Engel mit schmutzigen FlügelnMit nack­ter Haut hatte Auto­ren­fil­mer Roland Reber noch nie Berüh­rungs­ängste. In sei­nem neuen Werk „Engel mit schmut­zi­gen Flü­geln“ zeigt Ex-​​ARD-​​Nonne Jenny alias Mit­pro­du­zen­tin Antje Nikola Mön­ning sogar ihr Aller­hei­ligs­tes. Doch diese Hymne auf die Unmo­ral ist für mehr gut als schnöde Titel­sto­rys in der „Bild“.

Gesun­gen wird sie von sei­nem unge­flü­gel­ten Trio Michaela (Mira Gitt­ner), Gabriela (Marina Anna Eich) und Lucy (Mön­ning), die auf ihren Motor­rä­dern die Lande durch­strei­fen, um Lust und Las­ter zu leben. Denn Gott hat die Engel mit sei­nen Gebo­ten sprich­wört­lich zu Tode gelang­weilt; die Über­le­ben­den sind geflo­hen, haben sich nun unter die Men­schen gemischt und sün­di­gen auf Erden ohne Reue. Die hem­mungs­lose Lucy ist durch und durch see­len­geil, defi­niert sich ein­zig über Sex — „Ich ficke, also bin ich“.

Und der Moment, in dem sie wirk­lich lebt und das Leben nicht nur nach­ahmt, ist im Orgas­mus, von denen es über 86 Minu­ten so man­chen hef­ti­gen gibt und die alle­samt nicht gespielt gewe­sen sein sol­len. Lucy ver­kehrt aller­dings unter dem mora­li­schen Deck­man­tel von „Ich habe mich ver­liebt“. Dass sie dabei den Män­nern etwas vor­macht, ist für ihre bei­den Beglei­te­rin­nen nicht das Pro­blem. Sie betrügt sich selbst. Und diese Ver­lo­gen­heit wol­len ihr die Erz­en­gel Michaela und Gabriela aus­trei­ben. Damit sie end­lich erkennt, wer sie ist: näm­lich eine geile, hab­gie­rige Schlampe.

Selbst­fin­dungs­trip oder Soft­porno? Femi­nis­ti­sches Pam­phlet oder Alt­her­ren­fan­ta­sie? Weib­li­che Selbst­be­stim­mung oder männ­li­che Selbst­ver­leum­dung? „Ich kenn alles bis auf Punkt und Strich, nur eines nicht, das bin ich, ich, ich“, lässt Reber seine Engel immer wie­der pos­tu­lie­ren. Ein ganz wesent­li­cher Drei­zei­ler in sei­nem ero­ti­schen Drama, das jeden mit der Frage nach der eige­nen Inte­gri­tät kon­fron­tiert und schließ­lich bei allem ehr­lich vor­ge­leb­ten Ego­is­mus befin­det: „Ohne Liebe sind wir leere Hül­len in einer lee­ren Welt.“

Dass Reber aus dem Theater-​​Universum stammt, wird wie­der an lan­gen Ein­stel­lun­gen, ruhi­gen Schnit­ten und den phi­lo­so­phie­ren­den Dia­lo­gen erkenn­bar. Und wäh­rend Hol­ly­wood seine Frauen beim Lie­bes­akt völ­lig welt­fremd in Büs­ten­hal­ter und Bett­de­cken dra­piert, scheut sich Deutsch­lands Enfant Ter­ri­ble unter den Regis­seu­ren nicht, Ross und Rei­ter zu zei­gen: Ob’s auch ohne den (kul­ti­gen!) gehörn­ten Helm noch als Kunst­film durch­geht, wenn die aparte Mön­ning ihre gespreizte Vagina in die Kamera streckt, bevor sie mit allen greif­ba­ren Män­nern schläft und sich bei Blow– und Hand­jobs aus­tobt, ist eine dop­pelt dop­pel­mo­ra­li­sche Frage.

Natür­lich zum Ers­ten, weil sich man­cher „Um Him­mels Willen“-Zuschauer schein­hei­ligst über diese Frei­zü­gig­keit echauf­fie­ren wird. Dem hält der Film ent­ge­gen: „Schmutz ist Leben.“ Aber wie rein ist das Gewis­sen der Macher? Sind sie inte­ger? Ist das Kunst oder Kal­kül oder Kunst des Kal­küls? So viel mediale Auf­merk­sam­keit wie über elf Geschich­ten in der „Bild“ und ein „Penthouse“-Fotoshooting, zu begut­ach­ten in der Aus­gabe vom 11. März, dürfte sich ander­wei­tig jeden­falls kaum her­stel­len las­sen. Aber Reber und seine auch beim drit­ten Kino­pro­jekt (nach „24/​7 — The Pas­sion Of Life“ und „Mein Traum oder die Ein­sam­keit ist nie allein“) wie­der ohne einen För­der­cent pro­du­zie­rende WTP–Crew waren immer gerne streit­bar. Ihre Engel wis­sen sowieso längst: „Wer gefal­len will, ist schon gefallen.“