15. Juli 2010

Zeiten ändern dich

Zeiten ändern dichEin Bio­pic mit Anfang 30 bekommt nicht jeder­mann. Und aus­ge­rech­net Bür­ger­schreck Bushido, in des­sen Welt­bild nur Bit­ches und Mutti exis­tie­ren, durfte unter die Lein­wand­hel­den gehen. Mit der Ver­fil­mung sei­ner Auto­bio­gra­fie „Zei­ten ändern sich“ sucht er den Voll­kon­takt zum Publikum.

Es ist schon ziem­lich erstaun­lich, dass sich Anis Moha­med Fer­chi­chi mit sei­nen homophob-​​frauenfeindlichen Zei­len und dem dar­aus resul­tie­ren­den Image nicht selbst zum Opfer gemacht, son­dern jede Menge Plat­ten ver­kauft und vom „Echo“ bis zum „MTV Europe Music Award“ unzäh­lige Preise ein­sam­melt hat.

Mit sei­ner Auto­bio­gra­fie, die auch dank PR-​​Berater Lars Amend 2008 die Best­sel­ler­lis­ten stürmte, roman­ti­sierte Bushido den prol­li­gen Stra­ßen­gangsta, der 1978 in Bad Godes­berg als Sohn eines Tune­si­ers und einer Deut­schen gebo­ren wurde. Und diese Auf­stei­ger­ge­schichte aus dem „Elec­tro Ghetto“ ver­klä­ren Pro­du­zent Bernd Eichin­ger und Regis­seur Uli Edel mit gro­ßer Beset­zung (Moritz Bleib­treu, Han­ne­lore Els­ner, Uwe Och­sen­knecht, Katja Flint, Mar­tin Sem­mel­rogge) und einem Zitat aus dem Track „Ver­ge­ben und ver­ges­sen“ als Head­line end­gül­tig zum anrüh­ri­gen Musi­ker­mär­chen anstatt eine anstän­dige Milieu­stu­die zu inszenieren.

Zei­ten ändern dich“ (Con­stan­tin Film) star­tet auf dem Zenit von Bushi­dos Kar­riere, der gerade ein gigan­ti­sches Open-​​Air-​​Konzert am Bran­den­bur­ger Tor vor­be­rei­tet. Dort ver­söhnt sich der Rüpel nach spär­li­chen andert­halb Stun­den mit dem ver­hass­ten, gewalt­tä­ti­gen Vater. Dazwi­schen sol­len punk­tu­elle Rück­blen­den — anders als die allen­falls semi­bio­gra­fi­schen „8 Mile“ und „Get Rich Or Die Tryin‘“ mit und über die US-​​Kollegen Emi­nem und 50 Cent — den wah­ren „Weg des Krie­gers“ nachzeichnen.

Schul­ab­bre­cher, Sprayer und Dro­gen­ver­che­cker aus zer­rüt­te­ten Fami­li­en­ver­hält­nis­sen, prü­gelt sich mit Spas­ten, kommt beim Underground-​​Label Hard­core Ber­lin aka Aggro Ber­lin an der Seite von Carlo-​​Cokxxx-​​Nutten-​​Kollabo Fler (der nach der gro­ßen Aus­spra­che sogar selbst mit­ma­chen kann) groß raus, ver­an­stal­tet Gangbangs im Tour­bus, wird schließ­lich zum Geschäfts­füh­rer sei­nes eige­nen Plat­ten­la­bels Ers­gu­t­er­junge, Buch­au­tor und nun also auch Möchtegern-​​Schauspieler.

Herr Bushido, der sich ab einem Alter von Anfang 20 äußer­lich unver­än­dert selbst spielt, sagt aus dem Off stack­sig sei­nen Text auf, deu­tet aber spä­tes­tens beim Abschluss­kon­zert mit sei­nem neun­ten Solo­al­bum samt Karel-​​Gott-​​Feature von „Für immer jung“ an, warum er es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren wirk­lich vom Bord­stein bis zur Sky­line brin­gen konnte.