Astrid BergmannBad Schön­born — Die Beine ange­zo­gen sitzt sie da. Mit blan­kem Busen, die Hände in der Scham ver­sun­ken. Der Blick ver­rät, dass sie Erin­ne­run­gen an ihrem geis­ti­gen Auge vor­über­zie­hen lässt. Nicht anders die Neben­frauen, die ihr wie aus dem Gesicht geschnit­ten sind. An was sie den­ken? Das weiß Astrid Berg­mann am bes­ten. Es sind ihre ero­ti­schen Kreationen.

„Ich habe immer nach einer Mög­lich­keit gesucht, meine Kunst zu ver­viel­fäl­ti­gen“, erzählt Berg­mann. So kam sie zur Tech­nik des Holz­schnitts, der ihr erlaubt, die ein­mal geschaf­fe­nen Figu­ren in immer neue Zusam­men­hänge zu stel­len: Mal sitzt die Frau vor einem geblü­mel­ten Mus­ter, mal ist die Kulisse in Lila-​​Blau-​​Töne getaucht, dann prä­sen­tiert sie schlicht ihre Kon­tu­ren auf wei­ßem Grund und schließ­lich streift sie sich sogar Shirt und Hose über. Wie ein Puz­zle kann Berg­mann die Vor­lage ihres Schwarz­li­ni­en­schnitts zusam­men­set­zen, den Hin­ter­grund ganz indi­vi­du­ell gestal­ten. „Die erha­be­nen Stel­len wer­den ein­ge­färbt und dann mit der Presse oder von Hand auf die Lein­wand gebracht“, erklärt sie. Auch Vlies und Trans­pa­rent­pa­pier kom­men hier­bei alter­na­tiv zum Einsatz.

„Das Archai­sche des Mate­ri­als fas­zi­niert mich“, sagt Berg­mann, den „Sinn und Eigen­sinn“ des Hol­zes beto­nend. Den Umgang eig­nete sie sich wie das Akt­zeich­nen an der Aka­de­mie Stein­feld an. „Das Ergeb­nis lässt sich nie voll­kom­men vor­her­se­hen“, hat sie die Erfah­rung gelehrt und das gilt ins­be­son­dere für ihr neues Expe­ri­men­tier­feld: Sie ver­sucht sich mit Salz­säure, ritzt Metall­plat­ten, bemalt sie und lässt rea­gie­ren. Nach ihren „Kali­for­ni­schen Impres­sio­nen“ mit der Natur als bevor­zug­tem Sujet arbei­tet sie momen­tan mehr figür­lich, bil­det ver­stärkt Frauen ab. „Ich beschäf­tige mich mit ihren viel­fäl­ti­gen Rol­len — gefan­gen, ver­letzt, ver­spielt, als Mut­ter, Geliebte oder Freun­din.“ Bei Astrid Berg­mann selbst kommt neben der Künst­le­rin noch die der Kunst­schul­lei­te­rin dazu: Seit 2005 betreibt sie die Mal­schule Art-​​Werk im Kunst­bahn­hof Bad Schönborn-​​Langenbrücken, wo sie ebenso ihr Ate­lier unter­ge­bracht hat.

„In der Kunst wie in der Mathe­ma­tik gilt es, krea­tiv zu sein“

„Meine Dozen­ten und ich unter­rich­ten inzwi­schen etwa 100 Kin­der, Jugend­li­che und Erwach­sene“, erzählt Berg­mann, die wäh­rend ihres Stu­di­ums in Bonn mehr mit For­meln als mit der Staf­fe­lei zu tun hatte: Aus­ge­rech­net die nur rich­tig oder falsch aner­ken­nende Mathe­ma­tik war ihr Fach der Wahl. Was so gegen­sätz­lich scheint, hängt für Berg­mann aller­dings eng zusam­men: „In der Kunst wie in der Mathe­ma­tik gilt es, krea­tiv zu sein, um die Ecke zu den­ken und neue Ansätze suchen. Und wenn man weiß, woher das Licht kommt, weiß man auch, wohin der Schat­ten fällt.“ Kunst­af­fin war sie damals schon durch ihre Mut­ter Eva-​​Maria Schnez, selbst frei­schaf­fend tätig. Bereits im Teen­ager­al­ter stellte sie erst­mals aus. Den Rest eig­nete sich die gebür­tige Kie­le­rin, die in Bel­gien, Deutsch­land und den USA auf­ge­wach­sen ist und spä­ter meh­rere Jahre in Penn­syl­va­nia und Kali­for­nien lebte, als Auto­di­dak­tin an. „Krea­tiv sein kann man nicht ler­nen, aber es lässt sich trai­nie­ren“, weiß Berg­mann heute.

Bei allem Abs­trak­ten, das ihr Werk durch­zieht, ist da immer auch eine deut­li­che Spur Rea­lis­mus zu ver­neh­men. „Ich habe gerne Zeich­ne­ri­sches drin; es muss Linie haben. Da kommt dann wohl die Mathe­ma­ti­ke­rin in mir zum Vor­schein“, lacht Berg­mann, die mehr von ihrer Kunst ver­langt, als ein­fach nur deko­ra­tiv zu sein. Das gilt auch für die Male­rei, die bei der zwei­ten Auf­lage der Aus­stel­lung „Vor­sicht, Kunst lebt“ am Sams­tag und Sonn­tag, 24. und 25. Juli, in Angel­bach­tal zu sehen sein wird, wo sie sich gemein­sam mit Rolf Dell­muth (Bil­der­ma­cher), Iris Sei­fer­mann (Dru­cke und Objekte), Michael Stad­ter (Skulp­tu­ren) und Jacek Sta­ron (Visu­elle Medien) prä­sen­tiert. Die Damen, die sie dann vor­zeigt, sind aller­dings in Acryl gehal­ten, nicht ganz hül­len­los, aber trotz­dem sexy. „Es ist wie bei den Holz­schnit­ten mehr eine sen­si­ble Ero­tik“, ord­net Berg­mann die Pose ihrer Sinn­lich­keit wie Stärke aus­strah­len­den Zwei-​​mal-​​Zwei-​​Meter-​​Frau ein. Ganz offen­bar sucht hier noch ein Frau­en­bild — par­don: ein Bild von Frau — ganz gerne die Herausforderung.