi­kum abfül­len — und das schließt Nich­tal­ko­ho­li­sches aus­drück­lich ein! Wenn der durch­schnitt­li­che Kon­sum in Euro pro Kopf stadt­schuss­in­ter­nen Aus­wer­tun­gen zufolge aber bei etwas mehr als 2,50 Euro düm­pelt, ist die Kater­stim­mung beim Kas­sen­sturz pro­gram­miert (und das, obwohl die­ses Jahr fast durch­weg ein traum­haf­tes Wet­ter­chen über der Klotze gelacht hat). Hier­für nun die kräf­tig vor­glü­hende Jugend ver­ant­wort­lich zu machen, greift viel zu kurz.

Mit dem Bon­ver­kauf steht man sich selbst im Weg

Sicher wird der schon bei Anfahrt mit Wod­ka­pul­len voll­ge­pumpte Halb­starke kaum mehr groß etwas zum Umsatz bei­tra­gen kön­nen, wenn er sich denn aufs Gelände geschleppt hat. Aber bei 300.000 Besu­chern plus XXL in drei Tagen müsste es doch mit dem Teu­fel zuge­hen, wenn nicht mehr als genug in die Kas­sen käme. Und das tut es offen­bar, denn dazu müsste jeder „Fest“-Gänger nur ein ein­zi­ges Getränk kon­su­mie­ren. Die Ver­an­stal­ter haben sich aber mit ihrem Bon­ver­kauf bis­lang in ers­ter Linie selbst im Weg gestan­den: Schon am Ein­gang abschre­ckende Schlan­gen vor den Kas­sen­häus­chen, an denen kaum etwas vor­an­geht, wäh­rend sich das Per­so­nal gegen­über am Aus­schank mit Fin­ger­ha­keln die Zeit ver­trei­ben könnte.

Da ist es nur eine Rand­no­tiz, dass die trink­wil­lige Kund­schaft zeit­weise auch noch wegen Ver­sor­gungs­eng­päs­sen auf dem Tro­cke­nen saß, wäh­rend jede Schlecht­wet­ter­phase der ver­gan­ge­nen Jahre im Nach­gang her­hal­ten durfte, um das neu­er­li­che Defi­zit zu erklä­ren, indem jede Minute in ver­flos­sene Euros umge­rech­net wurde. Immer­hin vor dem Mischer­turm gab’s die­ses Jahr erst­mals Flüs­si­ges gegen Bares — und siehe da: kaum bestellt schon halb geleert! Aber warum eigent­lich nur hier? Kein ande­res Fes­ti­val die­ser Grö­ßen­ord­nung setzt auf das umständ­li­che Ver­kaufs­kon­zept mit der Zwi­schen­sta­tion Bon, das wie der Direkt­ver­kauf spä­tes­tens dann zum Schei­tern ver­ur­teilt ist, wenn vor lau­ter Andrang gar nichts mehr geht. Und auch der ist bekann­ter­ma­ßen hausgemacht.

Der Mega­wahn der Macher ist eine Glei­chung, die nicht mehr auf­ge­hen kann

Wer in die­sem Som­mer Peter Fox aus der Haupt­stadt lockt, um Karls­ruhe den „Stadt­af­fen“ zu machen, der darf sich doch bit­te­schön hin­ter­her nicht wun­dern, wenn’s nur noch im Fox-​​Trott vor­wärts geht. Wobei die­ser Zustand nicht neu ist, son­dern seit 1997 gefühl­ter Fakt. Man muss die Sim­ple Minds des­halb nicht zu „Fest“-Organisator Rolf Fluh­r­ers Büchse der Pan­dora machen. Aber man kann ihm bei allen Ver­diens­ten um mit­un­ter gran­diose Juli-​​Wochenenden vor­wer­fen, spä­tes­tens seit dem alle Rah­men spren­gen­den Seeed-​​Auftritt 2006 in kei­ner Weise gegen­ge­steu­ert, son­dern trot­zig immer noch einen Topact drauf­ge­setzt zu haben. Seine Begrün­dung ist gera­dezu aben­teu­er­lich — ego­is­tisch zwar, aber immer­hin ehr­lich: „Ich mache das schon so lange und habe keine Lust mehr, kleine und mitt­lere Bands zu buchen.“ Mit eben Grup­pen die­ser Größe die Ver­an­stal­tung etwas her­un­ter­zu­fah­ren sei eine Milch­mäd­chen­rech­nung, wie­der­holt Fluh­rer seit­her immer wie­der man­tra­haft. Weil die weni­ger Publi­kum anzö­gen und „Das Fest“ sich so nicht tra­gen könne.

Rich­tig und seit die­sem Jahr auch mit Zah­len bewie­sen ist: Der Mega­wahn sei­ner Macher ist eine Glei­chung, die selbst unter opti­ma­len Bedin­gun­gen nicht län­ger auf­geht. Wer sich kaum mehr um die eigene Achse dre­hen kann, über­legt vier­mal, ob er durchs Nach­schub­ho­len Gefahr läuft, alles an gebo­te­nem Pro­gramm zu ver­pas­sen und seine Beglei­ter dazu. Das Schrump­fungs­sze­na­rien ent­ge­gen­ge­hal­tene Bild einer lee­ren Klotze ist Unsinn: Die Karls­ru­her Stu­den­ten kom­men an Weih­nach­ten nach Hause, auch wenn sie das Fest der Liebe nicht mögen. Und sie kom­men selbst dann zum „Fest“, wenn sie die vor­spie­len­den Bands nicht ken­nen. Wären die Irie Révol­tés die­ses Jahr Freitags-​​Headliner und nicht Hauptbühnen-​​Vorwärmer gewe­sen, hätte die Musik kei­nen Deut schlech­ter geklun­gen als spä­ter bei Cul­cha Can­dela. Nur eben nicht so berühmt. Aber der „Fest“-Tourismus, Fans, die hun­derte Kilo­me­ter fah­ren, nur um Fuch­sens Peter für umsonst zu erle­ben, wäre eingedämmt.

Offe­nen Auges an die Wand gefahren

Statt­des­sen wurde das Fes­ti­val mit Ansage an die Wand gefah­ren. Denn das Han­deln der Ver­ant­wort­li­chen erscheint umso unver­ständ­li­cher, wenn man bedenkt, dass bereits vor der aktu­el­len Auf­lage abzu­se­hen war (oder zumin­dest das erhöhte Risiko bestand), dass der 2007 durch Gemein­de­rats­be­schluss zur Ver­fü­gung gestellte finan­zi­elle Fall­schirm bereits nach zwei Jah­ren Boden­kon­takt haben würde. Jetzt hat er sogar ein 30.000-Euro-Loch geschla­gen — das unge­bremst 180.000 Euro betra­gen hätte. Der zuge­si­cherte „Not­gro­schen“ von 450.000 Euro — wohl­ge­merkt nur als sol­cher gedacht und nicht als frei ver­füg­bare städ­ti­sche Drein­gabe — ist geschmol­zen wie ein But­ter­berg im Solarium.

Ein neu­er­li­ches Defi­zit würde nicht nur die Gemein­nüt­zig­keit des Stadt­ju­gend­aus­schus­ses in Frage stel­len; es könnte ihn alles kos­ten, Exis­tenz inklu­sive. Gar nicht erst aus­zu­den­ken, wenn es wirk­lich ein noch hef­ti­ge­res Unwet­ter als 1993 oder auch ’95 gege­ben hätte! Dann würde nicht nur der Geträn­ke­ver­kauf flach­lie­gen, son­dern auch so man­cher „Fest“-Besucher. Und viel­leicht nicht mehr auf­ste­hen. Wer sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu spät­nach­mit­täg­li­cher Sonn­tags­stunde hin­ter der Haupt­bühne her­um­ge­drückt hat, weiß, dass selbst auf den asphal­tier­ten Wegen für Ret­tungs­wä­gen kein Durch­kom­men ist; geschweige denn bei einem Hügelkoller.

Dass Chris­tian Klin­ger nach sei­nem Amts­an­tritt 2004 lange Zeit nicht ein­mal wusste, wer die allei­nige Ver­ant­wor­tung fürs Gesche­hen in der Günther-​​Klotz-​​Anlage trägt (näm­lich er als Vor­sit­zen­der des Stadt­ju­gend­aus­schus­ses), ist nur der Gip­fel der Semi­pro­fes­sio­na­li­tät, den man einem Ver­ein wie dem „Stadt­schuss“ aber auch zuge­ste­hen muss und der end­lich erkannt hat, dass ihn die Anfor­de­run­gen einer sol­chen Groß­ver­an­stal­tung längst über­rannt haben. Daran hat auch der geson­dert geführte Betrieb mit dem out­ge­sour­ce­ten Orga­ni­sa­tor nichts geändert.

„Der Stadt­ju­gend­aus­schuss ist kein Kon­zert­ver­an­stal­ter“, befand sein Geschäfts­füh­rer Klaus Pis­to­rius jüngst. Späte Erkennt­nis. Warum es aber so lange gedau­ert hat, der Rea­li­tät ins Auge zu bli­cken, ist eine ganz andere Frage, die in Anbe­tracht der zwei Fron­ten kei­ner so recht beant­wor­ten möchte. „Eine solide Anti­pa­thie“ zwi­schen „Stadt­schuss“- und „Fest“-Chef kon­sta­tierte jeden­falls zuletzt nicht nur der „Badi­sche Beob­ach­ter“ des Stadt­ma­ga­zins „Klappe auf“.

Gesun­den muss das Credo sein

Da ist es nur nach­voll­zieh­bar, dass der Stadt­ju­gend­aus­schuss ver­nünf­ti­ger­weise nicht mehr als „Fest“-Veranstalter auf­tre­ten will. Zumal man sich auch völ­lig zu Recht auf seine Grund­sätze als loka­ler Trä­ger der Jugend­ar­beit beruft, die eben so gar nicht mit voll­trun­ke­nen Teen­agern ver­ein­bar ist. Die­ses Pro­blem hat der an die­ser Stelle in Argu­men­ta­ti­ons­nöte kom­mende Stadt­ju­gend­aus­schuss im Gegen­satz zu vie­lem ande­ren schon län­ger als sol­ches erkannt, aber selbst durch Jugend­schutz­teams und Bann­meile nicht in den Griff bekom­men. „Die Ver­an­stal­tung ist hin­sicht­lich der Sicher­heits­pro­ble­ma­tik so nicht mehr trag­bar“, sagte Klin­ger, als er nach einer Sicher­heits­kon­fe­renz mit Feu­er­wehr, Poli­zei und Ret­tungs­kräf­ten den trotz allem Kon­tra bit­te­ren Vor­stands­be­schluss ver­kün­dete: Der Hügel eigne sich nicht für ein der­ar­ti­ges Groß­er­eig­nis und sei bei ent­spre­chen­der Zuschau­er­zahl für nie­man­den kon­trol­lier­bar. Das war und ist wohl so — meinte nicht nur der Autor schon vor drei Jah­ren.

Da müs­sen ver­klärte „Fest“-Nächte mit der atem­be­rau­ben­den Men­schen­wand und geflash­ten Künst­lern vor Augen raus aus den Köp­fen! 100.000 Euro seien künf­tig zusätz­lich von­nö­ten, um die Sicher­heit der Besu­cher zu gewähr­leis­ten — 100.000 Euro, die kei­ner über hat. Und Klin­ger setzte noch einen drauf: „Wir kön­nen von Glück sagen, dass nie­mand ernst­haft zu Scha­den gekom­men ist.“ Worte, die man in den zurück­lie­gen­den Auf­la­gen Jahr um Jahr hätte gebrau­chen kön­nen und die in abge­schwäch­ter Form auf der Pres­se­kon­fe­renz nach dem „Fest“ 2006 schon ein­mal gespro­chen wur­den: „Der Zenit ist erreicht“ war damals das höchst alar­mie­rende Fazit. Und wer trotz die­ser Fest­stel­lung immer und immer wei­ter nach oben schraubt, der wird ihn frü­her oder spä­ter über­schrei­ten. Jetzt sind wir also end­lich übern Berg. Gesun­den heißt das Credo.

„Fest“ ohne Flair oder gar kein „Fest“ mehr?

Und was kommt danach? Wildpark-​​Gelände? Neue Messe? Alles Alter­na­ti­ven, die der­zeit von der dezer­nats­über­grei­fen­den Pro­jekt­gruppe um Mar­tin Wacker dis­ku­tiert wer­den. Einen kom­mer­zi­el­len Ver­an­stal­ter zu fin­den, dürfte bei den Gege­ben­hei­ten schwie­rig wer­den. Aber warum denn nicht trotz­dem künf­tig mit Ein­tritts­geld regu­lie­ren? Schon wenige Euro wür­den Wun­der wir­ken. Oder kos­ten­lose Ein­lass­bänd­chen in begrenz­ter Zahl. „Um ‚Das Fest‘ zu ret­ten, müs­sen wir es neu erfin­den“, sagt auch der OB. Und wer jetzt wie­der auf das dahin­ge­hende „Fest“-Flair ver­weist, muss sich fra­gen las­sen, ob er nicht froh wäre, bei der momen­ta­nen Lage über­haupt noch­mals ein sol­ches fei­ern zu dür­fen. An eine durch Spon­so­ren getra­gene Ver­an­stal­tung nach gän­gi­gem Schema glaubt die­ser Tage wohl wirk­lich nur noch Rolf Fluhrer.

Immer­hin hat die Pro­jekt­gruppe bereits erkannt, „dass das Sicher­heits­pro­blem in ers­ter Linie ein Über­fül­lungs­pro­blem ist“; will das Gelände des­halb in eine Musik– und Fami­li­en­zone auf­tei­len. Damit kom­men wenigs­tens die ebenso ele­men­ta­ren „Fest“-Bestandteile wie Thea­ter, Klas­sik, Spiel und Sport wie­der zur Spra­che, die in der bis­he­ri­gen Debatte von allem ande­ren über­tönt wur­den. Wie und von wem aber die­ses „Sechs-​​Jahres-​​zwei-​​Zonen-​​Modell“ finan­ziert wer­den soll, mit dem „Das Fest“ bis zum Stadt­ju­bi­läum 2015 gesi­chert wer­den könnte, dar­über will zum momen­ta­nen Zeit­punkt kei­ner öffent­lich spre­chen. Doch mit der Ant­wort steht und fällt „Das Fest“. Einer, der sie vor­aus­sicht­lich nicht mehr geben wird, ist Fluhrer.

„Wir steu­ern nicht die Leute, die Leute steu­ern uns“, gab er noch sicht­lich betrof­fen bei der Pres­se­kon­fe­renz Ende Sep­tem­ber zu Pro­to­koll — und auch das ist wie Klin­gers Ein­ge­ständ­nis für eine der­ar­tige Ver­an­stal­tung nicht weni­ger als die Bank­rott­er­klä­rung. Was den „Kreis des Ver­trau­ens“ angeht, ist der eins­tige Orga­ni­sa­tor inzwi­schen außen vor: „In der Pro­jekt­gruppe spielt er keine Rolle“, so Wacker, dem als ers­ter KMK-​​Öffentlichkeitsarbeiter ebenso wie dem Ober­bür­ger­meis­ter klar ist, wel­che Strahl­kraft die Marke (nicht zu ver­ges­sen auch dank Fluh­r­ers aus­ar­ten­dem Aktio­nis­mus!) mit dem Son­nen­logo über 25 Jahre ent­wi­ckelt hat und was Stadt wie Region feh­len würde, wenn sie erlischt. Wird sie aber nicht. Denn zumin­dest eines ist sicher: „Das Fest“ stirbt ebenso wenig wie Opel. Sonst soll mich der Blitz treffen!