14. Januar 2010

Inglourious Basterds

Inglourious BasterdsManch Kri­ti­ker hatte das Regie­ge­nie im unfer­ti­gen „Death Proof“ schon vor die Wand fah­ren sehen; einer der größ­ten Fil­me­ma­cher sei­ner Zeit aus­ge­blu­tet in blin­der Zitier­wut und Gewalt­or­gien. Und was macht Quen­tin Taran­tino? Zieht mit den „Ing­lou­rious Bas­terds“ (Uni­ver­sal Pic­tures), der erklär­ten Anti-„Walküre“, einer jüdi­schen Rachefan­ta­sie, in den Zwei­ten Welt­krieg und voll­führt einen dia­log­ge­wal­ti­gen Befrei­ungs­schlag, bei dem die Nazis nicht nur pop­kul­tu­rell aus­ge­schlach­tet werden.

Taran­ti­nos sieb­ter Kino­film ist ein vier­spra­chi­ger Bas­tard fern jeden Rein­heits­ge­bots: ein Spaghetti-​​Western-​​Revenge-​​Kriegs-​​Movie. Und der 20-​​minütige Dia­log straft gleich zu Beginn des ers­ten Kapi­tels alle Schwarz­ma­ler Lügen. Mit Ennio-​​Morricone-​​Musik und der auf „Spiel mir das Lied vom Tod“ zie­len­den Zeile „Once Upon A Time in Nazi-​​Occupied France“ lässt Taran­tino am Hori­zont hin­term strah­lend wei­ßen Laken das braune Unheil her­an­fah­ren. Auf­tritt Chris­toph Waltz.

„Es war ein­mal im Nazi-​​besetzten Frankreich“

Der Öster­rei­cher ist als Spe­zia­list für ver­schla­gene Cha­rak­tere bekannt; aber die Rolle des Juden­jä­gers Hans Landa wird er in den kom­men­den 154 Minu­ten mit der­art dia­bo­li­schem Genuss schau­spie­lern, dass es ihm zur Parade gereicht. Es ist diese lau­ernde Bru­ta­li­tät, die schlag­ar­tig auf­zieht, sobald Waltz die Bild­flä­che betritt. Er bekommt von allen Dar­stel­lern nicht nur die meiste Lein­wand­zeit, son­dern oben­drein den Dar­stel­ler­preis der 62. Film­fest­spiele von Can­nes, einen „Gol­den Globe“ als „Bes­ter Neben­dar­stel­ler“ und den deut­schen Medi­en­preis „Bambi“ in der Kate­go­rie „Film Inter­na­tio­nal“. Der „Oscar“ muss folgen.

Es war also ein­mal im Nazi-​​besetzten Frank­reich… Wäh­rend Landa den fran­zö­si­schen Bau­ern LaPa­dite (Denis Meno­chet) ver­hört, der im Ver­dacht steht, Staats­feinde zu ver­ste­cken, gibt sich der welt­män­ni­sche SS-​​Mann freundlich-​​jovial; doch bald ist klar, dass er es mit hin­ter­häl­ti­ger Berech­nung gera­dezu genießt, sein Vor­wis­sen aus­zu­spie­len und nur auf den rech­ten Moment war­tet, um die lei­dige Mas­ke­rade fal­len zu las­sen und sein wah­res grau­sa­mes Gesicht zu zeigen.

Und das tut er auch, lässt Maschi­nen­ge­wehr­sal­ven durch die Die­len feu­ern, auf dass das ver­meint­lich sichere Ver­steck für die jüdi­sche Fami­lie dar­un­ter zur Todes­falle wird. Eine der Drey­fu­sens kann dem Detek­tiv ent­kom­men: Sho­sanna (Méla­nie Lau­rent). Aber er wird sie wie­der­se­hen — als Femme Fatale, die sich ihm und den sei­nen zum feu­ri­gen Finale im flam­men­ro­ten Kleid als rach­süch­ti­ger Engel offenbart.

Doch vor­her ler­nen wir in Kapi­tel zwei die titel­ge­ben­den Bas­terds ken­nen, „Einen Hau­fen ver­we­ge­ner Hunde“, die sich Taran­tino aus Enzo Cas­tel­la­ris etwas anders buch­sta­bier­tem 78er B-​​Movie „Ing­lo­rious Bas­tards“ („Quel Male­detto Treno Blin­dato“) mit Rai­mund Harm­storf, Bo Sven­son und Fred Wil­liam­son ent­lie­hen hat (und weil das, was er macht keine Remakes, son­dern Hom­ma­gen sind, spen­diert er dem Ita­lie­ner im letz­ten Kapi­tel einen kur­zen Auf­tritt). Die Spe­zi­al­ein­heit jüdisch-​​amerikanischer Sol­da­ten steht unter dem Befehl von Lt. Aldo Raine und Brad Pitt muss für sei­nen Part des über­bis­si­gen Süd­staat­lers noch hef­ti­ger gri­mas­sie­ren als in „Burn After Rea­ding“.

Kunst der Kon­ver­sa­tion statt exem­pla­ri­scher Gewaltdarstellung

Zusam­men mit sei­ner Truppe um den gefürch­te­ten „Bären­ju­den“ (Eli Roth) — einem Ber­ser­ker, der Nazis mit dem Base­ball­schlä­ger zu Brei klumpt — und die bei­den Über­läu­fer Hugo Stiglitz (Til Schwei­ger) und Wil­helm Wicki (Gedeon Burk­hard) ist er auf der Jagd nach Nazis­kalps. Und ihrem Häupt­ling. Diese Chance kommt, als Hit­ler (Mar­tin Wuttke, der seit sei­nem „Arturo Ui“ am Ber­li­ner Ensem­ble weiß, wie man eine präch­tige Führer-​​Parodie ablie­fert), Goeb­bels (Syl­ves­ter Groth) und der Rest des bis zur Kari­ka­tur ver­zerr­ten Ober­kom­man­dos an der Kino­pre­miere eines Pro­pa­gan­da­st­rei­fens teil­neh­men, in dem der „Stolz der Nation“ Fredrick Zol­ler (Daniel Brühl) nach­stellt, wie er zum Wehr­machts­hel­den wurde. Was die Bas­terds auf ihrer „Ope­ra­tion Kino“ nicht wis­sen: Das Licht­spiel­thea­ter gehört Emma­nu­elle Mimieux aka Sho­sanna Drey­fus und nach deren Wil­len soll die Vor­stel­lung für die Mör­der ihrer Fami­lie zum Fanal werden.

Das Gesche­hen baut Taran­tino auf wie ein klas­si­sches Drama; er ver­teilt es auf fünf Kapi­tel. Trotz sei­ner lan­gen Lauf­zeit bie­tet er darin im Grunde nichts wei­ter als fünf Sze­nen. Und jede ein­zelne ist ob ihrer Dia­loge und der Dar­stel­ler ein für sich ste­hen­des Kabi­nett­stück­chen, das man spie­lend auch auf die Bühne stel­len könnte. Sein ein­dring­lichs­tes Stil­mit­tel ist dabei aber eben nicht die exem­pla­ri­sche Gewalt­dar­stel­lung; auch wenn er das Skal­pie­ren und Schnit­zen von Haken­kreu­zen (die übri­gens vor­sichts­hal­ber aus allen Wer­be­mit­teln und Covern ent­fernt wur­den) in Sol­da­ten­ge­stirne ebenso wie den Tyran­nen­mord, als Maschi­nen­ge­wehr­sal­ven Hit­lers Ant­litz bis zur Unkennt­lich­keit zer­fet­zen, durch­aus dras­tisch ins Bild nimmt. Auch die sich sonst so in den Vor­der­grund spie­lende Musik setzt er dies­mal auf­fal­lend zurück­hal­tend ein.

Geschichts­re­vi­sion im Kino durch das Kino

Im Mit­tel­punkt steht der mes­ser­scharfe Dia­log. Der war frei­lich auch in Taran­ti­nos frü­he­ren Wer­ken immer von star­kem Reiz, aber mit den „Bas­terds“ bringt er diese Kunst der Kon­ver­sa­tion zur Voll­en­dung. Seine dia­lo­gi­sche Detail­be­ses­sen­heit gip­felt schließ­lich im peni­blen Sezie­ren eines Stück­chens Apfel­stru­del; und sogar mit solch einer süßen Bana­li­tät baut er Span­nung auf in einem Umfeld, wo jedes fal­sche Wort das Leben kos­ten kann. In Eng­lisch, Deutsch, Fran­zö­sisch und Ita­lie­nisch par­liert der Film.

Des­halb ver­bie­tet es sich eigent­lich „Ing­lou­rious Bas­terds“ in sei­ner syn­chro­ni­sier­ten, alles ver­wi­schen­den Ein­heits­ver­sion zu schauen. Es wird auch so genü­gend Deutsch gere­det: Gleich 45 Schau­spie­ler aus Ger­many hat Taran­tino enga­giert, dar­un­ter August Diehl als ver­schla­ge­nen Sturm­bann­füh­rer und Diane Krü­ger als Film­diva Bridget von Ham­mers­mark, Ken Duken, Vol­ker „Zack“ Micha­low­ski, Chris­tian Ber­kel oder Lud­ger Pis­tor. Und Ärzte-​​Trommler Bela B. ist in einem Cameo-​​Auftritt als Platz­an­wei­ser in Sho­san­nas Kino zu sehen.

„Sieht so aus, als hätte ich eben mein Meis­ter­werk vollbracht“

Es ist über­haupt eine sehr cine­phile Welt, in der die Regis­seure Georg Wil­helm Pabst und Leni Rie­fen­stahl ebenso wür­dige Erwäh­nung fin­den wie das Berg­film­drama „Die weiße Hölle vom Piz Palü“, an dem sie beide betei­ligt waren. Dazu kom­men schein­bar bei­läu­fig ein­ge­wor­fene Refe­ren­zen ans Film­schaf­fen im Drit­ten Reich, Truf­fauts „Letzte Metro“, die „Winnetou“-Reihe und Edgar-​​Wallace-​​Krimis. Ob Taran­tino mit dem Mexican-​​Standoff den Italo-​​Western wür­digt oder sich selbst, ist inzwi­schen aller­dings nicht mehr so ganz ein­deu­tig festzustellen.

Und nach­dem der letzte Nazi mit Hakenkreuz-​​Stirnschnitzerei gebrand­markt ist, dürfte der Regis­seur hin­ter sei­ner Linse die Lip­pen mit­be­wegt haben, wäh­rend er Brad Pitt die viel­sa­gen­den Worte spre­chen lässt: „Sieht so aus, als hätte ich eben mein Meis­ter­werk vollbracht.“