25. März 2010
Lost — Die komplette fünfte Staffel
Für zahllose Serienjunkies weltweit ist die Geschichte über die abgestürzten Passagiere von Oceanic-Flug 815 seit sechs Jahren die Konstante. Und während sich im Pay-TV bereits unwiderruflich der Anfang vom Ende abzeichnet, gibt’s die fünfte Staffel auf DVD und Blu-ray (Walt Disney Studios Home Entertainment).
Wie keine Serie zuvor hat das 2004 als klassisches Robinson-Adventure gestartete „Lost“ eine Anziehungskraft entwickelt, die vom groß angelegten Inseldrama zum Mystery-Epos voll unerklärlicher paranormaler Phänomene ausgeweitet, immer noch alles und jeden in seinen Bann zieht — selbst den „Golden Globe“ und die „Emmys“, einer davon als „Beste Dramaserie“ 2005 — und das trotz der jüngsten Vorwürfe, man nötige der immer absurder werdenden Angelegenheit künstliche Längen ab.
T-Shirt-Sprüche wie „Sag mir nicht, was ich nicht tun kann!“ oder „Wenn wir nicht zusammen leben können, sterben wir allein“ sind mit Gänsehaut-Feeling belegt; „Lost“ kultivierte den „Dude“ und den „Brother“, die Community brachte Ausdrücke wie „Spoilern“ in den deutschen Sprachgebrauch und ist auch sonst extrem lebendig. Doch je weiter die Macher ins Mysteriöse eintauchten, desto tiefer sanken auch die Quoten, so dass Prosieben den Serien-Hit mittlerweile an Kabel eins abgedrückt hat. Denn der Ansatz, eine nicht nur zusammenhängende, sondern engmaschig verflochtene Geschichte über sechs Staffeln zu erzählen, sperrt Gelegenheitsgucker aus. Und wer nicht Monate auf die deutsche Fernsehausstrahlung warten möchte, hat schon lange vor iTunes Online-Quellen angezapft, um an die fantastische ABC-Produktion zukommen; TV, das ganz nach Kino schmeckt!
Die Schicksalsgemeinschaft wird getrennt
„Previously On Lost“: Vier Staffeln durften die Losties also ihre Insel erkunden, die Zahlen eintippen, um die Welt vor dem Untergang zu bewahren und sich zwischen Strand und Dschungel mit den bereits vor ihnen hier in ungeahnter Zivilisation und nicht für möglich gehaltenem Komfort lebenden Anderen herumschlagen, die ihrerseits mit der Dharma-Initiative im Dauerclinch lagen. Dann bekamen sie Besuch von einem Frachter, voll von Militär und Wissenschaftlern, geschickt vom mächtigen Ex-Inselherrscher Charles Widmore (Alan Dale).
Um zu verhindern, dass das Eiland wieder in dessen Hände fällt, hat der Anführer der Anderen, Benjamin Linus (Michael Emerson), zum Staffelfinale die Insel bewegt und so ist es Jack Shephard (Matthew Fox), Hugo „Hurley“ Reyes (Jorge Garcia), Sayid Jarrah (Naveen Andrews), Sun-Hwa Kwon (Yoon-Jin Kim), Kate Austen (Evangeline Lilly) und „ihrem“ kleinen Aaron Littleton gelungen, nach Hause zurückzukehren, wo sie als Oceanic Six tragische Berühmtheit erlangten — jedoch kein Wort über die Zurückgebliebenen verloren, um sie zu schützen.
John Locke ist Jeremy Bentham und der ist mausetot, wie uns der letzte Schwenk über den Sargdeckel in der wegen des US-Autorenstreiks auf lächerliche 14 Folgen zusammengeschrumpften vierten Staffel zurück ließ. Mit Einsetzen der Flashforwards konnte man bereits sehen, dass es ein Teil der Schicksalsgemeinschaft zurückschaffen würde — auch wenn diese süchtigmachende Serie somit ein wenig ihres klaustrophobischen Grundflairs des Verschollenen verloren hat. Zumindest diese Ungewissheit ist gewichen.
Nun teilt sich die Handlung vorläufig in zwei Stränge: Die auf der Insel verbliebenen James „Sawyer“ Ford (Josh Holloway), Juliet Burke (Elizabeth Mitchell), der die Frachterdetonation überlebende Jin-Soo Kwon (Daniel Dae Kim), John Locke (Terry O’Quinn), Charlotte Lewis (Rebecca Mader), Miles Straume (Ken Leung) und Daniel Faraday (Jeremy Davies) beginnen unkontrolliert durch die Zeit zu springen (oder bewegt sich doch die Insel durch die Zeiten?), um im Jahr 1974 hängenzubleiben — zur Hochzeit der Dharma-Initiative. Währenddessen versucht der heimwärts teleportierte Ben mit einem völlig verratzten Jack im Berberbart nach drei Jahren in der Gegenwart die Mission „We Have To Go Back!“ zu vollziehen. Es gilt, den Vorfall zu verhindern.
Sechs Staffeln Wildschweinjagd auf Hawaii und ein Häuflein Gestrandeter mit Schweißflecken an Achseln und Oberkörper, die immerzu „Jack!“ und „What?“ rufen, wäre auf die Dauer natürlich auch reichlich öde geworden. Mit immer neuen Storytwists hielt die TV-Show bei Laune. Nun ist es also der Kunstgriff des Zeitreisens und damit die nicht unspannende Idee, die Delete-Taste des Lebens zu drücken, um nochmal von vorn zu beginnen. Dieses Inselhopping stößt die Serie vollends und unwiderruflich ins Mystery-Genre. Ereignisse aus der Vergangenheit — bekannte (etwa wie Danielle Rousseau und ihre Franzosenequipe auf die Insel kamen und welches Schicksal ihnen dort widerfuhr) und bislang unbekannte („Die Bombe“) — hätten die Macher auch locker mit ihren bisherigen Erzählstilmitteln zentrieren können.
Und da die eine Staffelhälfte andauernden Zeitsprünge über die zwei Handlungsstränge hinweg auch noch mit den bekannten Flashbacks kombiniert werden, fragen sich nicht nur die Insulaner recht bald verwirrt: „When The Hell Are We?“ Die Folge „La Fleur“ wendet das Blatt zum Guten und mit dem vorübergehenden Einzug in Dharma-Ville gewinnt man nicht nur den Charakteren wieder mal vollkommen unerwartete Facetten ab.
Es ist Zeit, die Antworten aus dem Hut zu zaubern
Aber wohin geht die Reise schließlich und endlich, nachdem wir uns über 103 Folgen respektive 4.300 Minuten auf Eisbären und Rauchmonster, Auferstandene und Unsterbliche eingelassen haben — im lange Zeit blinden Vertrauen, zur angebrochenen Final Season aller Rätsel Lösung plausibel serviert zu bekommen? Wir haben es stoisch hingenommen wie Desmond Hume, der ohne nachzufragen alle 108 Minuten artig seine Taste drückte. Doch ist es an der Zeit, die elementaren Antworten aus dem Hut zu zaubern.
Was bedeutet die Zahlenkombination 4–8-15–16-23–42? Wer oder was ist das Rauchmonster? Wer der Mann hinter dem Vorhang? Jacob? Der Man In Black? Wer triumphiert — alles bestimmendes Schicksal oder freier Wille? Glaube oder Wissenschaft? Schwarz oder Weiß? Und wer bekommt am Ende Kate? Sawyer oder doch Jack? Es ist an Damon Lindelof, Carlton Cuse und J.J. Abrams, in der Final Season die passenden Variablen einzusetzen, wenn nach Episode 17 der letzte „Lost“-Staffel-Cliffhanger mit Knalleffekt hochgeht. Wir sind noch nicht fertig mit der Insel.
