11. November 2009
Der Mann mit dem goldenen Riecher
Bruchsal — Wenn es irgendwo auf der Welt einen neuen Duft gibt, hat Georg R. Wuchsa auch schon Wind davon bekommen. Eigentlich steht die Familie in Bruchsal als Synonym fürs Juweliergeschäft; im Stammhaus in der Bahnhofstraße seit nunmehr 60 Jahren. Doch hier ergänzen noch ganz andere Kostbarkeiten das Schmucksortiment. Denn Wuchsa hat seine Obsession für ausgefallene Düfte zur Profession erhoben.
Bei Mainstream-Parfüms rümpft er die Nase: „Diese linearen Labormischungen, die am Anfang intensiv und im Laufe des Tages schwächer riechen, werden nicht von Menschen, sondern von Marketinganalysten und Computerprogrammen gemacht“, erklärt er. Nischendüfte aus überwiegend natürlichen Ingredienzien haben es ihm angetan. Schon 1985 war das so, als er den Juwelierladen seiner Eltern übernahm. Vor neun Jahren begann er dann damit, seinen Kunden die ersten ausgesuchten Wässerchen zu offerieren: Maitre Parfumeur et Gantier, Caron, Acqua die Parma, Lorenzo Villoresi und Amouge setzten das Fundament seiner Auswahl von mittlerweile über 1.200 Düften. „Ich handle mit charakterstarken Parfüms, die in der breiten Masse auch mal Ablehnung erfahren, dafür aber echte Persönlichkeiten sind“, sagt Wuchsa. Für ihn zählt dabei nur der Inhalt, „Flacon und Aufmachung sind zweitrangig“.
„Der Abstand zwischen Nischen– und Massendüften ist preislich unbedeutend“
Was er während seiner Internet-Recherchen nach weiteren Kreationen ausfindig machen konnte, empfand Wuchsa damals als unzureichend – also beschloss er, eine eigene Plattform ins Netz zu stellen: Aus Liebe zum Duft. Inmitten der mannigfaltigen Informationen über Parfüms und Parfümeure kann man sich längst den potenziellen neuen Lieblingsduft bestellen. Und das muss nicht einmal kostspielig sein: „Der Abstand zwischen Nischen– und Massendüften ist preislich unbedeutend geworden“, befindet Wuchsa.
Seine Kunden bestellen aus aller Welt. First In Fragrance nennt sich das Angebot fürs internationale Klientel, um das sich mittlerweile 14 Mitarbeiter kümmern. Auch von der Beautyszene für herausragend befundene Pflegeprodukte und dekorative Kosmetik sind im Sortiment. Die Duft-Beratung per E-Mail ist dabei ein ganz besonderer Service; schließlich kann man übers Internet nicht riechen. Obendrein bietet Aus Liebe zum Duft deshalb auch die Möglichkeit, ein Pröbchen im Zerstäuber zu ordern. Großen Wert legt Wuchsa auf seinen Online-Auftritt, der neben dem Shop auch ein separat geführtes „Duft-Tagebuch“ beinhaltet.
Seit kurzem verströmt Aus Liebe zum Duft sogar seine eigene Note: „No. 1“ heißt die Kreation von Marc vom Ende. „Das ist ein lebendiger Duft, der sich verändert, sich entwickelt auf der Haut. Er entfaltet eine frische Kopfnote, hat etwas Metallisches im Herzen und kommt in der Basis auf seinen weichen Kern“, schwärmt Wuchsa. Wobei der Name nicht unbedingt für den besten, sondern für den ersten in der Reihe steht, wie er betont. „Die ‚No. 2’ wird femininer ausfallen.“
„Der perfekte Duft ist die Suche nach dem heiligen Gral“
Selbst einen Duft zu kreieren – das maßt sich Wuchsa trotz seines profunden Fachwissens und seiner überbordenden Leidenschaft nicht an: „Wie jedes andere Handwerk erfordert auch der Beruf eines Parfümeurs gründliche Ausbildung und lange Berufserfahrung. Die großen Meister dieser Zunft sind in der Lage, wahre Kunstwerke zu schaffen. Aber davon gibt es nicht viele.“ Seine Sache ist die Beratung der Duftsuchenden; den für Person und Anlass passenden aus dem Regal zu ziehen, einen, „der die Persönlichkeit unterstreicht und nicht übertüncht.“ Auf den persönlichen Favoriten festlegen mag er sich auf Anhieb nicht: „Leichte Unisex-Düfte – ich sage auch gerne genderfree – haben mir in der Regel zu wenig Charakter“, grenzt er ein.
„Rose Poivrée von The Different Company trage ich beispielsweise mit Vorliebe. Aber die Suche nach dem perfekten Duft ist die Suche nach dem heiligen Gral“, weiß Wuchsa. Ein Suchender ist er dennoch geblieben. Zweimal im Jahr reist der Mann mit dem goldenen Riecher nach New York, besucht die Messen in Paris, Mailand und Florenz, wodurch sein globales Kontaktnetz immer engmaschiger wird. Und garantiert liegt schon bald wieder etwas in der Luft…
