22. Oktober 2009
Rock-Furore zwischen Bayern und Fernost
Karlsdorf-Neuthard – In diesem Karlsdorfer Tonstudio laufen nicht nur Musikgrößen auf. Zwar drückt Andreas Görlitz seit seiner Rückkehr zum FC Bayern noch Krankenlager und Ersatzbank; hat er aber die Gitarre in der Hand, ist der Mann von der rechten Außenbahn spielfreudig wie zu seinen besten KSC-Zeiten.
Damals lernte der Profifußballer Thomas Lichtenwalter vom Piranha Recording Studio in Karlsdorf kennen, wo das Debüt von Görlitz‘ Rockband Room 77 produziert wurde, das seit Wochenanfang in den Läden steht. Bis dato war die CD nur via Band-Website zu beziehen; ab Montag, 23. November, ist die zweite Pressung raus und „At Home“ (NL Distribution/Alive) steht auch im Multimediamarkt und mp3-Shop des Vertrauens zum Kauf.
„Ein Bayern-Spieler mit Rockband – dafür kann man die Japaner begeistern!“
„Eigentlich wollten wir nur zwei Stücke, ‚Different Views‘ und ‚Only One Way‘, aufnehmen. Dann wurde spontan beschlossen, dass ein komplettes Album draus werden soll“, erzählt Lichtenwalter. Dazu musste aber noch der ein oder andere Song her, „also haben wir begonnen zu komponieren“, sagt er – und zwar so, als wäre grade die „Rock-Woche“ bei Aldi angebrochen. Doch der Tontechniker und Produzent weiß nur zu gut, wie man Musik macht; spielte jahrelang selbst in Bands, allen voran als Gitarrist bei Torrent und Novokain. Und so machte er sich mit Andi, dessen Bruder Markus (Gesang), Temren Demirbolat (Gitarre), Manuel Riesemann (Bass) und Michael Kratzl (Schlagzeug) ans kreative Werkeln.
Beim Texten mitgeholfen hat Görlitz‘ Mentaltrainer Holger Fischer, der während der Arbeit an seinem Bestseller „Sie sind ihr bester Coach“ den Hang zum geschriebenen Wort entdeckt hat: „Schatten“, der einzige deutschsprachige Track auf „At Home“, und „Hope“, eine hymnenhafte Nummer fürs SOS-Kinderdorf Ammersee, das auch vom Verkaufserlös der Scheibe profitiert, stammen von ihm. Getragen sind alle zehn Songs von kernig-breitwandigem Rocksound, der bald schon bis nach Fernost für Furore sorgen soll: „Ein Bayern-Spieler mit Band – dafür kann man die Menschen in Japan begeistern!“, ist Lichtenwalter überzeugt. Jetzt spricht der Manager von Room 77.
Das „Rock‘n'Roll-Studio“ in der Bahnhofstraße 21 vermittelte dem Linkenheimer im Jahr 2001 ein Kunde, für den er schon zu aktiven Bandzeiten die ein oder andere Arbeit übernommen hat. Auf zwei Geschossen verteilen sich hier im warmen Ambiente eine große und eine kleine Regie sowie drei Aufnahmeräume samt Pausenzimmer und Küche – in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Zanki-Brüdern, die Mitte der 70er den Anfang der Karlsdorfer Studioansammlung markierten.
Das nächste Großprojekt: „Rock Meets Lyrics“
„Überwiegend mache ich nach wie vor Bandaufnahmen“, meint Lichtenwalter. Darunter befinden sich auch mal solche Kracher wie die Hamburger Helloween, die sich vom Piranha Tonstudio die Chorsamples für ihre nahezu komplett ausverkaufte „Keeper“-Welttournee 2006 produzieren ließen. Auch der ehemalige Sänger der Kürbisköpfe, Michael Kiske, buchte Lichtenwalter für die Schlagzeugaufnahmen seines Plattenprojekts „Place Vendome“. In selber Angelegenheit war er beim aktuellen Album der Stuttgarter Debauchery aktiv, nahm mit den Western-Metalern Dezperadoz und den seit „Goodbye Deutschland“ auch außerhalb Waghäusels berühmt gewordenen Pussy Sisster auf. Selbst Produzentenkollege und Tonstudiobesitzer Dennis Ward, als Bassist von Pink Cream 69 ebenfalls kein Unbekannter, schätzt das akustische Design im Hause Piranha und kommt immer mal wieder für Schlagzeugaufnahmen vorbei.
„Dennoch muss man sehen: Das klassische Recording-Geschäft ist rückläufig“, bilanziert Lichtenwalter, der als freier Berater in der Studioabteilung des Karlsruher Rock Shop ein weiteres Standbein sicher hat. Mit Wochenend-Crashkursen in Aufnahmetechnik lastet er sein Studio aus, gibt außerdem Werbeagenturen Seminare in Sachen „Pro Tools“, einem der Standardprogramme für Musikproduktionen. Und das nächste Großprojekt hat Lichtenwalter auch schon vor Augen: „Rock Meets Lyrics“. Wieder ist Mentalcoach Fischer im Spiel, dessen im Vordergrund stehende Texte von Classic-Rock transportiert werden sollen. Als Saitenkünstler im Gespräch sind Victor Smolski von Rage und Scorpions-Gründer Rudolf Schenker. Der könnte dann auch die Gebrüder Görlitz schon mal ein bisschen einstimmen. Schließlich kennt sich der Gibson-Flying-V-Gitarrero nur zu gut aus mit „Tokyo Tapes“.
