Lost - Die komplette fünfte StaffelFür zahl­lose Seri­en­jun­kies welt­weit ist die Geschichte über die abge­stürz­ten Pas­sa­giere von Oceanic-​​Flug 815 seit sechs Jah­ren die Kon­stante. Und wäh­rend sich im Pay-​​TV bereits unwi­der­ruf­lich der Anfang vom Ende abzeich­net, gibt’s die fünfte Staf­fel auf DVD und Blu-​​ray (Walt Dis­ney Stu­dios Home Enter­tain­ment).

Wie keine Serie zuvor hat das 2004 als klas­si­sches Robinson-​​Adventure gestar­tete „Lost“ eine Anzie­hungs­kraft ent­wi­ckelt, die vom groß ange­leg­ten Insel­drama zum Mystery-​​Epos voll uner­klär­li­cher paranor­ma­ler Phä­no­mene aus­ge­wei­tet, immer noch alles und jeden in sei­nen Bann zieht — selbst den „Gol­den Globe“ und die „Emmys“, einer davon als „Beste Dra­ma­se­rie“ 2005 — und das trotz der jüngs­ten Vor­würfe, man nötige der immer absur­der wer­den­den Ange­le­gen­heit künst­li­che Län­gen ab.

T-​​Shirt-​​Sprüche wie „Sag mir nicht, was ich nicht tun kann!“ oder „Wenn wir nicht zusam­men leben kön­nen, ster­ben wir allein“ sind mit Gänsehaut-​​Feeling belegt; „Lost“ kul­ti­vierte den „Dude“ und den „Bro­ther“, die Com­mu­nity brachte Aus­drü­cke wie „Spoi­lern“ in den deut­schen Sprach­ge­brauch und ist auch sonst extrem leben­dig. Doch je wei­ter die Macher ins Mys­te­riöse ein­tauch­ten, desto tie­fer san­ken auch die Quo­ten, so dass Pro­sie­ben den Serien-​​Hit mitt­ler­weile an Kabel eins abge­drückt hat. Denn der Ansatz, eine nicht nur zusam­men­hän­gende, son­dern eng­ma­schig ver­floch­tene Geschichte über sechs Staf­feln zu erzäh­len, sperrt Gele­gen­heits­gu­cker aus. Und wer nicht Monate auf die deut­sche Fern­sehaus­strah­lung war­ten möchte, hat schon lange vor iTu­nes Online-​​Quellen ange­zapft, um an die fan­tas­ti­sche ABC-​​Produktion zukom­men; TV, das ganz nach Kino schmeckt!

Die Schick­sals­ge­mein­schaft wird getrennt

„Pre­viously On Lost“: Vier Staf­feln durf­ten die Los­ties also ihre Insel erkun­den, die Zah­len ein­tip­pen, um die Welt vor dem Unter­gang zu bewah­ren und sich zwi­schen Strand und Dschun­gel mit den bereits vor ihnen hier in unge­ahn­ter Zivi­li­sa­tion und nicht für mög­lich gehal­te­nem Kom­fort leben­den Ande­ren her­um­schla­gen, die ihrer­seits mit der Dharma-​​Initiative im Dau­er­clinch lagen. Dann beka­men sie Besuch von einem Frach­ter, voll von Mili­tär und Wis­sen­schaft­lern, geschickt vom mäch­ti­gen Ex-​​Inselherrscher Charles Wid­more (Alan Dale).

Um zu ver­hin­dern, dass das Eiland wie­der in des­sen Hände fällt, hat der Anfüh­rer der Ande­ren, Ben­ja­min Linus (Michael Emer­son), zum Staf­fel­fi­nale die Insel bewegt und so ist es Jack She­phard (Matthew Fox), Hugo „Hur­ley“ Reyes (Jorge Gar­cia), Sayid Jar­rah (Naveen And­rews), Sun-​​Hwa Kwon (Yoon-​​Jin Kim), Kate Aus­ten (Evan­ge­line Lilly) und „ihrem“ klei­nen Aaron Litt­le­ton gelun­gen, nach Hause zurück­zu­keh­ren, wo sie als Ocea­nic Six tra­gi­sche Berühmt­heit erlang­ten — jedoch kein Wort über die Zurück­ge­blie­be­nen ver­lo­ren, um sie zu schützen.

John Locke ist Jeremy Bent­ham und der ist mau­se­tot, wie uns der letzte Schwenk über den Sarg­de­ckel in der wegen des US-​​Autorenstreiks auf lächer­li­che 14 Fol­gen zusam­men­ge­schrumpf­ten vier­ten Staf­fel zurück ließ. Mit Ein­set­zen der Flash­for­wards konnte man bereits sehen, dass es ein Teil der Schick­sals­ge­mein­schaft zurück­schaf­fen würde — auch wenn diese süch­tig­ma­chende Serie somit ein wenig ihres klaus­tro­pho­bi­schen Grund­flairs des Ver­schol­le­nen ver­lo­ren hat. Zumin­dest diese Unge­wiss­heit ist gewichen.

Nun teilt sich die Hand­lung vor­läu­fig in zwei Stränge: Die auf der Insel ver­blie­be­nen James „Sawyer“ Ford (Josh Hol­lo­way), Juliet Burke (Eliza­beth Mit­chell), der die Frach­ter­de­to­na­tion über­le­bende Jin-​​Soo Kwon (Daniel Dae Kim), John Locke (Terry O’Quinn), Char­lotte Lewis (Rebecca Mader), Miles Straume (Ken Leung) und Daniel Fara­day (Jeremy Davies) begin­nen unkon­trol­liert durch die Zeit zu sprin­gen (oder bewegt sich doch die Insel durch die Zei­ten?), um im Jahr 1974 hän­gen­zu­blei­ben — zur Hoch­zeit der Dharma-​​Initiative. Wäh­rend­des­sen ver­sucht der heim­wärts tele­por­tierte Ben mit einem völ­lig ver­ratz­ten Jack im Ber­ber­b­art nach drei Jah­ren in der Gegen­wart die Mis­sion „We Have To Go Back!“ zu voll­zie­hen. Es gilt, den Vor­fall zu verhindern.

Sechs Staf­feln Wild­schwein­jagd auf Hawaii und ein Häuf­lein Gestran­de­ter mit Schweiß­fle­cken an Ach­seln und Ober­kör­per, die immerzu „Jack!“ und „What?“ rufen, wäre auf die Dauer natür­lich auch reich­lich öde gewor­den. Mit immer neuen Sto­ryt­wists hielt die TV-​​Show bei Laune. Nun ist es also der Kunst­griff des Zeit­rei­sens und damit die nicht unspan­nende Idee, die Delete-​​Taste des Lebens zu drü­cken, um noch­mal von vorn zu begin­nen. Die­ses Inselhop­ping stößt die Serie voll­ends und unwi­der­ruf­lich ins Mystery-​​Genre. Ereig­nisse aus der Ver­gan­gen­heit — bekannte (etwa wie Dani­elle Rous­seau und ihre Fran­zo­sene­quipe auf die Insel kamen und wel­ches Schick­sal ihnen dort wider­fuhr) und bis­lang unbe­kannte („Die Bombe“) — hät­ten die Macher auch locker mit ihren bis­he­ri­gen Erzähl­stil­mit­teln zen­trie­ren können.

Und da die eine Staf­fel­hälfte andau­ern­den Zeit­sprünge über die zwei Hand­lungs­stränge hin­weg auch noch mit den bekann­ten Flash­backs kom­bi­niert wer­den, fra­gen sich nicht nur die Insu­la­ner recht bald ver­wirrt: „When The Hell Are We?“ Die Folge „La Fleur“ wen­det das Blatt zum Guten und mit dem vor­über­ge­hen­den Ein­zug in Dharma-​​Ville gewinnt man nicht nur den Cha­rak­te­ren wie­der mal voll­kom­men uner­war­tete Facet­ten ab.

Es ist Zeit, die Ant­wor­ten aus dem Hut zu zaubern

Aber wohin geht die Reise schließ­lich und end­lich, nach­dem wir uns über 103 Fol­gen respek­tive 4.300 Minu­ten auf Eis­bä­ren und Rauch­mons­ter, Auf­er­stan­dene und Unsterb­li­che ein­ge­las­sen haben — im lange Zeit blin­den Ver­trauen, zur ange­bro­che­nen Final Sea­son aller Rät­sel Lösung plau­si­bel ser­viert zu bekom­men? Wir haben es sto­isch hin­ge­nom­men wie Des­mond Hume, der ohne nach­zu­fra­gen alle 108 Minu­ten artig seine Taste drückte. Doch ist es an der Zeit, die ele­men­ta­ren Ant­wor­ten aus dem Hut zu zaubern.

Was bedeu­tet die Zah­len­kom­bi­na­tion 4–8-15–16-23–42? Wer oder was ist das Rauch­mons­ter? Wer der Mann hin­ter dem Vor­hang? Jacob? Der Man In Black? Wer tri­um­phiert — alles bestim­men­des Schick­sal oder freier Wille? Glaube oder Wis­sen­schaft? Schwarz oder Weiß? Und wer bekommt am Ende Kate? Sawyer oder doch Jack? Es ist an Damon Lin­delof, Carl­ton Cuse und J.J. Abrams, in der Final Sea­son die pas­sen­den Varia­blen ein­zu­set­zen, wenn nach Epi­sode 17 der letzte „Lost“-Staffel-Cliffhanger mit Knall­ef­fekt hoch­geht. Wir sind noch nicht fer­tig mit der Insel.