Lost - Die komplette sechste StaffelNach 121 Fol­gen ist alles vor­bei. Ver­lo­ren fühlt sich jener Teil der Anhän­ger, der den Mystery-​​Serienhit um die ver­schol­le­nen Pas­sa­giere des ent­zwei­ge­bro­che­nen Boeing-​​777-​​Flugs Ocea­nic 815 im ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal ver­folgt hat, schon seit dem 23. Mai. Auch Kabel eins hat fer­tig, nun ist die Final Sea­son von „Lost“ auf DVD und Blu-​​ray (Walt Dis­ney Home Enter­tain­ment) zu haben. Und es wird Zeit, die ele­men­ta­ren Ant­wor­ten aus dem Hut zu zaubern.

Seit der ers­ten Aus­strah­lung im Jahr 2004 wurde die Serie mit den schöns­ten Schweiß­rän­dern der Fern­seh­ge­schichte ihrer ver­track­ten Rät­sel und der aus­ge­feil­ten, sich bestän­dig ent­wi­ckeln­den Cha­rak­tere wegen selbst zum Phä­no­men. Im Lauf von sechs Jah­ren „Lost“ haben die Macher Damon Lin­delof, Carl­ton Cuse und J.J. Abrams mit der (nun auch in den Eröffnungs-​​Credits die Ame­ri­can Broad­cas­ting Com­pany prei­sen­den) Pro­duk­tion aller­dings deut­lich mehr Fra­gen auf­ge­wor­fen, als sie Ant­wor­ten geben woll­ten. Und längst nicht alle Geheim­nisse lüf­tet die „Kom­plette sechste Staffel“.

Neues Erzähl­stil­mit­tel: die Alt

„Bis­her bei Lost“: Die fünfte Staf­fel endete mit einem Whi­te­screen, die Was­ser­stoff­bombe an der Dharma-​​Baustelle, die im Jahr 1977 den Vor­fall ver­hin­dern sollte, ist hoch­ge­gan­gen und lässt nun für unsere Los­ties zwei Zeit­li­nien ent­ste­hen: Die in Fankrei­sen als Alt beti­telte alter­na­ti­ven Flash­si­de­ways erset­zen die bis­he­ri­gen Erzähl­mit­tel Flash­back, Flash­for­ward und Zeit­sprung. Sie zei­gen unsere Prot­ago­nis­ten, wie sie von Syd­ney aus unbe­scha­det über die gesun­kene Insel hin­weg­flie­gen, den Ziel­flug­ha­fen in Los Ange­les errei­chen und ihre auf­fäl­lig kon­stru­iert ver­knüpf­ten Leben leben, in denen man sich unter ande­ren Vor­aus­set­zun­gen begeg­net. Par­al­lel hän­gen Jack (Matthew Fox), Kate (Evan­ge­line Lilly), Hur­ley (Jorge Gar­cia), Sayid (Naveen And­rews), Jin (Daniel Dae Kim), Juliet (Eliza­beth Mit­chell), Sawyer (Josh Hol­lo­way) und Miles (Ken Leung) aber nach wie vor und zurück in der Gegen­wart des Jah­res 2007 auf der Insel fest.

Schein­bar bedeut­same Plot­pfade ver­lau­fen sich im Sande

Dort spit­zen sich die Ereig­nisse zu: Die Gruppe muss in den von Dogen (Hiroyuki Sanada) beherrsch­ten Tem­pel der Ande­ren flüch­ten, der Mann in Schwarz (Titus Wel­li­ver) greift an, auch der ver­trie­bene Insu­la­ner Charles Wid­more (Alan Dale) macht sich bereit fürs letzte Gefecht und die Ver­schol­le­nen erfah­ren, was sie eigent­lich mit der Insel ver­bin­det: Sie sind Kan­di­da­ten. Denn Jacob (Mark Pel­le­grino), der Beschüt­zer des Lichts, sucht einen Nachfolger.

Wir erfah­ren in die­sen 18 fina­len Fol­gen und 766 Minu­ten Lauf­zeit zwar, was hin­ter dem schwar­zen Rauch steckt, wer Flo­cke und wo Claire (Emi­lie de Ravin) ist, wie Jacob, der eben­falls nicht alternde Guru Richard „Ricardo“ Alpert (Nes­tor Car­bonell) und die Black Rock auf die Insel kamen, auch wofür die Zah­len­folge 4–8-15–16-23–42 steht. Die tie­fere Bedeu­tung des viel­leicht reiz­volls­ten „Lost“-Geheimnisses wurde bedau­erns­wer­ter­weise wie eigent­lich fast alles Wis­sen­schaft­li­che mit Mythos ver­klärt, ist nicht mehr als Schall und Rauch. Warum keine lebens­fä­hi­gen Kin­der auf der Insel gebo­ren wer­den kön­nen und wie sich das Eiland bewe­gen lässt, sind nur zwei der voll­kom­men offe­nen Fragen.

Ers­tere wird immer­hin (ebenso wie die Eis­bä­ren, der Hurley-​​Vogel, die Her­kunft der unab­läs­sig vom Him­mel fal­len­den Dharma-​​Carepakete und der Ver­bleib von Walt) im Epi­log ange­spro­chen. Des­sen Geschichte hatte sich ja wie so viele andere schein­bar bedeut­same Plot­pfade im Sande ver­lau­fen. Diese los­ge­löste Erklä­rung ist aber nicht mehr als ein net­ter Gim­mick. Der Zuschauer bleibt viel­fach unwis­send, unbefriedigt.

It’s All About Jack

Und aus­ge­rech­net die magi­sche Über­hö­hung der Insel als sol­ches, das schein­bar unaus­weich­lich Vor­ge­ge­bene, ent­puppt sich letzt­end­lich ein gutes Stück weit mensch­ge­macht — von einem, der sich weni­ger als beru­fen­der gott­glei­cher All­mäch­ti­ger in Weiß, son­dern viel­mehr ziem­lich nai­ver Grals­hü­ter aufs Gera­te­wohl her­aus­stellt. Doch was ist die Insel nun? Him­mel, Hölle, Fege­feuer oder ein Tag­traum im Wim­pern­schlag des ster­ben­den Oceanic-​​Passagiers Jack She­pard? Wäre immer­hin stim­mig. Nein, sie soll wohl tat­säch­lich Rea­li­tät sein, wie eine der letz­ten Ein­stel­lun­gen (der im Bam­bus hän­gende, im Ver­gleich mit sei­nem Auf­tritt im Pilot deut­lich geal­terte Schuh) beweist. In Erin­ne­rung bleibt eine ganz starke Gän­se­hautschluss­szene, die wie jede gute Story ihren Beginn auf­greift! Und dann wis­sen wir’s schließ­lich: It’s All About Jack.

Man sollte sich bei aller Krit­te­lei an einem der groß­ar­tigs­ten TV-​​Epen, die bis dato pro­du­ziert wur­den, immer vor Augen hal­ten, dass „Lost“ in ers­ter Linie eine Mystery-​​Show (mit gro­ßer Hin­gabe zum jeder­zeit berüh­ren­den, anzie­hen­den, fes­seln­den Drama!) ist und Mys­te­rien müs­sen sich auch nicht immer logisch erklä­ren las­sen. Wir haben sie hin­zu­neh­men, die Zeit­rei­sen und Visio­nen, Unsterb­li­che und Toten­flüs­te­rer, die über­na­tür­li­chen Kräfte und ebenso das Ende — ein dis­kus­si­ons­wür­di­ges, das die Anhän­ger­schaft nicht nur in Män­ner des Glau­bens und Män­ner der Wis­sen­schaft spaltet.