14. Oktober 2009
„Das Fest“ ist übern Berg
Ruinieren konnte sich „Das Fest“ noch im Alleingang. Jetzt soll’s die Politik mal wieder richten und Karlsruhes OB Heinz Fenrich macht nach der Bankrotterklärung des Stadtjugendausschusses Hoffnung, dass die Jubiläumsauflage nicht die letzte gewesen ist. Dazu muss sich aber endlich einiges ändern, will man aus dem defizitären Teufelskreis ausbrechen.
„Eine produktive Unruhe“, wie das Stadtoberhaupt befindet, hat sich in der Tat breit gemacht seit dem 29. September; allen voran die Initiative „Rettet ‚Das Fest‘“. Die das Festival mit den eintrittsersparenden Getränken versorgende Brauerei Hoepfner versucht derweil, was schon vor Ort nicht funktionieren will: Saufen fürs „Fest“ statt für den Regenwald. Zehn Cent pro Kasten werden bis Ende November gespendet. Dann soll im Gemeinderat darüber befunden werden, ob „Das Fest“ 2010 stattfindet. Weitergehen wie bis dato kann es jedenfalls nicht.
Denn wer sich über den Getränkeverkauf refinanzieren möchte, muss sein Publikum abfüllen – und das schließt Nichtalkoholisches ausdrücklich ein! Wenn der durchschnittliche Konsum in Euro pro Kopf stadtschussinternen Auswertungen zufolge aber bei etwas mehr als 2,50 Euro dümpelt, ist die Katerstimmung beim Kassensturz programmiert (und das, obwohl dieses Jahr fast durchweg ein traumhaftes Wetterchen über der Klotze gelacht hat). Hierfür nun die kräftig vorglühende Jugend verantwortlich zu machen, greift viel zu kurz.
Mit dem Bonverkauf steht man sich selbst im Weg
Sicher wird der schon bei Anfahrt mit Wodkapullen vollgepumpte Halbstarke kaum mehr groß etwas zum Umsatz beitragen können, wenn er sich denn aufs Gelände geschleppt hat. Aber bei 300.000 Besuchern plus XXL in drei Tagen müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn nicht mehr als genug in die Kassen käme. Und das tut es offenbar, denn dazu müsste jeder „Fest“-Gänger nur ein einziges Getränk konsumieren. Die Veranstalter haben sich aber mit ihrem Bonverkauf bislang in erster Linie selbst im Weg gestanden: Schon am Eingang abschreckende Schlangen vor den Kassenhäuschen, an denen kaum etwas vorangeht, während sich das Personal gegenüber am Ausschank mit Fingerhakeln die Zeit vertreiben könnte.
Da ist es nur eine Randnotiz, dass die trinkwillige Kundschaft zeitweise auch noch wegen Versorgungsengpässen auf dem Trockenen saß, während jede Schlechtwetterphase der vergangenen Jahre im Nachgang herhalten durfte, um das neuerliche Defizit zu erklären, indem jede Minute in verflossene Euros umgerechnet wurde. Immerhin vor dem Mischerturm gab’s dieses Jahr erstmals Flüssiges gegen Bares – und siehe da: kaum bestellt schon halb geleert! Aber warum eigentlich nur hier? Kein anderes Festival dieser Größenordnung setzt auf das umständliche Verkaufskonzept mit der Zwischenstation Bon, das wie der Direktverkauf spätestens dann zum Scheitern verurteilt ist, wenn vor lauter Andrang gar nichts mehr geht. Und auch der ist bekanntermaßen hausgemacht.
Der Megawahn der Macher ist eine Gleichung, die nicht mehr aufgehen kann
Wer in diesem Sommer Peter Fox aus der Hauptstadt lockt, um Karlsruhe den „Stadtaffen“ zu machen, der darf sich doch bitteschön hinterher nicht wundern, wenn’s nur noch im Fox-Trott vorwärts geht. Wobei dieser Zustand nicht neu ist, sondern seit 1997 gefühlter Fakt. Man muss die Simple Minds deshalb nicht zu „Fest“-Organisator Rolf Fluhrers Büchse der Pandora machen. Aber man kann ihm bei allen Verdiensten um mitunter grandiose Juli-Wochenenden vorwerfen, spätestens seit dem alle Rahmen sprengenden Seeed-Auftritt 2006 in keiner Weise gegengesteuert, sondern trotzig immer noch einen Topact draufgesetzt zu haben. Seine Begründung ist geradezu abenteuerlich – egoistisch zwar, aber immerhin ehrlich: „Ich mache das schon so lange und habe keine Lust mehr, kleine und mittlere Bands zu buchen.“ Mit eben Gruppen dieser Größe die Veranstaltung etwas herunterzufahren sei eine Milchmädchenrechnung, wiederholt Fluhrer seither immer wieder mantrahaft. Weil die weniger Publikum anzögen und „Das Fest“ sich so nicht tragen könne.
Richtig und seit diesem Jahr auch mit Zahlen bewiesen ist: Der Megawahn seiner Macher ist eine Gleichung, die selbst unter optimalen Bedingungen nicht länger aufgeht. Wer sich kaum mehr um die eigene Achse drehen kann, überlegt viermal, ob er durchs Nachschubholen Gefahr läuft, alles an gebotenem Programm zu verpassen und seine Begleiter dazu. Das Schrumpfungsszenarien entgegengehaltene Bild einer leeren Klotze ist Unsinn: Die Karlsruher Studenten kommen an Weihnachten nach Hause, auch wenn sie das Fest der Liebe nicht mögen. Und sie kommen selbst dann zum „Fest“, wenn sie die vorspielenden Bands nicht kennen. Wären die Irie Révoltés dieses Jahr Freitags-Headliner und nicht Hauptbühnen-Vorwärmer gewesen, hätte die Musik keinen Deut schlechter geklungen als später bei Culcha Candela. Nur eben nicht so berühmt. Aber der „Fest“-Tourismus, Fans, die hunderte Kilometer fahren, nur um Fuchsens Peter für umsonst zu erleben, wäre eingedämmt.
Offenen Auges an die Wand gefahren
Stattdessen wurde das Festival mit Ansage an die Wand gefahren. Denn das Handeln der Verantwortlichen erscheint umso unverständlicher, wenn man bedenkt, dass bereits vor der aktuellen Auflage abzusehen war (oder zumindest das erhöhte Risiko bestand), dass der 2007 durch Gemeinderatsbeschluss zur Verfügung gestellte finanzielle Fallschirm bereits nach zwei Jahren Bodenkontakt haben würde. Jetzt hat er sogar ein 30.000-Euro-Loch geschlagen – das ungebremst 180.000 Euro betragen hätte. Der zugesicherte „Notgroschen“ von 450.000 Euro – wohlgemerkt nur als solcher gedacht und nicht als frei verfügbare städtische Dreingabe – ist geschmolzen wie ein Butterberg im Solarium.
Ein neuerliches Defizit würde nicht nur die Gemeinnützigkeit des Stadtjugendausschusses in Frage stellen; es könnte ihn alles kosten, Existenz inklusive. Gar nicht erst auszudenken, wenn es wirklich ein noch heftigeres Unwetter als 1993 oder auch ‚95 gegeben hätte! Dann würde nicht nur der Getränkeverkauf flachliegen, sondern auch so mancher „Fest“-Besucher. Und vielleicht nicht mehr aufstehen. Wer sich in den vergangenen Jahren zu spätnachmittäglicher Sonntagsstunde hinter der Hauptbühne herumgedrückt hat, weiß, dass selbst auf den asphaltierten Wegen für Rettungswägen kein Durchkommen ist; geschweige denn bei einem Hügelkoller.
Dass Christian Klinger nach seinem Amtsantritt 2004 lange Zeit nicht einmal wusste, wer die alleinige Verantwortung fürs Geschehen in der Günther-Klotz-Anlage trägt (nämlich er als Vorsitzender des Stadtjugendausschusses), ist nur der Gipfel der Semiprofessionalität, den man einem Verein wie dem „Stadtschuss“ aber auch zugestehen muss und der endlich erkannt hat, dass ihn die Anforderungen einer solchen Großveranstaltung längst überrannt haben. Daran hat auch der gesondert geführte Betrieb mit dem outgesourceten Organisator nichts geändert.
„Der Stadtjugendausschuss ist kein Konzertveranstalter“, befand sein Geschäftsführer Klaus Pistorius jüngst. Späte Erkenntnis. Warum es aber so lange gedauert hat, der Realität ins Auge zu blicken, ist eine ganz andere Frage, die in Anbetracht der zwei Fronten keiner so recht beantworten möchte. „Eine solide Antipathie“ zwischen „Stadtschuss“- und „Fest“-Chef konstatierte jedenfalls zuletzt nicht nur der „Badische Beobachter“ des Stadtmagazins „Klappe auf“.
Gesunden muss das Credo sein
Da ist es nur nachvollziehbar, dass der Stadtjugendausschuss vernünftigerweise nicht mehr als „Fest“-Veranstalter auftreten will. Zumal man sich auch völlig zu Recht auf seine Grundsätze als lokaler Träger der Jugendarbeit beruft, die eben so gar nicht mit volltrunkenen Teenagern vereinbar ist. Dieses Problem hat der an dieser Stelle in Argumentationsnöte kommende Stadtjugendausschuss im Gegensatz zu vielem anderen schon länger als solches erkannt, aber selbst durch Jugendschutzteams und Bannmeile nicht in den Griff bekommen. „Die Veranstaltung ist hinsichtlich der Sicherheitsproblematik so nicht mehr tragbar“, sagte Klinger, als er nach einer Sicherheitskonferenz mit Feuerwehr, Polizei und Rettungskräften den trotz allem Kontra bitteren Vorstandsbeschluss verkündete: Der Hügel eigne sich nicht für ein derartiges Großereignis und sei bei entsprechender Zuschauerzahl für niemanden kontrollierbar. Das war und ist wohl so – meinte nicht nur der Autor schon vor drei Jahren.
Da müssen verklärte „Fest“-Nächte mit der atemberaubenden Menschenwand und geflashten Künstlern vor Augen raus aus den Köpfen! 100.000 Euro seien künftig zusätzlich vonnöten, um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten – 100.000 Euro, die keiner über hat. Und Klinger setzte noch einen drauf: „Wir können von Glück sagen, dass niemand ernsthaft zu Schaden gekommen ist.“ Worte, die man in den zurückliegenden Auflagen Jahr um Jahr hätte gebrauchen können und die in abgeschwächter Form auf der Pressekonferenz nach dem „Fest“ 2006 schon einmal gesprochen wurden: „Der Zenit ist erreicht“ war damals das höchst alarmierende Fazit. Und wer trotz dieser Feststellung immer und immer weiter nach oben schraubt, der wird ihn früher oder später überschreiten. Jetzt sind wir also endlich übern Berg. Gesunden heißt das Credo.
„Fest“ ohne Flair oder gar kein „Fest“ mehr?
Und was kommt danach? Wildpark-Gelände? Neue Messe? Alles Alternativen, die derzeit von der dezernatsübergreifenden Projektgruppe um Martin Wacker diskutiert werden. Einen kommerziellen Veranstalter zu finden, dürfte bei den Gegebenheiten schwierig werden. Aber warum denn nicht trotzdem künftig mit Eintrittsgeld regulieren? Schon wenige Euro würden Wunder wirken. Oder kostenlose Einlassbändchen in begrenzter Zahl. „Um ‚Das Fest‘ zu retten, müssen wir es neu erfinden“, sagt auch der OB. Und wer jetzt wieder auf das dahingehende „Fest“-Flair verweist, muss sich fragen lassen, ob er nicht froh wäre, bei der momentanen Lage überhaupt nochmals ein solches feiern zu dürfen. An eine durch Sponsoren getragene Veranstaltung nach gängigem Schema glaubt dieser Tage wohl wirklich nur noch Rolf Fluhrer.
Immerhin hat die Projektgruppe bereits erkannt, „dass das Sicherheitsproblem in erster Linie ein Überfüllungsproblem ist“; will das Gelände deshalb in eine Musik- und Familienzone aufteilen. Damit kommen wenigstens die ebenso elementaren „Fest“-Bestandteile wie Theater, Klassik, Spiel und Sport wieder zur Sprache, die in der bisherigen Debatte von allem anderen übertönt wurden. Wie und von wem aber dieses „Sechs-Jahres-zwei-Zonen-Modell“ finanziert werden soll, mit dem „Das Fest“ bis zum Stadtjubiläum 2015 gesichert werden könnte, darüber will zum momentanen Zeitpunkt keiner öffentlich sprechen. Doch mit der Antwort steht und fällt „Das Fest“. Einer, der sie voraussichtlich nicht mehr geben wird, ist Fluhrer.
„Wir steuern nicht die Leute, die Leute steuern uns“, gab er noch sichtlich betroffen bei der Pressekonferenz Ende September zu Protokoll – und auch das ist wie Klingers Eingeständnis für eine derartige Veranstaltung nicht weniger als die Bankrotterklärung. Was den „Kreis des Vertrauens“ angeht, ist der einstige Organisator inzwischen außen vor: „In der Projektgruppe spielt er keine Rolle“, so Wacker, dem als erster KMK-Öffentlichkeitsarbeiter ebenso wie dem Oberbürgermeister klar ist, welche Strahlkraft die Marke (nicht zu vergessen auch dank Fluhrers ausartendem Aktionismus!) mit dem Sonnenlogo über 25 Jahre entwickelt hat und was Stadt wie Region fehlen würde, wenn sie erlischt. Wird sie aber nicht. Denn zumindest eines ist sicher: „Das Fest“ stirbt ebenso wenig wie Opel. Sonst soll mich der Blitz treffen!
