Jürgen DebatinBruch­sal — Als Jür­gen Deba­tin die still­ge­legte väter­li­che Webe­rei in der Bruch­sa­ler Schnabel-​​Henning-​​Straße zum Rock­la­den umbaut, bre­chen die 80er Jahre gerade an. Von 10. bis 12. Juni fei­ert die Fabrik ihr 30-​​Jähriges mit einem Open-​​Air und Patrick Wurs­ter traf den Musikclub-​​Gründer zum Jubiläumsrückblick.

???: 30 Jahre Club­ge­schäft — was hat sich ver­än­dert?
Jür­gen Deba­tin: Es ist schwie­ri­ger gewor­den, sein Publi­kum zu bekom­men. Und das liegt längst nicht nur daran, dass das Aus­ge­h­an­ge­bot grö­ßer gewor­den ist. Gebur­ten­schwa­che Jahr­gänge, die ste­tig gesun­kene Pro­mil­le­grenze und das Rauch­ver­bot spie­len sicher­lich eine gewisse Rolle, aber in ers­ter Linie hat sich das Aus­geh­ver­hal­ten in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren mas­siv geän­dert: Clubs, Knei­pen, Dis­ko­the­ken — das waren immer auch Treff­punkte, um Freunde und natür­lich auch das andere Geschlecht zu sehen. Diese Funk­tion über­neh­men heut­zu­tage auch die sozia­len Netz­werke wie Face­book. Dazu kommt: Den Mee­ting Point, den einen Laden, wo jeder hin­geht, gibt es in die­ser Form nicht mehr. Die Jugend­li­chen haben keine Stamm­lo­ca­tion, sie sind in Grup­pen unter­wegs und suchen sich von Woche zu Woche etwas Neues. Des­halb ist das Club­ge­schäft nicht mehr auf eine Sieben-​​Tage-​​Woche, son­dern ganz stark auf den Event ausgerichtet.

???: Von den Regu­lars der Anfangs­tage ist wenig geblie­ben…
Deba­tin: Als Mitte der 80er Jahre die Anzie­hungs­kraft von Bands wie Uriah Heep, Naza­reth, Gol­den Earing oder Black Sab­bath zuse­hends nach­ge­las­sen hat, stellte ich mit mei­nen Part­nern Die­ter Zip­perle und Peter Wach­ter auf The­men­abende um: mon­tags ein rei­ner Heavy-​​Metal-​​Tag, diens­tags Wave-​​Abend. 1992, mit dem Umzug in die Räume der Dis­ko­thek Spitze im Indus­trie­ge­biet Steg­wie­sen, kamen die ers­ten elek­tro­ni­schen Klänge auf den Markt. Mein Wave-​​DJ hat dann diese Musik in der neuen Fabrik ein­flie­ßen las­sen — dar­aus wurde der Techno-​​Dienstag und mit ihm die Fabrik zur ers­ten Elektro-​​Adresse im Groß­raum Bruch­sal. Das war auch die Zeit, in der wir die Rock­fa­brik nament­lich zur Fabrik ver­kürz­ten, um musi­ka­lisch offe­ner sein zu kön­nen. Dann waren Schla­ger und NDW ange­sagt. Knutschfleck-​​Frontmann Chris­tian Fritz hat uns damit Mitte der 90er mehr als fünf Jahre den Laden gefüllt. Heute zieht DJ Mütze am „Alter­na­tive Fri­day“ das junge Publi­kum. Aber ein Stück­chen 80er hat sich die Fabrik bewahrt: mit „Best Of Rock“ unse­rer dienst­äl­tes­ten DJane Tanja, die schon in der alten Fabrik auf­ge­legt hat.

???: Wie schwer ist es in einer Stadt wie Bruch­sal, sich mit einem gro­ßen Musik­club zwi­schen Karls­ruhe und Hei­del­berg zu behaup­ten?
Deba­tin: Frü­her hat­ten wir auch viel Karls­ru­her Publi­kum, aber die Stadt ist in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren attrak­ti­ver gewor­den, wes­halb die Karls­ru­her nicht mehr unbe­dingt nach Bruch­sal kom­men. Und natür­lich gefällt den Leu­ten im Bruch­sa­ler Umland die Attrak­ti­vi­tät von Karls­ruhe oder Hei­del­berg. Aber ohne Nach­wuchs stirbt jeder Musik­club. Des­halb musst du als Club­be­trei­ber das Ohr immer an den musi­ka­li­schen Strö­mun­gen der Zeit haben. Und auf­grund der Tat­sa­che, dass wir die­ses Jahr unser 30. Jubi­läum fei­ern, dürf­ten wir da nicht ganz falsch liegen.

???: Die Bruch­sa­ler Rock­fa­brik bekam schnell Namens­vet­tern — siehst du es mit Stolz oder Ver­är­ge­rung, dass euer inno­va­ti­ves Club­kon­zept mit dem back­stei­ni­gen Industrial-​​Look so viele Nach­ah­mer gefun­den hat?
Deba­tin: Weder noch. Nach uns eröff­nete die nächste Rock­fa­brik in Lud­wigs­burg, dann kamen Augs­burg, Nürn­berg und Schwein­furt. Im Nach­hin­ein betrach­tet hät­ten wir uns den Namen schüt­zen las­sen sol­len. Aber das sehe ich entspannt.

???: Eine Bruch­sa­ler Kar­riere begann 1999 in der Fabrik: Lutz Leich­sen­ring, der spä­ter die Even­tagen­tur nacht​aus​gabe​.de grün­dete, machte hier die ers­ten Ver­an­stal­tungs­er­fah­run­gen. Auf der Route sei­ner „Nacht-​​Kult-​​Tour“ lag auch die Fabrik. Wie sehr schmerzt es euch, dass die Stadt mit ihren Auf­la­gen das Knei­pen­fes­ti­val prak­tisch kaputt­re­gu­liert hat?
Deba­tin: Die „Nacht-​​Kult-​​Touren“ waren neben dem Image­ge­winn für den Stand­ort Bruch­sal durch­aus lukra­tiv für uns: Nach­dem in der Stadt die Lich­ter aus­ge­gan­gen sind, kamen alle zum Par­ty­ma­chen zu uns. Aber die zuletzt prak­ti­zierte Kom­bi­na­tion mit der „Kauf­nacht“, Shop­pen und Fei­ern — das hat nicht funk­tio­niert. Damit ist die Ver­an­stal­tung wohl lei­der end­gül­tig gestorben.

???: Die Fabrik ist ja nicht nur Dis­ko­thek, son­dern auch Live­club. Wie sieht es denn in Sachen kul­tu­rel­ler För­de­rung von­sei­ten der Stadt aus?
Deba­tin: Da die Fabrik das kul­tu­relle Ange­bot der Stadt Bruch­sal erwei­tert, wäre ein bes­se­rer Sup­port wün­schens­wert. Die Ver­eine dür­fen bei­spiels­weise ihre Ver­an­stal­tun­gen umsonst pla­ka­tie­ren, wir dage­gen müs­sen pro Pla­kat fünf Euro plus Bear­bei­tungs­ge­bühr bezah­len — da kom­men zehn Pla­kate auf stolze 75 Euro. Zum Ver­gleich: Bis zum Früh­jahr 2009 gab es 25 Pla­kate pau­schal für 30 Euro. Ich habe in die­ser Ange­le­gen­heit bereits das Gespräch mit dem Kul­tur­amt gesucht — ohne Erfolg. Eine Son­der­ge­neh­mi­gung für kom­mer­zi­elle Ver­an­stal­ter ist in Bruch­sal nicht vorgesehen.

???: Was erwar­tet die Besu­cher beim Geburtstags-​​Open-​​Air?
Deba­tin: Am Frei­tag spie­len auf der Grün­an­lage ent­lang der Pfinz­straße Green Play Green Day, die Emo-​​Pop-​​Punkrocker Fat Head und die Rammstein-​​Coverband Rand­stein. Sams­tag gibt’s Classic-​​Rock mit dem Doors-​​Tribute Love Street, Demon’s Eye haben die Songs von Deep Pur­ple im Pro­gramm, dann kom­men die Echoes mit ihrer XL-​​Pink-​​Floyd-​​Show. Und am Sonn­tag ste­hen Across The Bor­der und die Irie Révol­tés auf der Open-​​Air-​​Bühne. In der Fabrik stei­gen par­al­lel Mot­to­par­tys mit Rock und Punk, 80er und 90er, Reg­gae und Ska.

???: Erst 1999 habt ihr euch mit Him der zehn Jahre ver­nach­läs­sig­ten Live­mu­sik beson­nen. Was war dein per­sön­li­ches Konzert-​​Highlight in 30 Jah­ren Fabrik?
Deba­tin: Wir haben schon in der alten Fabrik auf Live­mu­sik gesetzt, da stan­den für die dama­lige Zeit pro­mi­nente Namen auf der Bühne: Schwoiß­fuaß, Mor­gen­rot, Her­man Brood, Wish­bone Ash, Ten Years After, War­lock, Pete York oder Stan Webb’s Chi­cken Shack. In der neuen Fabrik haben unter ande­rem Kro­kus, die Pretty Maids, Sur­vi­vor, L’Âme Immor­telle und Doro gespielt. Aber mein ganz per­sön­li­ches High­light ist der Auf­tritt von Tito & Taran­tula beim ers­ten Fabrik-​​Booking. Mitt­ler­weile hatte ich sie drei­mal hier — und dann ist das mit der Musik ja immer auch ein biss­chen wie beim Sex.