SëpingBad Schön­born — Als Sybille Berger-​​Jenisch 1991 nach vier­ein­halb Jah­ren aus China zurück­kommt und ihren Ate­lier­hof grün­det, ist sie nicht mehr die­selbe. Sie heißt jetzt Sëping. Ich denke an die kleine Was­ser­linse — so die sinn­ge­mäße Über­set­zung der Schrift­zei­chen — ist für die Wahl-​​Bad-​​Schönbornerin aller­dings mehr als ein Künstlername.

Sie ist beseelt vom Chi­ne­si­schen, „von Zart­heit, Poe­sie und der Freude am Stau­nen“, wie sie es nennt. Und Sëping hat lange abge­schlos­sen mit den 17 Jah­ren All­tag als Leh­re­rin für Deutsch und Kunst. „Bewe­gung gehört zum Leben“, sagt sie. Und die Ver­än­de­rung bestimmt ihr Schaf­fen: rei­ßen, rup­fen, dre­hen, knül­len, kni­cken, kle­ben – und neu arran­gie­ren. Sëping ist längst auch eine Marke, Syn­onym für Papier­kunst, Kno­ten­bil­der und Faltungen.

Ein Emp­feh­lungs­schrei­ben des Karls­ru­her Kunstakademie-​​Professors Klaus Arnold öff­net ihr die Tür zum Stu­dium an der Zen­tra­len Aka­de­mie der Bil­den­den Künste in Peking. Als ein­zige Aus­län­de­rin in einer sechs­köp­fi­gen Gruppe. Damals, 1988, lebt sie bereits seit zwei Jah­ren in der Volks­re­pu­blik, ließ sich von einem Künst­ler in der tra­di­tio­nel­len Tuschma­le­rei aus­bil­den. Ihr von Por­zel­lan und glit­zern­den Gewän­dern gepräg­tes Bild des ost­asia­ti­schen Lan­des hatte Sëping längst revi­die­ren müssen.

„Mein Name war ein Geschenk“

Und wenn sie heute in ihrem Ate­lier­hof beim Jas­min­tee über diese nach­hal­tige Zeit spricht, in der es „jeden Tag ein neues Aben­teuer zu erle­ben galt“, dann blüht die Erin­ne­rung wie ein jun­ger Man­del­baum im Früh­jahr. „Ich habe schnell die Spra­che gelernt, wollte unbe­dingt kul­tu­rell ein­tau­chen“, sagt Sëping. „Das ‚E’ bleibt übri­gens stumm“, erklärt sie die kor­rekte Aus­spra­che ihres Namens, den sie ihrem Chinesisch-​​Lehrer ver­dankt – und das ist durch­aus wört­lich zu neh­men: „Es war ein Geschenk, das mich wie ein gutes Omen durchs Leben beglei­ten soll und meine Nähe zur Natur doku­men­tiert“, sagt sie.

Von ihrem ursprüng­li­chen Vor­ha­ben, die Land­schafts­ma­le­rei zu erler­nen, hatte sich Sëping schnell wie­der abbrin­gen las­sen. Ihr Lehr­meis­ter erkannte näm­lich ein ganz ande­res Talent und auch sei­ner Schü­le­rin genügte es bald nicht mehr, „abzu­bil­den, wie ein chi­ne­si­scher Tem­pel aus­sieht. Ich wollte die Gegen­sätz­lich­keit des Lebens in Bild­spra­che über­set­zen“. Sie wid­met sich der Anpai, der Bild­or­ga­ni­sa­tion, in der lee­rer Raum einen beson­de­ren Platz ein­nimmt. Wenige Far­ben, Tusche in allen Abstu­fun­gen, poe­ti­sche Schrift­zei­chen und groß­zü­gige Weiß­räume zeich­nen die Male­rei aus. Es blieb eine Phase; „irgend­wann hatte ich den Weg aus­ge­kos­tet“, sagt Sëping. Und zwar nach der Gemein­schafts­aus­stel­lung mit ihren Kom­mi­li­to­nen am Stu­die­nende, ihrer ers­ten gro­ßen Ein­zel­aus­stel­lung im Wan-​​Shou-​​Si-​​Tempel von Peking und der Ein­la­dung zur Inter­na­tio­na­len Aus­stel­lung Bil­den­der Künste in Jinan, wo ihr Bild „In den Ber­gen stei­gen“ aus­ge­zeich­net wird.

Sëping Zurück in der fremd gewor­de­nen Hei­mat foto­gra­fiert Sëping che­mi­sche Mal­pro­zesse und beginnt damit, ihre Arbeit mehr und mehr an Mate­rie, Ober­flä­che und Ver­än­der­bar­keit aus­zu­rich­ten. Schließ­lich wird kon­se­quen­ter­weise das glat­teste Mate­rial zu ihrem Werk­stoff. Sie bringt Reis– und Indus­trie­pa­piere in Form: Es ent­ste­hen Pergament-​​Collageteppiche, die „Mond­wie­sen“, Kno­ten­re­liefs oder auch Wind­fah­nen, die sich aus mit stär­ke­ren und schwä­che­ren Linien bemal­ten und dann zer­ris­se­nen Papie­ren zusam­men­set­zen. Und da ist sie wie­der, die Bewegung.

„Drei­di­men­sio­nale Male­rei“, wirft Sëping ein, „ist für mich die Summe mei­ner bis­he­ri­gen Lebens­er­fah­run­gen vor dem Hin­ter­grund chi­ne­si­scher Phi­lo­so­phie. Künst­le­ri­scher Anspruch an Ein­fach­heit und die Nähe zur Natur bestim­men meine Arbeit. Ich bilde nicht ab, ich erfinde meine Objekte und Bild­räume“. Wel­chen Weg sie beschrei­tet, ent­schei­det Sëping intui­tiv: „Wenn ich Papier bemale, springt mich die Farbe an“, sagt sie. Den­noch: Weiß und Rot domi­nie­ren. „Das Mas­sa­ker am Platz des Himm­li­schen Frie­dens, die Demons­tran­ten, die mit wei­ßen Shirts los­ge­zo­gen und mit blu­ti­gen zurück­ge­kehrt sind – das hat mich lange beschäf­tigt“, ver­rät Sëping, die das Weiße auch als Aus­druck der Rein­heit und Klar­heit ver­wen­det, es aber zugleich als Summe aller Far­ben begreift. „Rot dage­gen sym­bo­li­siert für mich die Ener­gie des sich ent­wi­ckeln­den Lebens, der Kraft und der Liebe“, erklärt sie die vor­herr­schende Farb­dua­li­tät im Ate­lier, das ver­gleichs­weise leer steht.

Goe­the ent­fal­tet sich auf Bambus

Denn sie zeigt ihre Arbeit gerade auf der Wan­der­aus­stel­lung „Fas­zi­na­tion Papier“. Auch an ande­rer Stelle begeg­nen uns ihre unter ande­rem mit dem „Kunst­preis für Objekt­kunst“ des Kunst­fo­rums Forst aus­ge­zeich­ne­ten Arbei­ten; etwa im Karls­ru­her Regie­rungs­prä­si­dium, der Lan­des­zen­tral­bank Stutt­gart, jüngst auf der „Art Karls­ruhe“ als Gast­künst­le­rin des Kunstgalerien-​​Portals Art­ports oder bei der Dau­er­aus­stel­lung im Hause der Bad Schön­bor­ner Unter­neh­mens­gruppe Brust + Part­ner.

Der­zeit beschäf­tigt sich die Mit­be­grün­de­rin des Bret­tener Kunst­ver­eins mit Buch­kunst. In Anleh­nung an eine Fest­schrift aus dem Faust-​​Museum in Knitt­lin­gen arbei­tet sie an der Instal­la­tion „Goe­the im Zei­chen des Mars“, in der sich des Dich­ters und Den­kers Worte in einem ganz neuen Kon­text auf Bam­bus entfalten.