4. Juni 2010
Blumentopf — „Wir“
Sie brachten mit der „Raportage“ 2006 den Flow in die Fußballberichterstattung. Und auch dieser Südafrika-Tage stimmen uns die Freisinger auf den großen Kick ein, an dessen Firmament der vierte Stern steht. Von vorn bis hinten mannschaftlich geschlossen präsentiert sich schon mal das sechste Album vom Topf: „Wir“ (Virgin/EMI).
Nach dem instrumental-kraftlosen Vorgänger wird die neue „Musikmaschine“ überraschend von Schlagzeug– und Gitarrenspiel am Laufen gehalten: rough und kantig, die Blumentopf-Beat-Schemata sind wie immer absolut g’schmeidig, geben sich den Rap aber mit ordentlich Punkattitüde! Dazu kommen wieder Lyrics direkt ausm Bauch und doch ist beim Topf jedes einzelne Wort genau durchdacht.
Statt des gesampelt-gescratchten „Fuck The System“ proklamiert der Opener heuer den „Systemfuck“ — die ultimative Party-People-Uptempo-Kater-Nummer für den Morgen nach dem samstäglichen Absturz mit anschließendem Bluescreen. „Solala“ startet nicht nur wie ein Fanta-Vier-Klon und bei „Nerds“ erklären Cajus, Holunder, Roger, Sepalot und Schu mit viel Selbstironie, warum bei ihnen die dicken Gläser zum Look gehörn.
Ebenfalls herausragend bei dieser absolut zuverlässigen Zusammenstellung: das „Fenster zum Berg“. Selten hat bayerische Blasmusik einen derartigen funky Groove bewiesen wie bei diesem HipHop-Defiliermarsch zwischen Gipfelstürmung, Elternliebe und Mittelmeer. Die Singleauskopplung „Wir“ hat sich mittlerweile auch in Weltmeister-Form als Mitgröhlnummer durchgesetzt und „Super einfach schwierig“ tritt allen Zauderern kräftig in den Arsch.
Doch bei aller musikalischen Frische und dem teils schon ziemlich genialen Wortwitz — so richtig nachhaltig waren die Geschichten der fünf Storyteller bislang noch nicht. Dann kommt die Susi. Mit ihr ziehen Florian Schuster und seine Ya-ha!–Partnerin Janna Wonders wie früher durch die Clubs und erzählen die traurige Mär von der schönen Hülle mit dem kaputten Kern („Sie tanzt die Nächte durch“).
Hängen bleibt nach vier Jahren Vorbereitung (neben Baggy Pant und Baseballkappe) auch ohne Dauertiefgang ein neues „Wir“-Gefühl; und am 1. Oktober startet ja schon wieder der „Bundesvision Song Contest“, bei dem diesmal die Bajuwaren ihr Bundesland vertreten dürfen. Und das ganz sicher auch ohne Manfred mustergültig.
