Bernhard WendelBruch­sal — Wer in den ver­gan­ge­nen Aben­den im vor­win­ter­li­chen Bruch­sal an der Han­dels­lehr­an­stalt vor­bei­ge­kom­men ist, wird sich über die spit­zen Schreie gewun­dert haben. Doch das Ver­bre­chen ist gespielt; es sind die Akteure des Exil Thea­ters, die mit­ten in der Vor­be­rei­tung für ihre neue Pro­duk­tion „Mord unterm Weih­nachts­baum“ ste­cken. Über die Kri­mi­ko­mö­die im Stil Aga­tha Chris­ties sprach Patrick Wurs­ter mit dem Regis­seur und Künst­le­ri­schen Lei­ter der Bruch­sa­ler Ama­teur­bühne, Bern­hard Wendel.

???: Wie­der steht ein Tyrann im Mit­tel­punkt — nur, dass er die­ses Jahr nicht wie bei Charles Dickens‘ „Weih­nachts­mär­chen“ geläu­tert, son­dern gleich gemeu­chelt wird. Warum so unweih­nacht­lich?
Bern­hard Wen­del: Wir woll­ten nicht schon wie­der etwas Mär­chen­na­hes machen; durch­aus ein Stück für die ganze Fami­lie, aber zur Abwechs­lung ein ande­res Genre. Der Krimi hat sich ange­bo­ten, weil wir im Exil noch nie einen gespielt haben. In die­sem Zusam­men­hang ist die Queen Of Crime natür­lich erste Wahl und sie hat tat­säch­lich einen Weih­nachts­krimi geschrie­ben: „Her­cule Poirots Weih­nach­ten“ aus dem Jahr 1938. Den kennt aller­dings fast nie­mand und es exis­tierte bis­lang auch keine dra­ma­ti­sierte Fassung.

???: Des­halb füh­ren Sie nicht nur Regie, son­dern haben „Mur­der For Christ­mas“ zum „Mord unterm Weih­nachts­baum“ umge­schrie­ben und mit „Eine Weih­nachts­kri­mi­ko­mö­die im Stile von Aga­tha Chris­tie“ wer­be­wirk­sam unter­ti­telt?
Wen­del:
Der Grund, wes­halb wir nicht „Her­cule Poirots Weih­nach­ten“ spie­len, ist die Aga­tha Chris­tie Com­pany; extrem rüh­rig, wenn es um Rech­te­ver­let­zun­gen geht. Für unse­ren Ver­ein ist es prak­tisch unmög­lich, diese Rechte zu bekom­men. Ich habe mich des­halb mas­siv von der Vor­lage und dem übri­gen Werk der Auto­rin inspi­rie­ren las­sen, aus dem ermit­teln­den Poirot eine Miss Mar­ple gemacht und die Geschichte ab dem Mord neu auf­ge­zo­gen. „Im Stile von“ heißt folg­lich „sehr ori­en­tiert an“; es wird aber nicht so sein, dass man im Publi­kum sitzt und sagt: Das kenne hier her, jenes von dort. Außer­dem war mir das Motiv im Ori­gi­nal etwas zu rassistisch.

???: Kön­nen Sie kurz den Plot umrei­ßen?
Wen­del:
Ein alter Des­pot, wir nen­nen ihn Simeon Fin­ley, bestellt seine Fami­lie in den alt­ehr­wür­di­gen Stamm­sitz und wird am Weih­nachts­abend tot in sei­nem Zim­mer auf­ge­fun­den. Im Buch beginnt Her­cule Poirot nun damit, die Anwe­sen­den zu ver­hö­ren. Das ist aller­dings fürs Thea­ter stink­lang­wei­lig, weil ich diese Sze­nen nicht mit fil­mi­schen Mit­teln auf­lö­sen kann, etwa einem Orts­wech­sel. Und wenn ich trotz­dem umbaue, dau­ert das län­ger als die eigent­li­che Szene. Nein, im Thea­ter brau­che ich Hand­lung, sonst kann ich gleich eine Lesung ver­an­stal­ten. Bis zum Schluss ist jeder ver­däch­tig bei Aga­tha Chris­tie und das ist bei uns natür­lich genauso.

???: Wie blu­tig wird‘s denn wer­den?
Wen­del:
Gar nicht. Der Mord pas­siert im Off — so viel auch noch zum Stich­wort „Unweih­nacht­lich“. Aber man sieht spä­ter die auf­ge­bahrte Lei­che, gespielt von unse­rem Vor­stand Johan­nes Fuchs, der den kom­plet­ten vier­ten Akt auf der Bühne liegt. Wobei gerade hier durch Slap­stick viele komi­sche Momente ent­ste­hen. Kei­nen Text haben, heißt nicht, nicht spie­len zu müssen.

???: Das Jah­res­ende ist immer auch Zeit des Bilan­zie­rens. Zum 60. Geburts­tag der Badi­schen Lan­des­bühne war das Exil Thea­ter ein­ge­la­den und durfte aus „Gret­chen 89 ff.“ vor­spie­len. Wel­che Bedeu­tung hatte das für den jun­gen Ver­ein?
Wen­del:
Das Thea­ter­fest war durch­aus eine kleine Taufe für uns. Wir wer­den wahr­ge­nom­men und unsere Leis­tung aner­kannt — auch wenn wir keine Kon­kur­renz für die BLB sind. Aber das hat ja auch bei unse­rem Ex-​​Verein, der Koralle, eine Weile gedauert.