Bela B Karls­ruhe — Ticke­ting und Sicher­heit sind die gro­ßen Schlag­worte beim „Fest“ 2.0. Wie die in kür­zes­ter Zeit aus­ge­ar­bei­te­ten Kon­zepte auf­ge­hen wür­den, sollte der Sams­tag zei­gen, an dem sich Bela B, die Edi­tors und sechs Mons­ters Of Lie­der­ma­ching ange­sagt hatten.

Bei bes­ter Festival-​​Witterung eröff­net um halb vier die Karls­ru­her Alternative-​​Formation Cen­ter­may das Hauptbühnen-​​Programm und nach den Pop-​​Rockern Stan­four von der Nord­see­in­sel Föhr beschrei­tet Graf Rockula den Hügel-​​Vorhof: Bela B und seine Truppe Los Helm­stedt mar­kie­ren den zwei­ten Teil des Ärzte-​​Vorspiels auf Raten, nach­dem Kol­lege Farin Urlaub mit sei­nem Rac­ing Team bereits im ver­gan­ge­nen Jahr auf dem „Fest“-Programm stand.

Eine Frau­en­band kann der Steh­tromm­ler zwar nicht auf­fah­ren, seine Los Helm­stedts wis­sen aller­dings eine Per­son in ihren Rei­hen, an der „alles lang und län­ger ist“, wie der „Boss“ seine Mit­sän­ge­rin Ina Paule „Babe“ Klink vor­stellt. Die rest­li­che Band muss sich damit begnü­gen, ledig­lich ihren Part hoch­kant auf dem Hemd zu tra­gen: „Bass“, „Gitarre“ und „Drums“ für Holly Bur­nette, Gary Schmalzl und Danny Young. Bela B — neu­er­dings typo­gra­phisch gelif­tet ohne Punkt — hat Gefal­len am Auffallen.

Los­ge­löst von Farin Urlaubs har­mo­nie­se­li­gen Arran­ge­ments legt der Ärzte-​​Vampyrologe einen unter­halt­sa­men Auf­tritt hin, der nun­mal nicht bes­ser sein kann, als das Song­ma­te­rial sei­ner bei­den Solo­al­ben „Bingo“ und „Code B“: Man­ches plät­schert so dahin zwi­schen den Midtempo-​​Nummern „Geburts­tags­leid“ und „In die­sem Leben nicht“, zwi­schen „Schwarz/​Weiss“, „Nin­ja­ba­by­po­w­pow“, dem coun­tryes­ken „Der Vam­pir mit dem Colt“, „Altes Arsch­loch Liebe“ und der „Traum­frau“ im Rockabilly-​​Stil, beglei­tet vom roten Kon­tra­bass und Rem­pel­tän­zen. Dank­bar ange­nom­men sind da die Fin­ger­übun­gen mit Bela bei „1.2.3.“ und der Band-​​Bananeness-​​Contest zum Vor­spiel des Punk­songs „Als wir unsterb­lich waren“.

Die kon­trol­lier­ten Gefühls­wel­ten der Editors

Schon jetzt ist die Klotze auf bei­den Sei­ten — im kos­ten­pflich­ti­gen Hügel– wie im kos­ten­lo­sen Sport– und Fami­li­en­be­reich — ordent­lich gefüllt; das Wan­deln zwi­schen den Wel­ten geht trotz Men­schen­an­samm­lung vor den Scan­nern eini­ger­ma­ßen flott von­stat­ten. Denn die zieht es nun vor die Haupt­bühne: Die Wave-​​Epigonen Edi­tors aus Bir­ming­ham set­zen sich schließ­lich nicht alle Tage mit „No Sound But The Wind“ in Karls­ruhe ans Piano. Die Bariton-​​Stimme streift Tod, Krank­heit und Ver­lust, die Texte eine Melange aus Melan­cho­lie, Ver­zweif­lung, Angst und Wut — dabei behält der Sound der Edi­tors immer die Ober­hand über die Gefühls­wel­ten: Kon­trolle, kein Ausbruch.

Betont düs­ter star­ten die stu­dier­ten Musi­ker Tom Smith (Gesang und Gitarre), Chris Urba­no­wicz (Gitarre), Rus­sell Leetch (Bass) und Ed Lay (Schlag­zeug) mit Songs aus ihrem viel gelob­ten Debüt „The Back Room“ und dem Zweit­werk „An End Has A Start“ in den Abend. Inter­pol, R.E.M oder Joy Divi­sion — die Edi­tors ver­ste­hen ihre Refe­renz­bands als Bezug und nicht als Vor­lage; neu­er­dings mit zurück­ge­nom­me­nen Gitar­ren und Synthie-​​Sprengseln klin­gen sie auf „In This Light And On This Eve­ning“ auch nach New Order oder Depe­che Mode und so gestal­tet sich die zweite Kon­zert­hälfte wesent­lich leich­ter zugäng­lich und Kom­po­si­tio­nen wie „Papil­lon“ geben Gele­gen­heit, die Ehr­furcht aus den Glie­dern zu schütteln.

Sitzpogo-​​Party auf Mount Klotz

Warm­ma­chen fürs Komplett-​​Kontrastprogramm der Head­li­ner: die Mons­ters Of Lie­der­ma­ching. Sechs Mann im Halb­kreis, fünf Akustik-​​Klampfen und lose Mund­werke — das bleibt in Sachen Dezi­bels über­schau­bar, ist aber nicht nur auf Club-​​Bühnen, son­dern auch open-​​air ein ech­ter Knal­ler. Und den Rest rich­tet das Publi­kum: Fred Timms von einem schmerz­haf­ten Zahn­arzt­be­such berich­ten­der „Lady In Black“-Ableger „Mar­zi­pan“ ani­miert die Klotze gleich mal zum kräf­ti­gen Einstimmen.

Sti­lis­tisch hat die Wandergitarren-​​Community alles drauf, was das Genre her­gibt. Und das liegt vor­nehm­lich an der Zusam­men­set­zung der bun­ten Truppe, die neben Gemein­schafts­wer­ken wie „Ich trink dich schön“ aus den mehr­stim­mig und viel­sai­tig prä­sen­tier­ten Solo­wer­ken der sechs Mons­ter besteht: Rüdi­ger Bier­horst aus Ber­lin, Tors­ten Kühn alias Der Flotte Totte, das gitar­ren­lose Mons­ter Jan Lab­in­ski alias Labörn­ski, Sän­ger im Duo Fri­sche Mische, Fred Timm, das ehe­ma­lige Mit­glied von Nor­bert und die Feig­linge, der umtrie­bige Peer Jen­sen alias Pen­sen und Jens Bur­ger alias Bur­ger, bis vor kur­zem Front­mann der inzwi­schen auf­ge­lös­ten Schröders.

Der sorgt mit dem alten Punkrock-​​Gröhler „Tod in der Nord­see“ gleich für den ers­ten Sitz­pogo. Was folgt, ist ein ganz extra­or­di­nä­rer „Fest“-Auftritt, der dank blan­kem Non­sens („Ich brauch ein Döner“ und „Türen“), hei­te­rem Namen­rei­men („Inter­esse ist gut“), schwar­zem Humor („Sususu„izid) oder der fri­vo­len Oral­ver­kehrhymne „Bla­sen­schwä­che“ ent­spann­ten Spaß ver­brei­tet. Und beim ganz offen­sicht­lich zün­den­den Sicher­heits­kon­zept mit der viel dis­ku­tier­ten Ein­lass­be­schrän­kung wäre man­cher­orts auf dem Hügel sogar noch Platz geblie­ben für ein zünf­ti­ges Lagerfeuer.