TidalwaveKarlsdorf-​​Neuthard — Ein Knei­pen­steh­tisch, der schon so man­ches Glas von unten gese­hen hat, und vier Bar­ho­cker in der Lounge sind alles, was beim Tidal­wave Stu­dio noch davon zeugt, dass Im Och­sen­stall 1a ein­mal die Anschrift einer uri­gen Karls­dor­fer Schänke gewe­sen ist.

Denn bevor Patrick Damiani im Okto­ber 2008 mit sei­nem Ton­stu­dio ein­zie­hen konnte, musste er kräf­tig Hand anle­gen und wurde dabei von sei­ner sonst eher zum har­ten Riff grei­fen­den Kund­schaft unter­stützt. Was zu Anfang noch ganz so aus­sieht, als könnte jeden Moment einer der Stamm­gäste von sei­nem Toi­let­ten­gang zurück­keh­ren, prä­sen­tiert sich nach vier­mo­na­ti­ger Umbau­ar­beit auch dank Mit­hilfe der nie­der­län­di­schen Black Meta­ler Carach Angren als warm ein­ge­rich­te­ter Recording-​​Hort mit groß­zü­gi­gem Regie– und zwei Auf­nah­me­räu­men. „Das Stu­dio habe ich selbst mit einem 3D-​​Programm ent­wor­fen“, erzählt Damiani. „Jeder Raum hat Tages­licht, ich wollte auf kei­nen Fall einen Musik­bun­ker — Atmo­sphäre ist wich­tig, die Tech­nik zweitrangig.“

„Wie man die­sen Beruf erlernt, steht auf kei­nem Papier“

Sein Bauingenieurs-​​Studium, das ihn 1996 nach Karls­ruhe geführt hat, war dabei nach eige­ner Ein­schät­zung wenig dien­lich. Damiani ist Prak­ti­ker. Und das Learning-​​On-​​The-​​Job befin­det er für weit­aus pro­duk­ti­ver als theo­re­ti­sches Ank­rat­zen der Mate­rie: „Ich habe mich vom Kabel­wick­ler nach oben gear­bei­tet und kann mei­nen Wer­de­gang nur jedem emp­feh­len“, resü­miert der 32-​​Jährige. „Wie man die­sen Beruf erlernt, steht nun­mal auf kei­nem Papier.“

Tidalwave 1999 bringt den Luxem­bur­ger die erste pro­fes­sio­nell pro­du­zierte Scheibe sei­ner dama­li­gen Symphonic-​​Metal-​​Band Vinds­val ins Psycho-​​Sound-​​Studio von Kai Döh­ring, wo er sich kurze Zeit spä­ter als Assis­tent ver­sucht. In der Karls­ru­her Ost­stadt wird 2000 in Prosecco-​​Studios umfir­miert, Damiani über­nimmt nach und nach die meis­ten Arbei­ten am Misch­pult und im April 2003 schließ­lich das ganze Stu­dio. Seit­dem betreibt er es unter dem Namen Tidalwave.

Und den ver­edelt eine über die Jahre ste­tig wach­sende Refe­renz­liste, die ange­führt vom Karls­dor­fer Pro­du­zen­ten­kol­le­gen und Pink-​​Cream-​​69-​​Basser Den­nis Ward nicht nur eini­ges an regio­na­ler Musik­pro­mi­nenz aus­weist: Ex-​​Pogues-​​Gitarrist Jamie Clarke, Umbo, Karls­groove, The Patricks, Milk­bar, Aka Fron­tage, Rough Lingo, die Star­fu­ckers, Heml­ha­zard, Hiss, Tri­gon und All Joi­nes ste­hen ein­hel­lig neben Viviane de Farias, einer der gefrag­tes­ten bra­si­lia­ni­schen Sän­ge­rin­nen in Europa, dem christ­li­chen Rock­poe­ten Wolf­gang Abend­schön, The Moon­lights, dem Musik– und Bühnenkunst-​​Duo Ana & Anda oder Schlager-​​Ikone Tony Marshall.

„Das darf man nicht mit zwei Bäcke­reien vergleichen“

Aber auch inter­na­tio­nale Acts wie die von abso­lu­ter Unbe­küm­mert­heit im Umgang mit jeg­li­chen Sti­len gekenn­zeich­ne­ten Wie­ner L’Âme Immor­telle neh­men bei Tidal­wave auf. „Ich ver­stehe mich auf alles, was hand­ge­macht ist. Elek­tro­ni­sche Musik oder Hip­Hop — das ist mein Metier nicht“, sagt Damiani. Keine Kom­pro­misse machen muss er bei Rome, dem inter­na­tio­nal spie­len­den Melodramatik-​​Pop-​​Duo, das er mit Jerome Reu­ter bildet.

Tidalwave Dass auch Damiani mitt­ler­weile zur sechs Stu­dios umfas­sen­den Karls­dor­fer Tonstudio-​​Patchwork-​​Familie gehört, ist Zufall: „Ich habe über ein Jahr nach einem neuen Domi­zil gesucht und die Loca­tion hier war ein­fach ideal.“ Als Kon­kur­renz nimmt er die Kol­le­gen vom benach­bar­ten House Of Audio nicht wahr: „Das darf man nicht mit zwei Bäcke­reien ver­glei­chen, die wenige Meter von­ein­an­der ent­fernt die­sel­ben Bröt­chen backen. Wenn ich mas­tere, bin ich sogar selbst HOFA-​​Kunde.“

„Ich würde ich lie­ber zehn Bands im Jahr machen statt 100″

Den ihm eige­nen Biss, selbst aus einem Demo das Beste her­aus­ho­len zu wol­len, ver­misst er bei so man­cher Nach­wuchs­band. Und auch wenn selbst die Fach­presse nach Damia­nis Erfah­rung Auf­nah­me­qua­li­tät immer weni­ger hono­riert, „würde ich lie­ber zehn Bands im Jahr machen statt 100 und dafür zwei Monate an einem Album fei­len.“ Das zu bezah­len ist die­ser Tage kaum ein Künst­ler oder Label mehr bereit. Damiani weiß das; trotz­dem kann man den Idea­lis­ten in ihm her­aus­hö­ren, wenn er erzählt, dass auch mal bis spät nachts an dem einen vakan­ten Gei­gen­part gear­bei­tet wird — und wenn es den Ker­zen­schein braucht, um den per­fek­ten Take herauszukitzeln.