15. April 2010

Küss den Frosch

Küss den FroschDass Dis­ney end­lich wie­der Dis­ney sein darf, ist aus­ge­rech­net Pixar zu ver­dan­ken. Genauer gesagt John Las­se­ter, der mit sei­nen Fil­men den ohne­hin schwä­cheln­den Pio­nie­ren 2004 einen Gna­den­stoß ver­setzte. Seit Auf­kauf des Stu­dios ist er Lei­ter der Ani­ma­ti­ons­ab­tei­lung im Haus der Maus, das 72 Jahre nach dem ers­ten abend­fül­len­den Trick­film „Schnee­witt­chen“ mit „Küss den Frosch“ (Walt Dis­ney Home Enter­tain­ment) zur Tra­di­tion des hand­ge­zeich­ne­ten 2D-​​Schaffens zurückkehrt.

Die spä­ten 90er und frü­hen Nul­ler­jahre waren keine leichte Zeit für die Dis­ney Ani­ma­tion Stu­dios. Nach „Der König der Löwen“ konnte es im Grunde nur noch schlech­ter wer­den. Dann kam „Die Schöne und das Biest“. Und es wurde schlech­ter: Mit „Poca­hon­tas“, „Der Glöck­ner von Notre Dame“, „Her­cu­les“, „Mulan“ und „Tar­zan“ schwang man sich suk­zes­sive nach unten. „Atlan­tis“ und „Der Schatz­pla­net“ bedeu­te­ten 2002 schließ­lich den Unter­gang: Nach „Die Kühe sind los“ wurde die Ära des klas­si­schen Zei­chen­trick­films für been­det erklärt, die ent­spre­chen­den Abtei­lun­gen — Aus­gangs­punkt und Herz des Kon­zerns, ver­ant­wort­lich für Meis­ter­werke wie „Fan­ta­sia“, „Dschun­gel­buch“, „Dumbo“, „Alice im Wun­der­land“, „Susi und Strolch“ oder „Ber­nard und Bianca“ — geschlossen.

Die erste schwarze Prin­zes­sin im Disney-​​Imperium

Die Über­nahme der Pixar Ani­ma­tion Stu­dios bedeu­tete 2007 dann nicht weni­ger als die Renais­sance einer Kunst­form. Im Mit­tel­punkt der lose auf E. D. Bak­ers Kin­der­buch „Esme­ralda, Frosch­prin­zes­sin“ und dem Mär­chen vom „Frosch­kö­nig“ auf­set­zen­den Neu­in­ter­pre­ta­tion steht die erste schwarze Prin­zes­sin im Disney-​​Imperium: Tiana (gespro­chen und gesun­gen von Cas­san­dra Steen), Toch­ter aus ein­fachs­ten Ver­hält­nis­sen. Als Schau­platz wählte das bewährte Auto­ren– und Regie­ge­spann von Hits wie „Ari­elle, die Meer­jung­frau“ oder „Alad­din“, John Mus­ker und Ron Cle­ments, das pul­sie­rende New Orleans der Jahr­hun­dert­wende: inmit­ten der Wiege des Jazz, zwi­schen French Quar­ter, Loui­sia­nas Sümp­fen und Schaufelraddampfern.

Mit der Welt der Rei­chen gerät die Schöne nur des­halb in Berüh­rung, weil ihre Mut­ter beim Orts­krö­sus bediens­tet und sie dadurch mit dem ver­wöhn­ten Prin­zes­schen Char­lotte befreun­det ist. Die gerät in ihren flüg­gen Jah­ren völ­lig außer Fas­sung: Der char­mante Par­ty­prinz Naveen (Roger Cicero) besucht die Stadt, begibt sich jedoch in die Fänge des Voodoo-​​Zauberers Dr. Faci­lier. Als Tiana dem Wunsch des fortan qua­ken­den Prin­zen ent­spricht und ihn bus­selt, erlangt die­ser nicht etwa er wie­der seine Men­schen­ge­stalt zurück; sie ist mit einem Mal von Schleim — par­don — Sekret über­zo­gen. Die Story wech­selt in die Froschperspektive.

Dis­ney küsst sich mit dem Gute-​​Laune-​​Musical selbst aus dem Schlaf

Zeit­ge­mäß prä­sen­tiert sich der Film mit sei­nen im typi­schen Disney-​​Stil gehal­te­nen Cha­rak­te­ren — dank Glüh­würm­chen Ray, Alli­ga­tor Louis (Bill Ram­sey) und Mama Odie (Mari­anne Rosen­berg) bis in die Neben­rol­len toll aus­ge­ar­bei­tet — gar nicht mal wegen der far­bi­gen Disney-​​Prinzessin, die den Groß­teil der 98 Minu­ten ohne­hin in kräf­ti­gem Grün ver­brin­gen muss. Kell­ne­rin Tiana ist so beson­ders, weil sie sich eman­zi­piert, nicht von Paläs­ten träumt, son­dern von ihrem eige­nen Restau­rant, das ihr Vater nicht mehr eröff­nen konnte.

Der mit teils wun­der­ba­ren (Jazz-)Stücken daher­groo­vende Sound­track kon­tras­tiert die düs­te­ren, psy­che­de­li­schen Voodoo-​​Szenen und die Stim­men von Steen und Cicero machen den 49. abend­fül­len­den Zei­chen­trick­film der Com­pany end­gül­tig zu einem Gute-​​Laune-​​Musical, mit dem sich Dis­ney selbst aus dem Schlaf küsst. Walt wäre verzückt.