19. August 2011
Der ganz große Traum
England ist bekanntermaßen Fußball-Mutterland. Aber es dürfte selbst passionierten Anhängern neu sein, dass die „Fusslümmelei“ zu Turnvater Jahns Zeiten als anarchistisch und undeutsch verrufen einen schweren Stand hatte. Und dass ein Pädagoge 1874 den Anstoß gab, in Deutschland Fußball zu spielen. Diesem Wilhelm Carl Johann Conrad Koch widmet Regisseur Sebastian Grobler sein Kinodebüt „Der ganz große Traum – Oder wie der Lehrer Konrad Koch den Fußball nach Deutschland brachte“ (Senator Home Entertainment).
Der am Martino-Katharineum in Braunschweig als Englischlehrer eingestellte Konrad Koch (Daniel Brühl) greift zu ungewöhnlichen Methoden, um seine Eleven für die fremde Sprache zu gewinnen: Football und Fairplay heißen von nun an die Vokabeln anstelle der Deutschen Tugenden Zucht und Ordnung.
Doch außer seinem heimlich mit dem aufgeklärten Zeitalter liebäugelnden Direktor (Burghart Klaußner) würden das auf preußisch-militärischen Drill getrimmte Kollegium (Thomas Thieme, Jürgen Tonkel), Eltern (Kathrin von Steinburg, Axel Prahl) und andere Autoritäten (Josef Ostendorf, Justus von Dohnányi) den querdenkenden Teetrinker liebend gerne samt Lederball wieder auf die Insel schießen. Als Koch kurz vor dem Rausschmiss steht, beweist die Klasse von Außenseiter Joost (Adrian Moore) bis zum schnöseligen Felix (Theo Trebs) Teamgeist und kickt vor der kaiserlichen Delegation gegen die Engländer. Und für ihren Trainer.
„O Käpt’n, mein Käpt’n…“ Vergleiche mit dem „Club der toten Dichter“ hat sich Grobler selbst zuzuschreiben. Der offensichtliche Klassenunterschied ist aber nicht so immens, dass es um die Tragik des ganz großen Vorbilds erleichtert bei drei Nominierungen für den „Deutschen Filmpreis“ („Bester Film“, „Beste Kamera/Bildgestaltung“, „Bestes Kostümbild“) keine Chancen im Titelrennen gegeben hätte. Und nach einem ebenso humorvollen wie verständlichen Einwurf in Sachen Abseitsregel hält die Komödie in Minute 103 noch eine erstaunliche Schlussbemerkung parat: Bayerischen Schülern war das Fußballspielen bis 1927 verboten.
